ISIS isses einfach nicht

Eine Studie des renommierten Kings College London hat zum ersten Mal Daten von ehemaligen IS-Kämpfern ausgewertet - und erklärt, warum viele Islamisten die Schnauze voll vom Kalifat haben.
johanna-krause
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Illustration: Julia Schubert



Neun Jahre ist es her, dass uns die skelettierte Bauchrednerpuppe Achmed vom Terroristendasein und den wenig rosigen Bedingungen desselben erzählt hat. Jetzt hat eine Studie Aussagen von IS-Abgängern ausgewertet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass das Kalifat wirklich kein Ponyhof ist – ganz anders, als es die Propaganda des IS selbst verspricht. 
 
Analysematerial boten die Aussagen von 58 ehemaligen IS-Kämpfern, die seit Januar 2014 die Terrorgruppe verlassen und sich öffentlich dazu geäußert haben. Darunter sind 51 Männer und 7 Frauen, zum Großteil aus Syrien und seinen Nachbarstaaten, aber auch Europäer, Asiaten und Australier. Allesamt repräsentieren sie sicher nur einen kleinen Bruchteil der Organisation, aber ihre Aussagen geben dennoch einen Einblick in den IS, wie man ihn bisher nicht kannte. Das grundsätzliche Problem der Abbrecher: Ihre Erwartungen an den IS entsprachen nicht unbedingt der Realität.
 
Der Hauptgrund: Den syrischen Diktator Assad zu bekämpfen, ist schon lange aus dem Fokus der Organisation gerückt, finden sie. Stattdessen ständen die Auseinandersetzungen mit anderen Rebellengruppen im Vordergrund sowie die Paranoia der Kommandeure, Spione und Verräter in den eigenen Reihen ausfindig zu machen und zu bestrafen. „Muslims are fighting Muslims“, sagt einer der Abgänger dazu. „Assad’s forgotten about. The whole jihad was turned upside down.“
 
Außerdem machte den Abgängern das Ausmaß an Brutalität zu schaffen, mit dem der IS gegen seine Feinde vorgeht. Allerdings lehnen die meisten Abgänger Brutalität nicht generell ab, sondern vor allem dann, wenn sie gegen Sunniten gerichtet ist. Und der IS ist ebenfallls sunnitisch. Zudem gingen IS-Kämpfer bei militärischen Operationen grundsätzlich nach dem Prinzip des Kollateralschadens vor: Frauen, Kinder und Zivilisten kämen dabei genauso zu Schaden wie Geiseln und sogar eigene Mitglieder. Das alles verstoße gegen den eigentlichen Kern des Islams.
 
Einige IS-Abgänger haben zudem Erfahrung mit „Korruption“ innerhalb der Gruppe gemacht. Ihrer Meinung nach wurden ausländische Mitglieder privilegiert behandelt. Die Studie zitiert aber auch zwei der angeblich „privilegierten“ Ausländer: Die verließen den IS, weil sie  zu Selbstmordattentätern ausgebildet wurden - und das offenbar so gar nicht im Sinn hatten, als sie nach Syrien zogen. Grundsätzlich, so argumentieren die Deserteure weiter, widerspreche solch „korruptes“ Verhalten dem zentralen Versprechen des IS, nämlich „eine perfekte islamische Gesellschaft, basierend auf Fairness und Gleichheit“ , zu schaffen.
 
Ein etwas anders geartetes Problem hatten vor allem diejenigen Abgänger, die sich dem IS aus materiellen Gründen angeschlossen hatten: Dicke Autos und Luxus blieben aus; dafür hatten sie mit Strom- und Nahrungsmittelknappheit zu leben. Auch die Kämpfe beschrieben sie als nicht so heldenhaft, wie sie sich diese zuvor vorgestellt hatten. Kurzum: Ihnen mangelte es an Lebensqualität im Kalifat.

Potentielle Rekruten könnten die Ergebnisse der Studie zum Umdenken bringen, das erhoffen sich zumindest die Herausgeber. Dem Bild des IS als ideologisch gefestigte Terrorgruppe könnten sie in jedem Fall schaden.
 
Übrigens gibt es neben Achmed noch jemanden, der es schon vorher gewusst hat:

http://www.youtube.com/watch?v=OnxLLG5dItI

Text: johanna-krause - Action Press

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