Wurfsendung: "Man muss sich darauf einlassen"

Seit fünf Jahren sendet das Deutschlandradio Kultur die „Wurfsendung“. Zum Geburtstag des kleinen Formats sprachen wir mit der Projektleiterin Julia Tieke über den Reiz der Kürze und den Wurfsendung-Jubiläumswettbewerb.
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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Was muss ich mir unter der Wurfsendung vorstellen? Julia Tieke: Die Wurfsendung ist ein Format mit Mini-Hörspielen von bis zu 45 Sekunden Länge, die verschiedenste Themen und Formen bedienen, von gespielten Szenen bis zu Originaltoncollagen ist alles dabei. Wir senden sechs Mal am Tag und am Wochenende drei Mal am Tag so genannte Wurfpakete mit ein bis drei Stücken hintereinander. Dabei gibt es keinen festen Sendeplatz, die Stücke unterbrechen das laufende Programm, indem sie einfach hineingeworfen werden. So wie Werbung im privaten Rundfunk? Genau, von den Werbespots ist die Wurfsendung auch inspiriert. Dr. Wolfgang Hagen, unser Leiter der Hauptabteilung Kultur, hat mal bei einem privaten Sender gearbeitet und dort festgestellt, dass die Werbung manchmal interessanter war als der Rest des Programms. Bei uns gibt es keine Werbung, aber er wünschte sich ähnlich kurze und knackige Szenen im laufenden Programm – die aber nicht für ein bestimmtes Produkt, sondern für den Rundfunk selbst werben. Wie und von wem werden die Wurfsendungen produziert? Was Hörspiel und Feature im Großen sind, das ist die Wurfsendung im Kleinen. Von daher läuft der Prozess auch ähnlich ab. Meist senden freie Autoren Manuskripte, aus denen ich auswähle. Der Unterschied zu den „großen“ Produktionen besteht aber darin, dass die Autoren ihre Vorschläge in Serien von etwa zehn Stücken liefern, weil es sich nur dann lohnt, Schauspieler, einen Regisseur usw. für eine Produktion zu engagieren. Das Durchschnittsalter Ihrer Hörer ist ja wahrscheinlich relativ hoch. Wie reagiert diese Hörerschaft auf die Wurfsendungen? Wir hatten vor allem am Anfang eine riesige Resonanz, weil das Format ganz neu war und das Hochkulturprogramm mehrmals am Tag unvermittelt unterbrochen hat. Es war eben provokativer, frecher, manchmal auch böser als die Beiträge, die sonst liefen. Auch heute werden die Stücke oft noch kontrovers diskutiert. Man muss sich eben erst mal darauf einlassen. Aber zwei Drittel der Zuschriften, die wir bekommen, sind positiv. Erinnern Sie sich an eine besondere Hörerreaktion? Wir hatten mal Collagen im Programm, in denen es um Orte mit komischen Namen in den verschiedenen deutschen Bundesländern ging. Einer dieser Orte war „Wassersuppe“ und ein Hörer schrieb, er sei mit ein paar Freunden dorthin gefahren, um zu picknicken und dabei noch mal die Wurfsendung zu hören. Haben Sie eine Lieblingswurfsendung? Aktuell haben wir eine Serie namens „Frankenstein-Sessions“, die ich sehr gerne höre. Da werden verschiedene Genres gekreuzt, z.B. Beethovens Neunte mit Jodeln. Das klingt dann so zwischen sehr gekonnt und furchtbar.

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Illustration: Julia Schubert

Dieses Jahr feiert die Wurfsendung ihren fünften Geburtstag und darum wurde ein Wettbewerb ins Leben gerufen, bei dem jeder Wurfsendungen einreichen kann. Eines der zwei vorgegebenen Themen ist „Stocken“ – was hat es damit auf sich? Dabei soll es um Vorsätze und Ausreden gehen und darum, wie und warum man beim Sprechen ins Stocken gerät. Stücke zu diesem Thema dürfen bis zu 45 Sekunden lang sein. Das zweite Thema heißt „Zwitschern“. Spielt das auf „Twitter“ an? Ja, weil Twitter und z.B. auch SMS von Natur aus eine besonders kurze Form vertreten und daher der Wurfsendung eigentlich nahe stehen müssten. Die Frage ist, ob dadurch auch schon kurze Szenen entstehen oder kleine Geschichten erzählt werden. Und außerdem werden in diesen Textformaten ja viele Abkürzungen und Emoticons verwendet – ich fände es spannend, wenn jemand experimentiert und versucht, diese Besonderheiten fürs Ohr umzusetzen. Die Vorgabe für dieses Thema ist, dass die Stücke nur 20 Sekunden bzw. 160 Zeichen lang sein dürfen – wie eine SMS. In welcher Form und bis wann sollen die Beiträge eingereicht werden und was passiert dann als Nächstes? In Serien von acht bis zwölf Stück, entweder schon fertig produziert oder als Manuskript. Einsendeschluss ist der 30. Oktober. Dann wird das Wurfsendungs-Team eine Vorauswahl treffen und sie einer dreiköpfigen Jury vorlegen. Der Sieger wird bei der Preisverleihung am 20. Februar 2010 in Berlin verkündet. Bis dahin bleibt dann genug Zeit, die ausgewählten Stücke, die nur als Manuskript vorliegen, noch zu produzieren. Und was gibt es zu gewinnen? Die ersten drei Plätze erhalten ein Preisgeld in Höhe von 800, 500 und 300 Euro. Außerdem werden ihre Stücke im Programm des Deutschlandradio Kultur gesendet. Mehr Infos zur Wurfsendung und zur Teilnahme am Wettbewerb gibt’s hier.

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