Ein junger SPDler, der im CSU-geprägten Niederbayern Landrat wird - eine Nachricht, die für Aufsehen sorgt. Es ist nicht das erste Mal, dass Michael Adam Schlagzeilen macht. 2008 zog er mit 25 Jahren als jüngster Bürgermeister ins Rathaus ein. Damals hat jetzt.de ihn getroffen. Ein Porträt, das sich aus aktuellem Anlass noch einmal zu lesen lohnt:

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Michael drückt im Auto auf das Gaspedal. „Das ist irre“, sagt er. Die Beschleunigung ist gut, von null auf hundert in fünf Sekunden, er braust an einem sonnigen Herbstvormittag über eine kurvige Straße aus der Ortschaft und bleibt gegenüber von Bodenmais auf einer Anhöhe stehen. 3400 Einwohner, 7000 Gästebetten, den Bayerischen Wald haben sie früher mal das Armenhaus Bayerns genannt: überall Bäume und dahinter der Ostblock. Aber das ist heute anders. Vieles ist heute anders. „Da ist der Große Arber“, sagt Michael, 25, schaltet den Motor des BMW aus und deutet über den Ort zum höchsten Berg im Bayerwald. Dann weist er auf einen kleineren Berg. „Siehst du den braunen Fleck da in der Mitte drin? Da haben wir eine Drachenfliegersprungschanze gebaut.“ Die Freizeitflieger suchen gute Thermik und die sei hier super. Bodenmais liegt am Ende eines sich öffnenden Tals, von hier aus könne man weit fliegen, sagt Michael. „Ich hab’ das früher auch nicht gewusst.“ Der Bürgermeister von Bodenmais zündet die 300 PS und steuert sein neues Auto zurück zum Rathaus.

Im März 2008 wählten die Menschen in Bayern ihre Bürgermeister neu. Viele rieben sich die Augen, als sie nach der Wahl nach Bodenmais schauten. Der Bayerische Wald gilt als hübsch konservativ und mittendrin hatte ein 23-Jähriger den Chefplatz im Rathaus gewonnen. Michael Adam ist jung, SPD-Mitglied, evangelisch und schwul. Die vier Attribute machten viele Menschen neugierig und einige Wochen war Michael damit beschäftigt, Journalisten die Hand zu schütteln. Selbst Johannes B. Kerner lud ihn zum Gespräch und ließ sich erklären, dass es den Bodenmaisern eher wurst ist, ob ein Politiker Hetero oder Homo ist. Frank-Walter Steinmeier nannte Michael Adam auf dem Bundeskongress der Jusos ausdrücklich beim Namen, als er von den Hoffnungen der SPD sprach.

Man kann sagen, dass Michael in den beiden vergangenen Jahren eine ganz gute Thermik erwischt hat.

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Michael mit Blick auf Bodenmais.

Am Ende des dicken Wahljahres 2009 fällt auf, dass auch die große Politik jünger wird. Karl-Theodor zu Guttenberg, Kristina Köhler und Philipp Rösler stecken in ihren Dreißigern und sind trotzdem schon Bundesminister. Es weht ein feiner Hauch von Generationswechsel durch das Land und nebenbei gehen alte Gewissheiten verloren: In der CSU überlegen sie nach den Verlusten, warum Horst Seehofer nicht so heftig gewählt wird wie Edmund Stoiber. Bei der SPD wundern sie sich, dass sie dereinst tatsächlich elf Jahre regiert haben. Die Piratenpartei sammelte bei der Bundestagswahl fast 850.000 Stimmen und Linke und FDP schabten kiloweise Prozente bei SPD und CDU ab.

Die Wahlforscher grummelten schon früh, dass der Wähler ein schrecklich unsteter Kerl geworden sei.

Michael Adam organisiert nun seit mehr als 18 Monaten das Gemeindeleben im kleinen Markt Bodenmais, im Sommer trat er zum ersten Mal bei der Bundestagswahl an. Vielleicht lohnt sich deshalb ein Blick auf sein kurzes politisches Leben. Ist es gut, jung in die Politik zu kommen? Wie verändert sie einen Menschen? Wie müssen Politiker heute sein?

Im Rathaus zu Bodenmais beugt Michael Adam seinen Kopf über einen Ortsplan. Ein Städteplaner und die Leiterin des Bauamtes sitzen neben ihm und beugen sich auch. Es geht um Ortsschilder und den Parkplatz für einen Bus, es geht um mehr Grün im Ort. An der Wand des Amtszimmers wacht Altkanzler Willy Brandt auf einem Poster über den Bürgermeister und auf den Fenstersimsen erinnern bunte Vasen an die Glasmachertradition im Bayerischen Wald. Politik gibt es nicht ohne Vergangenheit.

Michael deutet mit einem Stift auf den Plan und klingt entschieden. „Des is a Bleedschmaatz“ entgegnet er im Dialekt auf einen Einwand der Bauamtsleiterin. „Mir kenna do net lang umananda plankeln. Die Leit miasn seeng: Do gehd ebbs weida.“ Michael glaubt, dass sich die Leute wieder mehr Führung wünschen. Deshalb versucht er manchmal, ein bisschen entschiedener zu wirken als er es ist.

Michaels Vater ist Schweißer, seine Mutter Zahnarzthelferin. Am Gymnasium, erinnert sich Michael, spürt er zum ersten Mal eine Kluft, wie sie entsteht, wenn ein Teil der Klasse mit Markenklamotten prahlt, die sich der andere Teil nicht leisten kann. Zum ersten Mal wird Michael bewusst, dass er das Kind von Arbeitern ist und dass vor allem vermögende Eltern ihren Nachwuchs auf höhere Schulen schicken. Es macht ihn wütend und er denkt: „Euch zeige ich es irgendwann.“

Er baut den Jugendtreff in Bodenmais auf, geht viel in Vereine und erkennt dann, dass die SPD seine Wahrnehmung der Welt spiegelt. Er tritt ein und dann tritt die Ortsvorsitzende ab und Michael wird der Chef und bald der Kandidat für die Kommunalwahlen. Es geht ganz leicht. Dann kommt die Wahl und die Stichwahl und Michael darf das VWL- und Politikstudium an der Universität in Regensburg ruhen lassen. Er hat ja nun einen Arbeitsplatz.

Immer wieder kommt es auch in einer Demokratie zu Ermüdung. Dann haben die Menschen von den Regierenden genug. Helmut Kohl kennt das und auch die CSU. Die Partei war lange Zeit das Synonym für Bayern, bis die Wähler die anderen Parteien auf den Stimmzetteln entdeckten. In Bodenmais war es ähnlich. 18 Jahre lang hatte hier ein CSU-Mann regiert und viel Geld für die touristische Infrastruktur des Ortes ausgegeben. Zuviel. Als Michael Adam sich ins Rathaus setzt, steht Bodenmais mit 18,8 Millionen Euro in den Miesen. In Bayern ist das fast Rekord.

Viele Bodenmaiser glauben heute, dass die Kommunalwahl der Anfang von etwas war. In einem Getränkemarkt am Ortsausgang sagt eine Frau: „Die Leute sind für Politik wieder aufgeschlossener. Sie schauen aber nicht mehr so sehr auf die Parteizugehörigkeit eines Politikers – sie schauen, ob jemand Fehler macht!“




Bodenmais lebt von Touristen und zählte vor langer Zeit einmal eine Million Übernachtungen während eines Jahres. Das war viel. Dann aber sank die Zahl auf weit unter 700.000 und die Hotelbesitzer sorgten sich sehr. Der Ort schien aus der Mode zu kommen. Seit einigen Jahren steigt die Zahl wieder: Vielleicht kann Michael für das Jahr 2009 schon mehr als 900 000 Übernachtungen verbuchen. Die Gemeinde hat eine GmbH gegründet und verkauft Reisen in den Ort nun selbst – unter anderem in deutschen Supermärkten. Und ein bißchen könnte auch Michaels Prominenz mit dem Aufschwung zu tun haben. Die Gäste in Bodenmais lassen sich neben ihm fotografieren und zurzeit gibt es bei der Gemeinde Lose zu fünf Euro zu kaufen. Der Gewinner bekommt Besuch von einer Blaskapelle. Und von Michael.

Im Rathaus unterzeichnet der Bürgermeister jetzt "Auszahlungsanordnungen": Baggerarbeiten bei einer Grabensanierung: 215,99 Euro. Ein neuer Sitzungsstuhl: 76,87 Euro. Bürgermeistersein ist manchmal nur so mittel-aufregend.

Im Sommer wagt Michael ein Experiment. Er tritt bei der Bundestagswahl gegen Ernst Hinsken an. Der CSU-Mann ist 66 Jahre alt, gelernter Bäcker und Konditor und hat die goldenen Jahre seiner Partei erlebt: 1980 kam er in den Bundestag und hat ihn seither nicht verlassen. Bei der Bundestagswahl 2005 hatte er bundesweit die meisten Erststimmen. Doch dieses Jahr hat Karl-Theodor zu Guttenberg diesen Titel errungen und Michael ist mit schuld. Er sagt, er habe Hinsken vor sich hergetrieben. Er kitzelte ihn, indem er auf die Bodenmaiser Erfolge im Tourismus verwies – Hinsken war bis vor kurzem Tourismusbeauftragter der Bundesregierung. Michael forderte ein Rededuell – Hinsken sagte ab. Schließlich arrangierte der Fernsehsender Donau TV Einzelinterviews. Die Statements zur Zukunft des Bayerischen Waldes oder zur Homoehe wurden gegeneinander geschnitten. „Da kam er nicht gut rüber“, sagt Michael. Hinsken versinkt in den Aufnahmen in einem Sessel und blickt in eine etwas höher stehende Kamera. In der Pose ähnelt er einem Märchenonkel. Michael dagegen steht an einem Pult und doziert relativ lässig auf Augenhöhe. Ernst Hinsken ärgert diese Anordnung noch heute. „Das hat sehr weh getan“, sagt er. Er glaubt, dass hinter dem Arrangement die Absicht stand, ihn als alten Mann zu diskreditieren. Hinsken spricht von einem teilweise „schmutzigen Wahlkampf“: Eine Wochenzeitung in Regen, Michaels Heimatlandkreis, habe ihn in den sechs Wochen vor der Wahl nicht einmal ins Blatt genommen. Michael hält die Vorwürfe für übertrieben.

„Aber er hat gut plakatiert“, sagt Hinsken. Der ganze Wahlkreis sei mit Michaels Gesicht konfrontiert gewesen, während Hinsken und die CSU mit fünf verschiedenen Plakaten warben, auf denen unter anderen Guttenberg oder Seehofer lächelten.

Hinsken verliert mehr als zwölf Prozent der Stimmen, kommt aber noch auf 55,4 Prozent. Michael erreicht schmale 22,4 Prozent und wird in der Lokalzeitung zum „Hinsken-Schreck“ erklärt, weil er einem der erfolgreichsten CSU-Politiker drei Ortschaften abgenommen hat. In Bodenmais zum Beispiel zeichneten 53,8 Prozent der Wähler ein Kreuz neben den Namen ihres Bürgermeisters.

Was lernen die beiden aus der Wahl - für sich und ihre Partei?Michael Adam sagt: „Man muss es schaffen, die Leute mitzunehmen.“
Ernst Hinsken sagt: „Die Leute müssen sich mit dir identifizieren.“



Michaels Leben ist seit der Wahl zum Bürgermeister anders geworden. An der Universität ist sein Studiengang ausgelaufen. Er hält lediglich das Vordiplom in der Hand und das macht ihm Sorge. Er könnte den Bachelor haben, wenn er die Arbeit schriebe. Aber er sagt: „Was, bitte, soll ich mit dem?“ Er hat ein bisschen zugenommen, weil der Sport zu kurz kommt. Er verbringt viel Zeit im Büro. Nicht immer nur wegen der Arbeit:
„Mein Bekanntenkreis hier ist im Wesentlichen 20 bis 30 Jahre älter als ich. Meine Klassenkameraden von früher sind alle weg zum Studieren. Sie haben mich nach der Wahl gefragt, wie man so was Bescheuertes nur machen kann?“
Er lächelt jetzt leise über sein Amt.
„Mir liegt viel an Bodenmais, aber ich habe schon darunter gelitten, dass Bodenmais nicht mehr das Bodenmais war, das ich kannte. Die Freunde sind alle weg. Und ich bin plötzlich wieder hier.“ Er überlegt. „Ich hatte Abende hier, da bin ich bis Zwölf im Rathaus gesessen – weil ich auch nicht gewusst hätte, was ich sonst tu? Zuhause vor dem Fernseher sitzen? Auch der Freundeskreis aus dem Studium ist ja weg – mit der Wahl an den Nagel gehängt.“

Michael geht wieder in die Tiefgarage unter dem Rathaus und steigt in den BMW, mit dem er seinen Opel Astra ersetzt hat. Er hat ihn über das kommunale Behördenleasing bestellt und zahlt dafür 330 Euro im Monat. Im Ort wissen das nur wenige, manche schütteln den Kopf. „Aber das ist mir scheißegal“, sagt Michael und hält amüsiert eine schnelle Verteidigungsrede: „Wer sich für 3200 Euro nach Steuern Tag und Nacht zum Deppen machen und Sonntagmorgen um halb sechs angerufen werden will, weil der Schneepflug der Gemeinde nicht richtig fährt, der kann sich melden und wir tauschen.“ Dann gibt er Gas.

Text: peter-wagner - Fotos: Maria Dorner