Zahlt es nicht selbst

Auf "SellaBand" können sich Musiker verkaufen. Tobias Lorenz erzählt, wieso "Crowd Funding" die Zukunft der Musikindustrie sein könnte und was man als Volontär bei SellaBand so zu tun hat.
jurek-skrobala

jetzt.de: Tobias, SellaBand heißt die Firma, für die du arbeitest. Inwiefern soll man eine Band denn verkaufen?
Der Name trügt ein bisschen. Es geht darum, dass eine Band, die ein bestimmtes Projekt hat, dazu die nötige Finanzierung benötigt: „Ok, wir brauchen 20.000 Euro, dann können wir ins Studio gehen, mit dem und dem Produzenten arbeiten und 15 Songs aufnehmen.“ Auf SellaBand können die das Projekt dann vorstellen und Fans dazu aufrufen, in das Projekt zu investieren.


"Eine Lady Gaga hatten wir noch nicht dabei", sagt Tobias über SellaBand – den Sänger von Korn dafür schon

jetzt.de: „With a little help from my fans“ ist euer Motto. Wie helfen die Fans den Künstlern?
Prinzipiell durch die Investition, also dadurch, dass sie Parts kaufen. Fans, oder wie wir sagen: Believer, können solche Parts in zehn Euro-Schritten erwerben – im Gegenzug geben die Künstler den Fans was zurück. Für einen Part gibt es dann eine CD, für fünf Parts ein größeres Package mit CD, Autogramm und einem limitierten T-Shirt. Wir haben Künstler, die anbieten, dass man im Studio bei einem Song im Background mitsingen kann. Die Believer helfen den Künstlern auch durch das Promoten, über die üblichen Web 2.0-Kanäle wie Facebook. Das alles fördert die direkte Kommunikation zwischen Fans und Musikern: Künstler XY bietet dies und das an, man kann von Anfang an dabei sein. Bei uns entscheiden die Fans, welche Musik auf die Hörer losgelassen wird. Sie sind die A&R-Manager.

jetzt.de: Diese Idee hat viele Namen: Crowd Funding, Crowd Financing, Crowd Sourced Capital. Habt ihr schon Erfolg gehabt mit diesem Konzept?
Wir haben eine Künstlerin aus Holland, die nennt sich Hind. Die hat ihr Album im November veröffentlicht, das ist auf Platz 8 gelandet. Für die Albumfinanzierung hat sie binnen zehn Tagen 40.000 Euro über SellaBand zusammenbekommen. Wir haben viele international laufende Projekte. Public Enemy haben ihr letztes Album über SellaBand finanziert. Jonathan Davis, der Sänger von Korn, finanziert gerade eine Solo-Live-DVD über die Seite. Insgesamt sind das bislang 61 Projekte weltweit. Wir machen ja auch den Vertrieb für die Künstler und haben schon in 160 Länder CDs verschickt; wir haben also Fans aus 160 Ländern. Knapp 4.300 Künstler nehmen an SellaBand teil.

jetzt.de: Was ist die höchste Summe, die bislang an einen Künstler geflossen ist?
75.000 Dollar. Die haben Public Enemy innerhalb von neun Monaten zusammengekriegt.

jetzt.de: Was hat SellaBand von dem Ganzen?
Wir bekommen zehn Prozent auf die Einzahlung. Das heißt: Wenn du einen Part in Höhe von zehn Euro kaufst, zahlst du elf Euro und der Euro geht an uns. Am Ende, wenn ein Projekt sein Ziel erreicht hat, dann kriegen wir ein Erfolgshonorar von 15 Prozent aus dem Künstlerbudget. Von diesen Einnahmen werden alle unsere Kosten gedeckt. Wir verwalten das Geld treuhändisch im Namen des Künstlers und der Investoren: Das Tonstudio stellt die Rechung an uns, wir überweisen das. Wir decken den ganzen Service ab. Logistik, Vertrieb, das läuft alles über uns.

jetzt.de: Sind die SellaBand-Künstler, gemessen an den Popstars, die große Plattenfirmen hinter sich haben, nicht kleine Fische, die im Mediengetummel unbeachtet bleiben?
Es ist definitiv eine andere Art von Musik. Die Künstler auf SellaBand schreiben ihre Songs selber. Eine Lady Gaga hatten wir noch nicht dabei. Aber jemand, der 5.000 Fans hinter sich vereinen kann, die blind investieren, hat schon große Chancen, auf dem Musikmarkt Fuß zu fassen. Für die Musikindustrie wird das also auch relevant – da klopfen dann Verlage, Konzertagenturen und Labels an. Bei Bands, deren Platte komplett finanziert ist, fällt für die Plattenfirmen ja auch eine große Anfangsinvestition weg.

jetzt.de: Ihr sagt: „Wir sind fest davon überzeugt, dass Crowd-Funding das Modell der Zukunft ist.“ – Wieso?
Weil es die Macht des Internets abbildet – die Masse entscheidet, was wie produziert und veröffentlicht wird. Wir wollen uns nicht loslösen von Plattenfirmen, sondern Hand in Hand zusammenarbeiten. Wir wollen zusammen mit den Fans in Zeiten von sinkenden Budgets wieder etwas möglich machen. Es gibt heute so viele Kreative und Musiker, wie noch nie; es werden aber mehr Verträge gelöst als abgeschlossen, von den Major- wie Indie-Labels.

jetzt.de: Ihr sucht gerade einen Redaktionsvolontär; das kennt man meist von Zeitungshäusern. Wofür braucht ihr einen Volontär und was hätte der zu tun?
Wir haben sehr viele redaktionelle Arbeiten, weil wir mit den Künstlern zusammenarbeiten. Wir machen regelmäßige Interviews mit den Musikern. Wir begleiten die Künstler mit Pressearbeit: Wie ist die aktuelle Entwicklung der Band? Also schon klassische Musikredaktionsarbeiten. Wir bekommen die Musik im Vorfeld, so dass sich der Redaktionsvolontär inhaltlich mit der Platte auseinandersetzen und darüber Texte publizieren kann. Wir haben schon einen relativ hohen Redaktionsoutput. Der Volontär würde auch in andere Bereiche reinschauen, die das Marketing oder das Community Management betreffen. Und er würde Bands inhaltlich betreuen, Fahrpläne aufstellen.

jetzt.de: Würdet ihr auch jemanden nehmen, der vorher nur bei Majorlabels Praktika gemacht hat?
Ja – na, klar. Also zum Hintergrund sind wir total offen. Es ist wichtig, dass derjenige den Spirit hat, den gewissen Spirit von SellaBand.

jetzt.de: Was macht diesen Spirit aus?
Es geht darum, dass man sich sicher im Internet bewegen kann. Dass man ein gutes Musikverständnis hat, dass man Trends erkennt. Dass man ans Crowd Funding glaubt. Es geht letztlich darum, den Spirit „With a little help from my fans“ mitzutragen.


Tobias Lorenz (30)


Text: jurek-skrobala - Bilder: sellaband.de, privat

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