Zwielichtige Comicgeschichten: Die neue Ausgabe von Orang

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Die neue Ausgabe von Orang trägt den Titel "Zwielicht". Wie kam es zu diesem Thema und welche unterschiedlichen Facetten gibt es zu entdecken? Das Thema hat nach längerer Diskussion glaube ich Till Thomas erfunden. Es ist natürlich ein sehr offenes Thema, mit dem man alles mögliche assoziieren kann, und so wird dann auch damit umgegangen. Chihoi Lee hat zum Beispiel eine Geschichte beigesteuert, die sich in einer seltsamen Welt zwischen Wachen und Traum bewegt, man weiß nie so recht, ob das Erzählte wirklich geschieht. Sehr schön ist die sehr ruhige Erzählung von James McShane, in der eigentlich nichts passiert. Die Hauptfigur telefoniert, ließt, macht sich einen Tee. Nach einer Zeit wird einem dann klar, dass derweil die Sonne untergegangen ist. Ende. Unprätentiöser gehts nicht. Die Geschichte von Markus Lesmeister ist für mich ein Höhepunkt der neuen Ausgabe. Wer das ließt, dem bleibt am Ende alles unklar: Wie die Handlung genau funktioniert, welche Geheimnisse sich hinter den vordergründig geschilderten Begebenheiten verbergen, und wie das vom Autor eigentlich gemeint ist. Das ist schon ziemlich schräg, oder eben zwielichtig. Orang war ursprünglich eine Anthologie der Hamburger Comic-Szene. Die aktuelle Ausgabe hat eine starke internationale Komponente; es sind zum Beispiel einige Künstler aus dem asiatischen Raum vertreten. Wie kam es dazu? Die Hamburger Szene ist im Moment ziemlich lebendig. Für mich persönlich ist es aber zu langweilig, immer nur die gleichen Zeichner in Orang zu veröffentlichen. Den asiatischen Raum einzubeziehen war für mich aus mehreren Gründen naheliegend; erstens gibt es in Europa noch relativ wenig Informationen über Comics aus China, Hongkong und Taiwan. Zweitens wird gerade die chinesische Szene in nächster Zeit stärker ins Licht der Öffentlichkeit geraten, und da kann es ja nicht schaden, einige der Zeichner schon mal ins Spiel zu bringen. In der internationalen Szene funktioniert die Zusammenarbeit ganz gut über Anthologien. Der vor eineinhalb Jahren noch völlig unbekannte YanCong aus Peking hat jetzt auch in der italienischen Anthologie Canicola veröffentlicht. Der nächste Schritt könnte sein, dass ein kommerzieller europäischer Verlag an ihn herantritt. Die jüngeren Zeichner sind in Europa relativ gut vernetzt. Ein engerer Kontakt mit Amerika und Asien entsteht gerade.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Anke Feuchtenberger hat auch eine Geschichte zu Orang 6 beigesteuert. Sie ist schon lang im Geschäft und zudem noch Deine Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Wie ist es denn, als Herausgeber mit der eigenen Professorin zusammenzuarbeiten? Anke Feuchtenberger hat uns sehr unterstützt bei dem Schritt heraus aus einem Studentenprojekt, hin zu einer professionellen Publikation mit ISBN-Nummer und so weiter. Das war bei Ausgabe 4. Mittlerweile gibt es aber diese Hierarchie für mich nicht mehr, so als wenn sie jetzt als "Professorin" eine Autorität wäre, insofern fühlt sich das auch nicht irgendwie seltsam an. Anke ist eine der besten Zeichnerinnen weltweit. Es ist gut, sie dabeizuhaben. Einige Geschichten sind beim ersten lesen nicht gerade einfach zu durchschauen. Ist das Teil des Konzepts? Orang ist auf jeden Fall auch eine Spielwiese für experimentelle Ansätze. Es ist mir wichtig, dass Comics so ernst genommen werden wie andere Kunstformen auch, und das bedeutet eben, dass der Leser manchmal Arbeit machen muss, sich die Geschichten erarbeiten muss. Wozu soll diese Anstrengung gut sein? Um die eigene Sichtweise auf eine differenziertere Brennweite zu justieren. Damals als das erste Orang erschienen ist, galten Künstler wie Arne Bellstorf oder Du selbst noch als Nachwuchs-Künstler. Mittlerweile habt ihr euch mit eigenen Veröffentlichungen in der Szene etabliert. Wie sieht es denn mit dem Nachwuchs 2007 aus? Für uns stellt sich jetzt natürlich das Problem, dass wir den Anschluss zu jüngeren Zeichnern verlieren könnten, da wir uns nicht mehr in einem studentischen Kontext bewegen. Aber durch Anke Feuchtenberger haben wir da eine Agentin. Gerade hat sie beispielsweise eine von Studenten gestaltete Comiczeitung herausgebracht namens „wirwaren2000“. Darin veröffentlichen auch einige ZeichnerInnen, die wir schon eine Weile im Auge haben und die wir zum nächsten Orang einladen wollen. Auch im Manga-Bereich gibt es einige wenige, die originelle und eigenständige Arbeiten produzieren. Im Moment sehe ich das sehr positiv, es könnte endlich eine gesunde, vielfältige Szene in Deutschland entstehen. Was dazu als Anreiz noch fehlt, ist eine "Karriereleiter", etwa so: zuerst Hefte selbst kopieren, dann in Anthologien wie Orang veröffentlichen, dann ein Album bei einem Kleinverlag machen, dann von einem mittelgroßen oder großen Verlag unter Vertrag genommen werden. Gerade am letzten Schritt hapert es noch, und das bedeutet dass die Stars der Independentszene, wie zum Beispiel Arne Bellstorf, von ihren Büchern nicht leben können. Dadurch stockt die Produktion, er muss ja zwischendurch mal ein Brötchen essen, und das muss er bezahlen, und dafür muss er was anderes arbeiten, und dann hat er nicht genug Zeit zum Comics zeichnen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Du selbst bist Jurymitglied beim Nachwuchswettbewerb des Schweizer - Comic-Festivals Fumetto, das Ende März in Luzern stattfinden wird. Was braucht eigentlich ein Comic, um dich zu überzeugen? Es sollte frei von Klischees sein, von comictypischen Klischees sowieso, aber auch sonst frei von Denk- Erzähl- und Gestaltungsklischees. Ich stelle an Comics den gleichen Anspruch wie an übrige Literatur: dass mich die Sache unterhalten soll, und zwar mit Intelligenz. Diese Intelligenz kann beim Comic auf mehrere ineinander verschränkten Ebenen abgebildet werden; es gibt eine Narration, eine Textebene, und eine Grafik, und das Zusammenspiel dieser Ebenen. In welches Verhältnis die zueinander gestellt werden, da gibt es manchmal überraschende, einleuchtende Lösungen, und das könnte mich dann überzeugen. Hauptsache es sieht nicht aus wie der überkommene Kram den ich selbst mache, wäre ja langweilig. „Orang No. 6“ , 96 Seiten, schwarzweiß, erscheint bei Kikipost/Reprodukt und kostet 12 Euro. Eine Orang-Ausstellung ist auf dem kommenden „Fumetto“ vom 24. März bis 1. April 2007 in Luzern zu sehen.

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