"Wir wollen einen Schutzraum bieten"

Zwei Pädagogen aus der Blumenau sprechen über die Arbeit in einem Problemviertel und das Dilemma, nicht für alle Jugendlichen da sein zu können.
christian-helten

Vor zwei Wochen hat jetzt.de eine Fotoslideshow und einen Text über die Blumenau veröffentlicht. Es ging um eine Messerstecherei, bei der 2009 der 24-jährige Efdal K. erstochen wurde, um die Aufarbeitung der Tragödie bei den Jugendlichen im Viertel. Daraufhin gab es eine rege Debatte auf jetzt.de, und auch im Freizeitheim „Treff 21“, in das viele der Jugendlichen, die an der Schlägerei beteiligt waren, zum Boxtraining kamen. Die Leiterin des Treffs, Anke Reincke, und Sozialpädagoge Philipp Nägele sprechen über ihre Arbeit und Reibereien mit den Jugendlichen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert


 
jetzt.de: Der Treff 21 soll ein Schutzraum für die Jugendlichen sein. Was genau bedeutet das?
Reincke: Die wichtigste Regel ist, dass hier niemand abgewertet wird und keine Gewalt stattfindet. Darunter fällt auch jegliche Art von Mobbing.
Nägele: Wir setzen hauptsächlich einen Kontrapunkt. Es gibt für die Jugendlichen verschiedene Bezugskreise: Den Stadtteil, die Schule, den Freundeskreis, die Familie. In den meisten dieser Kreise geht es wesentlich rauer zu als bei uns. Ein Beispiel: Es kommt immer wieder vor, dass die Polizei auf den Schulhof kommt, weil es so krasse Schlägereien gibt, dass Leute ins Krankenhaus müssen. Letztlich wollen wir zeigen, dass man auch anders miteinander umgehen kann. Wenn hier also einer den anderen „Opfer“ oder „schwule Sau“ nennt, thematisieren wir das.
 
jetzt.de: Was machen Sie genau?
Nägele: Ich frage ihn: Was ist denn überhaupt ein Opfer oder ein Schwuler? Fragen funktioniert da besser als belehren. 
 
jetzt.de: Es gibt aber auch Hausverbote bei Ihnen. . .
Nägele: Richtig, aber ein Hausverbot ist nie willkürlich. Es geht darum, den Schutzraum zu gewährleisten. Das ist eine Frage des richtigen Maßes. Wenn sich jemand einmal daneben benimmt, thematisiert man es. Wenn es massiver wird, gibt es ein Gespräch. Und wenn es nicht aufhört, dann fliegen sie raus. Es gibt da aber keine Standard-Strafen. Deswegen ist die Beziehung zu den Jugendlichen so wichtig. Dann kann man einfach einschätzen, ob jemand nur einen schlechten Tag hat.
 
jetzt.de: Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Pädagogen und Jugendlichen denn beschreiben?
Reincke: Wir suchen pädagogische Fachkräfte, die Lust auf Reibung haben. Das ist ganz wichtig, die Jugendlichen wollen ernst genommen werden und sich auseinandersetzen.
Nägele: Freundschaft ist es sicher nicht, und das darf es auch nicht sein. Loyalität, Empathie und Parteilichkeit für die Jugendlichen müssen natürlich da sein. Man muss ihre Sorgen kennen, aber auch Grenzen setzen können.

jetzt.münchen: Ihre Kernaufgabe sind die 10- bis 18-Jährigen. Früher gab es noch das Boxtraining für die Älteren, das aber wegen schlechter Kommunikation mit dem Trainer eingestellt wurde. Manche haben das nicht verstanden.
Nägele: Das Boxtraining ist ein großartiges Angebot, das wir auch wieder beleben wollen. Der Trainer kommt aus dem Stadtteil und hat eine ähnliche Geschichte durchlaufen wie die Jungs und ist ein Vorbild. Er hat also eine Kompetenz, wir haben die Räumlichkeiten. Nur braucht dieses Zusammenspiel Regeln. An manche hat er sich nicht gehalten. Das sind Probleme, die man lösen kann. Aber dazu muss man miteinander sprechen, was zum Schluss nicht mehr möglich war.
 
jetzt.de: Ist das ein grundsätzliches Problem? Dass Engagement an Regeln scheitert, die Sie als Einrichtung befolgen und vorgeben müssen?
Nägele: Wir stecken da auch in einem Dilemma. Unsere Entscheidung war, abgestimmt mit dem Jugendamt, als Kernklientel die 10- bis 18-Jährigen anzusprechen. Wenn wir jetzt den Donnerstag und den Freitag für die Älteren bis 27 öffnen, dann gehen die Jüngeren raus und ziehen sich zurück. Deswegen müssen wir es ausgewogen halten. Das sehen viele aber nicht. Sie sehen: Wir machen zu wenig für die Älteren.
Reincke: Das Dilemma für uns ist, dass der Bedarf im Stadtteil so groß ist, dass der Treff 21 nicht für alle Zielgruppen da sein kann. Deswegen wurden ja auch Streetworker für die jungen Erwachsenen ab 18 Jahren in den Stadtteil geholt.
jetzt.münchen: Gibt es konkrete Pläne, das Boxtraining wieder einzuführen?
Nägele: Zunächst überlegen wir, Ende des Monats hier eine Podiumsdiskussion machen, mit Vertretern der relevanten Gruppen, also vom Treff 21, von der Boxgruppe und den Streetworkern. Davon erhoffen wir uns, die verschiedenen Gruppen wieder in einen Dialog zu bringen. Am Ende könnte ein Ausblick stehen, wer nach der Sommerpause des Treffs das Boxtraining übernehmen könnte und wie es ablaufen könnte.
 
jetzt.de: Vor zwei Jahren gab es hier eine Massenschlägerei mit einem Toten. Wie haben Sie die Zeit nach dieser Tragödie erlebt?
Nägele: Die Jungs waren danach jeden Tag bei uns. Mit aller Wut, mit aller Traurigkeit, mit aller Verzweiflung. Wir waren in der Zeit danach täglich da und haben Räume zur Verfügung gestellt für Rechtsanwaltsgespräche, Trauerbewältigung und einiges mehr. Glücklicherweise hatten wir vorher schon eine gute Beziehung zu der Clique durch ein Anti-Aggressionstraining, das wir vorher mit ihnen gemacht hatten, weil es in der Vergangenheit massive Probleme gegeben hatte. Wir haben da eine Beziehung aufgebaut, die nach dem Vorfall und Efdals Tod ganz wichtig war.

  • teilen
  • schließen