"Das größte Problem ist die Unwissenheit"

Auf dem Chiemsee Reggae Summer durften immer wieder homophobe Sänger auftreten. Am Wochenende hatte Queeramnesty erstmals einen Infostand über Homophobie auf dem Festival-Gelände. Alexander Weicker aus dem Organisationsteam erklärt, wie das helfen kann.
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Man muss es vielleicht so sehen: Wenn ein Thema sehr festgefahren ist, kann die kleinste Annäherung helfen. Die Diskussion um Homophobie in der Dancehall-Szene ist so ein Thema. Sänger wie Bounty Killer, Sizzla, Buju Banton oder T.O.K. rufen oder riefen wenigstens in der Vergangenheit in ein paar sehr widerlichen Texten zu Gewalt und Mord an Homosexuellen auf. Und der Chiemsee Reggae Summer (CRS) hatte von denen mit an Konzept grenzender Regelmäßigkeit jedes Jahr wenigstens einen ihrer Vertreter im Programm. An dem Festival, das am vergangenen Wochenende zum 19. Mal in Übersee stattgefunden hat, entzünden sich deshalb seit Jahren sehr grundsätzliche Diskussionen: Begegnet man den Texten mit Verboten oder setzt man auf Dialog? Erwirkt man Einreiseverbote gegen fragliche Künstler oder hofft man – sehr langfristig freilich – auf Einsicht?


Die Band T.O.K während ihres Auftritts beim CRS

Die kleine Annäherung sieht nun so aus: Erstmals war mit der Münchner Gruppe Queeramnesty eine Menschrechtsorganisation auf dem Festival, die sich in der Hauptsache für Schwule und Lesben einsetzt. Die CRS-Veranstalter hatten ihr kostenlos einen Infostand gestellt. Wir haben mit Queeramnesty-Mitglied Alexander Weicker über seine Erfahrung auf dem Festival gesprochen.

jetzt.de: Herr Weicker, wie wurde Ihr Stand angenommen?
Alexander Weicker: Der Andrang war immens. Wir waren mit insgesamt neun Mitgliedern dort – zum Glück. Mit weniger Leuten hätten wir den Ansturm niemals bewältigt.  

Wie waren die Reaktionen?
Es gab alle Varianten. Natürlich kamen auch provokante Nachfragen: „Warum soll mich das interessieren?“ „Muss man das denn so verbissen sehen?“ Aber ich hatte auch sehr oft das Gefühl, dass ehrliches Interesse an dem Thema bestand – und der Aufklärungsbedarf zum Teil auch noch sehr hoch ist.  

Inwiefern?
Wir haben von Besuchern immer wieder gehört, dass ihnen das Thema gar nicht bewusst war. Die Texte sind ja sehr schwer zu verstehen und man erwartet diese Form von Hass nicht, wenn man nur auf die Musik hört. Von dieser Gruppe war das Feedback wirklich toll. Sehr viele von ihnen haben sich unsere Flyer genommen und sie auch wirklich gelesen und sich damit auseinandergesetzt. Insgesamt habe ich das Publikum als sehr tolerant und engagiert empfunden. Wir hatten insgesamt zwölf Petitionen dabei - zum Thema Homophobie, aber auch zu Themen wie der Schließung von Guantanamo - und sind mit vielen hundert Unterschriften nach Hause gefahren.

Denken Sie, dass Sie auch bei den Provokateuren etwas anstoßen konnten?
Ein Umdenken von heute auf morgen gibt es da sicher nicht. Aber der stete Tropfen höhlt das Hirn.  

Der Veranstalter, der in den vergangenen Jahren oft schwer in der Kritik stand, hat Ihnen den Stand zur Verfügung gestellt ...
... und uns auch ansonsten von Anfang an sehr unterstützt. Wir hatten die ganze Zeit über einen sehr guten Draht zu Martin Altmann (Geschäftsführer der Veranstaltungsfirma, Anm. d. Red.).  

Haben Sie mit ihm auch über das Booking gesprochen? Als Ersatz für Elephant Man hat man schließlich die ebenfalls kontrovers diskutierte Band T.O.K. eingeladen.
Dafür war leider keine Zeit, obwohl einige aus unserem Team enttäuscht waren, dass ausgerechnet dieser Band ein Forum geboten wird.  

Wie fällt Ihr Resümee also aus?
Positiv. Ich würde sagen, wir erleben tendenziell eine Annäherung.  

Reden funktioniert also besser als verbieten?
Ich möchte das nicht pauschalisieren. Man muss schon abwägen, wie tolerant man gegenüber Intoleranten sein kann und darf. In diesem Fall würde ich aber unbedingt auf Dialog und vor allem Aufklärung setzen. Das größte Problem ist die Unwissenheit.

Text: jakob-biazza - Foto: Facebook