Zwischen Baggy und Klampfe

Prinz Pi ist das Gegenteil des Klischee-Rappers: Kein Gangster, kein Problemviertel, keine frauenfeindlichen Songs. Ein Gespräch über kritische Texte, Angeben und Afghanistan.
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Illustration: Julia Schubert


 
Auf deinem neuen Album bezeichnest Du Dich als „Rebell ohne Grund“. Warum? Ich komme aus einer Mittelschicht-Familie. Ich bin nie wegen meiner Hautfarbe, Religion oder Meinung diskriminiert worden. Ich bin weder besonders groß noch besonders klein noch besonders hübsch noch besonders hässlich. Ich bin eigentlich voll der Durchschnittstyp, und ich hatte es eigentlich immer leicht im Leben. In einem Land wie Deutschland hat man es ja ohnehin vergleichsweise leicht. Du hast hier genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf, auch ohne Arbeit. Als jemand, der sich dessen bewusst ist, habe ich keinen Grund zu rebellieren. Wogegen denn? Wir haben keinen Diktator, ich kann meine Meinung frei äußern.  

Aber trotzdem schreibst Du gesellschaftskritische Texte…
Ich sehe mich nicht als den Typen, der den Jugendlichen sagt: „Hey, es passieren schlimme Dinge auf der Welt, darüber will ich jetzt mit euch reden.“ Da würden die sofort weghören. Aber solche Themen beschäftigen mich natürlich. 

 Zum Beispiel der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Darum geht es in Deinem Song „Drei Kreuze für Deutschland“.
Ja. Da geht es um deutsche Soldaten, die im Einsatz sterben, beziehungsweise einen, der sich danach umbringt, wegen der Sachen, die er da erlebt hat. Der Auslöser für das Lied war ein Artikel über Soldaten, die mit Post Traumatic Stress Disorder zurückkamen. Ich fand das krass traurig. Da sind Leute, die dort unglaubliche Strapazen durchmachen, unglaubliches Leid sehen müssen, und in ständiger Lebensgefahr sind. Dann kommen sie zurück in unsere heile Welt und keiner kann mit ihnen darüber sprechen. Keiner klopft ihnen auf die Schulter und sagt: „Hey, krass, was du da gemacht hast.“ Bei uns geht es um andere Probleme: darum, dass das Benzin teurer geworden ist.  

Warum gibt es so wenige Lieder aus Deutschland, die sich mit Afghanistan befassen?
Viele Künstler, die jetzt richtig Erfolg haben, reden nur noch über pathetische Dinge. Herbert Grönemeyer, das ist ja unglaublich schwülstig, Xavier Naidoo auch. Meine Eltern sind 68er, ich bin deshalb mit vielen Singer-Songwriter-Sachen aufgewachsen. In dieser 68er-Zeit, die musikalisch für mich sehr interessant ist, hat man mehr über politische Sachen geschrieben. Und da sehe ich auch ein bisschen meinen Stil drin – nicht nur Songs zu machen über ganz pathetische Gefühlssachen. 

 Hast Du schon Reaktionen auf deinen Afghanistan-Song bekommen?
Ja, auch von Leuten, die sich sonst nicht mit Musik auseinandersetzen oder sonst irgendwie darauf reagieren. Also nicht nur von Fans – ich habe viele Mails von Soldaten oder Eltern von Soldaten bekommen, die schreiben „Hey, krasser Song, krasses Thema, dass kenne ich, das betrifft mich persönlich“. Es gibt natürlich auch Leute, die sich beschweren und mir vorwerfen, ich würde die Bundeswehr diskreditieren. Ich bin Kriegsdienstverweigerer und ich bin natürlich gegen jeden Auslandseinsatz, zumal, wenn er so sinnlos ist wie der in Afghanistan. Aber in dem Song hört man ja, dass ich nicht diskreditiere, was die Leute dort vor Ort leisten. Ich zeige Mitgefühl für sie.  

Hast Du beim Schreiben deiner Texte eine bestimmte Zielgruppe oder Hörerschaft vor Augen?
Nein. Ich bin auch immer wieder erstaunt, wie viele verschiedene Leute meine Musik hören. Ich glaube, es gibt Leute, die meine Musik hören, weil ich bin, wer ich bin: ein normaler deutscher Studentenjunge mit Brille, der Rapmusik macht. Andere hören meine Musik, obwohl ich so bin und so aussehe. Ich glaube, dass Musik dann gute Musik ist, wenn sie unterschiedliche Leute erreichen kann. Und ich hoffe, dass das bei meiner Musik der Fall ist.  

http://www.youtube.com/watch?v=dcfXE9jaCUo

Gerade Hiphop aus Berlin ist eher für seine harten Seiten bekannt. Musst Du Dich für deinen Stil manchmal rechtfertigen?
Ich muss mich gegenüber Medien immer erst mal erklären und klar machen, dass ich nicht so ein Typ bin, der immer in Baggy-Jeans rumläuft, „Ey, Alter“ sagt und voll viele Schimpfwörter benutzt. Ich mache deutschsprachige Musik mit Hiphop-Beats, ohne das Fieser-Rapper-Image, aber halt auch nicht mit Klampfe auf  ’nem Barhocker vorgetragen. Das ist mein Musikformat und dafür will ich mich auch nicht schämen. Nur weil das Bild vom Hiphopper so ein Stereotyp ist, muss ich ja nicht eine andere Musik machen oder sie anders nennen.  

Aber Du spielst mit deinem Studentenrapper-Image. In einer Zeile heißt es, Du seiest „der einzige Rapper mit Fanclub in Harvard“.
Rapper geben ja sehr viel an in ihrer Musik. Das ist ja in der Hiphop-Musik leider das, was die meisten Leute machen. Zu erzählen, dass sie härter sind als die anderen Rapper, besser aussehen oder mehr Frauen oder mehr Geld haben. Ich will das ein bisschen auf die Schippe nehmen, indem ich mit Dingen angebe, die bei diesen Leuten verpönt sind. Man gibt ja nicht damit an, wo man studiert hat oder dass man ein Diplom hat. Ich würde das eigentlich auch nie machen. Das ist eine Persiflage.  

Früher nanntest Du Dich „Prinz Porno“. Was ja nicht wirklich zum Studentenrapper passt.
Eigentlich schon. Ich war auf einem altgriechischen, humanistischen Gymnasium. Und wenn man mal altgriechisch hatte, weiß man, dass „porno“ altgriechisch ist für dreckig. Ich habe damals Graffiti gemacht – das war der Anfang meines Abrutschens in die Hiphop-Subkultur – und für Graffiti fand ich den Namen sehr passend, weil das auch was Dreckiges und Verbotenes hat und man Wände zuschmiert. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, hab ich vor meinen Sprühernamen noch ein Prinz davorgehängt, weil ich Prinzen immer cooler fand als Könige. Die anderen Rapper haben sich immer „King irgendwas“ genannt.  

Warum wurde aus Prinz Porno dann irgendwann Prinz Pi? Als ich etwas mehr Erfolg hatte oder meine Musik auch mal an Magazine geschickt habe, haben die Redakteure sie meistens ungeöffnet zurückgeschickt. Ist ja auch klar. Wenn man sich MC Vergewaltiger nennen würde, bräuchte man sich auch nicht wundern, wenn die Emma die CD nicht bespricht, auch wenn man was ganz anderes macht als der Name suggeriert. Man ist selber schuld, wenn man sich so nennt. Dann habe ich mich „Pi“ genannt. Das ist auch griechisch und damit ist wieder der Link zu meinen humanistischen Wurzeln da. Und die Kreiszahl finde ich cool, das ist ja auch eine mystische Zahl.  

Sind die ganzen Gangster-Rapper denn echt so böse Jungs, oder ist da auch vieles gespielt?
Es gibt schon einige Leute, bei denen das echt ist. Aber bei den meisten Leuten ist es in den Texten natürlich etwas überzogener als in der Wirklichkeit. So ist das nun mal: Wenn du einen Action-Film drehst, sieht die Verfolgungsjagd da auch ganz anders aus als in der Realität, wo nicht ständig irgendwelche Feuerbälle explodieren und jemand mit der Bazooka rumballert. Natürlich schmückt jeder seine Texte etwas aus. Aber natürlich gibt es auch in Deutschland Verbrecher und Kriminelle, die vielleicht auch Musik machen und das in ihren Texten thematisieren. 


 Prinz Pi geht am 3. März auf Tournee. Die Tourdaten findet Ihr auf seiner Seite.  

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