Babys der Revolution

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Für jetzt.de ist Charlotte eine Woche lang mit deutschen Studenten in Kiew unterwegs. Sie will sehen, was von den Protesten geblieben ist, wissen, wie der Staat vorhat, sich neu zu organisieren, und von den Menschen selbst erfahren, wie es ihnen geht. Die Antworten, die sie findet, schreibt sie täglich für euch auf. Die bisherigen Folgen könnt ihr hier nachlesen.


Tag 3

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert


Die Zeit in dem Hörsaal steht still – nicht nur im übertragenden Sinne. Eine Plastikuhr mit Ziffern in Regenbogenfarben zeigt beharrlich seit zwei Stunden kurz vor neun an, vorne, vor den rotbraunen Hörsaalreihen, hängt eine Leindwand zum Kurbeln. Links ein Haufen veralteter Kästen-PCs, lieblos mit Druckern auf einen Haufen geworfen, von rechts starren zahlreiche alte Männer von Ölschinken auf das Szenario, das sich ihnen da gerade bietet: 25 deutsche Studenten diskutieren mit zwei jungen Aktivisten vom Euromaidan darüber, ob es nicht clever wäre, jetzt eine Partei zu gründen. Das haben die bärtigen Zausel wohl auch noch nicht erlebt.

Eigentlich haben uns Katherine, 26, Oleg, 25, und drei ihrer Kollegen heute Abend in dieses ehemalige Unigebäude aus Sowjetzeiten eingeladen, um uns ihre Arbeit beim „Civic Sektor of Euromaidan“ vorzustellen.

Der CSE ist eine Art NGO, die sich nach den Maidan-Protesten zum Ziel gesetzt hat, über Bildung der ukrainischen Bevölkerung neue Perspektiven für eine demokratischere Gesellschaft vorzustellen. Laut eigenen Angaben hat der CSE Ukraineweit über 1000 Mitglieder und noch viel mehr Unterstützer, viele von ihnen sind jung und können sich mit dem aktuellen politischen System nicht identifizieren. Die Bildung einer eigenen Partei lehnen sie aus ihrer Sicht konsequenterweise ab – denn wie soll man ein System ändern, wenn man Teil davon ist? Viele von uns deutschen Studenten sehen das anders und sagen: Nur wenn man sich im System engagiert, kann man es auch verändern. Am Ende des Abends werde ich noch weniger als zuvor wissen, welcher Gedanke der richtige ist.

Um zu verstehen, warum viele junge Menschen in der Ukraine so frustriert sind, muss man ein bisschen auf die Geschichte gucken: Zweimal hat die Bevölkerung in den letzten Jahren gegen ihren Präsidenten revoltiert, zweimal gab es Umbrüche – und dann hatten am Ende viele das Gefühl, dass doch alles beim Alten geblieben ist. Das war 2004 so, nachdem die orangene Revolution kurzzeitig den von Russland unterstützten Wiktor Janukowytsch stürzte, der allerdings 2010 als Präsident wiederkehrte. 2013 und 2014 gingen die Menschen beim Euromaidan erneut gegen ihn auf die Straßen – mit Erfolg.
Der neue Präsident Petro Poroschenko ist trotzdem nicht durchweg beliebt. „Er ist ein Oligarch und auch gegen ihn gab es Korruptionsvorwürfe. Das vergessen wir nicht!“, sagt Katherine. Poroschenko hat zwar angekündigt, die Süßwarenfabrik, mit der er viel Geld gemacht hat, zu verkaufen, passiert ist das bisher allerdings noch nicht. Seinen Fernsehsender will er hingegen behalten. „Er gibt die Fabrik einfach jemandem aus seiner Familie“, sagt Katherine und ist dabei sichtbar wütend und deprimiert. Immer wieder vergräbt sie bei Redepausen ihren Kopf in den Händen, so dass man nur noch die blondierten kurzen Haare sieht. Sie sagt: „Ihr in Deutschland wisst, wohin eure Steuern gehen. Wenn wir es auch wüssten, könnten wir die Korruption vielleicht in den Griff bekommen. Aber so, wie die Politiker und das System jetzt sind, wird sich einfach nichts ändern.“

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert


Was sie damit meint, haben uns auf der Reise bereits viele Menschen erzählt: Zwar werden in der Ukraine bestimmte Dienste wie medizinische Versorgung, Bildung oder Gerichte offiziell vom Staat finanziert und sind somit kostenlos, inoffiziell bezahlt aber jeder schwarz dafür. Denn faktisch fehlt es den meisten öffentlichen Stellen an Geld, die Steuern versanden irgendwo. Hinzu kommen unterirdische Löhne – ein Arzt verdient in der Ukraine den Berichten zufolge nicht mehr als umgerechnet 140 Euro pro Monat bei steigenden Lebenshaltungskosten.

Gerichtsurteile, Uniabschlüsse aber auch lebensrettende Operationen werden so käuflich. Und auch die Politik: Am Morgen haben wir die führenden Köpfe hinter der NGO „Chesno“ („Ehrlich“) in unserem Hotel getroffen. 2012 hat diese ihr sogenanntes „Chesnometer“ vorgestellt, anhand dem sie die Ehrbarkeit von ukrainischen Parlamentsmitgliedern misst. Dafür werden Kategorien wie die prozentuale Anwesenheit im Parlament, Transparenz von Vermögenswerten und Nebentätigkeiten und weitere biografische Details gesammelt. Ein bisschen wie beim deutschen Abgeordnetenwatch, allerdings mit wertender Komponente. Chesno-Gründer Oleh Rybachuk zufolge, der früher selbst für Janukowytisch und seine Widersacherin Julia Timoschenko gearbeitet hatten, konnten 2012 nur drei Parlamentsmitglieder vor dem Chesnometer bestehen. Allerdings gab er sich am Morgen noch optimistisch: Es gäbe jetzt ja die „Babies of Euromaidan“, junge Parteien, die sich mit frischen Idealen nach den Protesten gebildet hätten. Bei den übernächsten Parlamentswahlen hätten diese vielleicht Chancen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert


Katherine und Oleg glauben daran nicht. Katherine hat das letzte Mal 2012 gewählt, „da konnte man nämlich noch ankreuzen, dass man keiner der angegebenen Parteien seine Stimme gibt“. Diese Protestoption soll es bei den Parlaments-Neuwahlen diesen Herbst eventuell nicht mehr geben, dann wird sie sich ganz der Stimme enthalten. „Das findet ihr schlimm, nicht wahr?“, sagt sie und schaut uns provozierend an. Tatsächlich zuckt in mir der gutbürgerliche „das geht doch nicht!“-Reflex. Vermutlich liegt es aber auch daran, dass ich das, was Katherine beschreibt, nicht kenne: Sie sagt, Parteien würden sich in der Ukraine nicht durch Steuergelder, sondern privat finanzieren. Parlamentsplätze würden verkauft werden. Nur wer Geld hat, kommt rein. Den neugegründeten Parteien würde sie auch deshalb misstrauen – schließlich müsse da ja auch jemand den Sponsor gespielt haben. Ich kann gar nicht so schnell googlen, wie sie spricht.

Eine eigene Partei käme für den CSE auch deshalb schon nicht infrage: Wie solle man sich finanzieren, ohne sich abhängig zu machen? Für die momentane NGO reichen hingegen Spendengelder, die Arbeitsräume im alten Unigebäude werden ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt. Oleg sagt: „Parteien sind auch nur ein Instrument. Wir hingegen sind auch organisiert, treffen uns mit Partienvertretern und schaffen uns eine Lobby. Dafür müssen wir uns keinen Ideologien anschließen. Und viele, die jetzt Parteien gründen, wollen nicht wirklich etwas verändern, sondern Karriere machen!“

Eigentlich ist Oleg studierter Kybernetiker, für den CSE arbeitet er jetzt allerdings hauptberuflich – als einziger der Gruppe. Die anderen haben parallel ganz normalen Jobs oder studieren noch. Katherine macht das aber nichts aus: „Auf dem Euromaidan haben wir draußen geschlafen und gegessen. Trotzdem waren wir fröhlich und haben uns nicht beschwert – weil wir Veränderung wollten.“ Sie sagt, das war rückblickend die schönste Zeit ihres Lebens.

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