"Marischa", die polnische Form des Namens "Maria", ist ein junges Projekt in Münster, bei dem die Studierenden ehrenamtlich die Frauen auf dem Straßenstrich in der Siemensstraße betreuen. Ungefähr alle zehn Tage laufen sie die Straße ab und kümmern sich um die Belange der etwa zwanzig Prostituierten. Wenn sie nicht vor Ort sind, begleiten sie die Frauen zu Terminen oder beraten sie am Telefon oder per E-Mail. Das Projekt existiert seit Anfang 2013, aktuell bilden 15 Ehrenamtliche das “Marischa”-Team, die meisten davon Studenten. Josef ist einer der Mitgründer, wegen des sensiblen Themas möchte er gerne anonym bleiben.

jetzt.de: Josef, Münster ist ja nicht gerade für das Thema Prostitution bekannt. Wie kam es dort zu diesem Projekt?
Josef: Mich hatte es jahrelang beschäftigt, dass es in Münster hinter dem Cineplex einen Straßenstrich gibt. Elisa, die spätere Mitgründerin von “Marischa”, kannte ich von einem anderen sozialen Projekt und habe sie gefragt, ob sie von dem Strich weiß – sie war total geschockt. Wir sind noch am selben Abend über die Siemensstraße gefahren und haben uns das angeguckt.

Das war eine gruselige Situation: Wir saßen im Auto und haben uns angeregt unterhalten, und plötzlich kommen diese Frauen an den Straßenrand und winken uns zu. Auf dem Rückweg haben wir beschlossen herauszufinden, ob es vor Ort jemanden gibt, der weiß, wer die Frauen sind und ob sie irgendwas brauchen.

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Wie sieht euer Engagement auf dem Straßenstrich konkret aus?
Wir verteilen Kaffee, Kondome, die wir von der Aidshilfe gesponsert kriegen, und Visitenkarten. Da stehen unsere E-Mail-Adresse und unsere Telefonnummer drauf, die können die Frauen anrufen, wenn es Schwierigkeiten gibt, wenn sie zum Arzt wollen oder ähnliches. Oft wollen sie aber auch einfach nur reden.

Man muss mit dem Helfen sehr vorsichtig sein. Wir wollen den Frauen auf Augenhöhe begegnen und Beziehungen aufbauen. Deshalb gehen wir immer in Zweiergruppen los, meistens mit einer Frau und einem Mann. Die Frauen stellen immer den ersten Kontakt zu den Prostituierten her. Wenn eine von ihnen gerade im Kundengespräch ist, gehen wir auf der anderen Straßenseite vorbei. Mittlerweile passiert es oft, dass eine Frau uns aus dem Augenwinkel sieht, das Gespräch unterbricht, das Auto weiterwinkt und uns signalisiert, dass wir zu ihr kommen sollen. Das ist ein Vertrauensbeweis.

Mit was für Problemen wenden sich die Prostituierten an euch?
Meistens helfen wir mit medizinischen Dingen, das heißt, wir vermitteln zum Frauenarzt oder ins Gesundheitsamt, da werden kostenlose Untersuchungen für Prostituierte angeboten. Wir achten auch darauf, dass sich die Frauen regelmäßig kontrollieren lassen. Und wir vermitteln Sprachkurse. Neunzig Prozent der Frauen kommen aus Bulgarien, einige können ihre eigene Sprache nicht lesen.

Außerdem helfen wir bei allen Sachen, die mit Finanzierung, Unterhalt, Wohnung und so weiter zusammenhängen. Viele der Frauen haben Kinder in Bulgarien, einige sollen rüberkommen. Vor zwei Wochen haben wir erfahren, dass ein paar Frauen aus ihrer Wohnung geschmissen wurden. Da wird unsere Übersetzerin jetzt Vermitteln helfen. Es gibt sehr viel Behördenkram, der geregelt werden muss.

Werdet ihr auch mit dem Thema Zwangsprostitution konfrontiert?
Wir wissen natürlich, dass wir auf bestimmte Dinge achten müssen. Wenn wir sehen würden, dass eine der Frauen minderjährig ist, müssten wir die Polizei einschalten. Oder wenn die Frauen offensichtlich auf die Straße geprügelt oder mit Drogen gefügig gemacht werden. Diese Zeichen können wir so nicht erkennen, aber es ist natürlich immer schwierig, bei Prostitution von Freiwilligkeit oder Zwang zu sprechen.

"Eine Sozialarbeiterin hat uns geraten, immer Turnschuhe anzuziehen, damit wir im Notfall wegrennen können."

Eure Arbeit ist nicht ganz ungefährlich ...
Ja, wir wussten am Anfang überhaupt nicht, was uns in Münster erwartet. Wir hatten von ähnlichen Projekten in anderen Städten gehört, wo auch schon mal ein Messer gezogen wird. Wir haben auch mit Sozialarbeitern im Ruhrgebiet gesprochen, die Schießereien erlebt haben. Vor unserem ersten Gang auf die Siemensstraße haben wir uns deshalb die Sicherheit vor Ort von der Polizei bestätigen lassen. Außerdem wurden wir von einer Sozialarbeiterin aus Duisburg beraten.

Ich werde nie vergessen, wie sie am Ende noch gesagt hat, wir sollten bloß daran denken, Turnschuhe anzuziehen, damit wir im Notfall wegrennen können. Inzwischen wissen wir aber, dass es in Münster nicht so schlimm ist. Es ist jedenfalls noch nie wirklich brenzlig gewesen.

Kommt es auch mal vor, dass die Frauen euer Engagement ablehnen, weil sie sich zum Beispiel bevormundet fühlen?
Wir merken schon, dass die meisten sich wirklich freuen, wenn wir da sind. Es gibt aber auch eine Frau, die uns am Anfang eher abfällig begegnet ist und uns zu verstehen gegeben hat, dass wir besser abhauen sollen. Das haben wir dann auch gemacht. Jetzt hat sie sich aber auch schon mal eine Visitenkarte genommen und an Weihnachten die Kekse, die wir mitgebracht haben.

Da ist aber bis heute eine große Zurückhaltung. Ich glaube, dass das an Dingen liegt, die bei ihr im Hintergrund laufen, aber da können wir im Moment nichts dran ändern. Wir wurden auch schon von der Presse mit der Aussage konfrontiert: “Ihr wollt die Frauen zum Ausstieg überreden.” Das stimmt einfach nicht. Wir thematisieren das in den Gesprächen nicht. Wenn aber von einer Frau der Impuls kommt, dann bieten wir ihr an, sie beim Ausstieg zu begleiten.

Du promovierst in katholischer Theologie. Wie viel hat dein Engagement mit deinem Glauben zu tun?
Ich persönlich mache das schon aus meiner Überzeugung als Christ heraus. Genau zwei Wochen, bevor wir das erste Mal auf die Siemensstraße gegangen sind, wurde Franziskus zum Papst gewählt und hat gesagt “Geht zu den Menschen am Rand der Gesellschaft.”

Das war natürlich Zufall und hatte nichts mit unserem konkreten Projekt zu tun, aber es war trotzdem schön, sowas kurz davor zu hören. Uns geht es ja gut, das kann man doch mit Menschen teilen, die nicht so viel Glück haben. Es wäre aber natürlich Quatsch zu sagen, dass Christsein ein Kriterium ist, um Gutes zu tun.

Ihr seid alle keine ausgebildeten Sozialarbeiter, Psychologen oder ähnliches. Wie verarbeitet ihr das, was ihr auf der Siemensstraße erlebt?
Ich kannte schwierige Begegnungen mit Menschen schon von anderen sozialen Projekten, aber nicht im konkreten Bereich der Prostitution. Wir reden untereinander sehr viel darüber, machen aber auch Gruppen-Supervision, das heißt, wir haben jemanden, der mit uns auf die Dinge schauen kann. Alles an sich heran zu lassen, kann problematisch sein. Wenn ich am nächsten Tag wieder arbeiten muss, beschäftigt mich das schon noch, aber es zieht mich nicht runter. Ich nehme das nicht mit nach Hause.

Wer das “Marischa”-Projekt unterstützen möchte oder Fragen hat, erreicht die Verantwortlichen über die E-Mail-Adresse marischa2013@yahoo.de.    

Text: helena-kaschel - Bild: photocase.com / Cydonna