Die Geschichte von Felix Weis’ Weltreise beginnt mit einem Gewinn. Und einem Verlust. Vor drei Jahren erreicht der 28-Jährige bei einem Programmier-Wettbewerb den ersten Platz. Er gewinnt eine Reise zu einer Bitcoin-Konferenz in den USA. Zwei Tage vor Abflug aber trinkt er beim Kölner Karneval „einen über den Durst - und irgendwie habe ich dabei meinen Geldbeutel verloren, mit allen Karten drin“. Keine Chance, die bis zum Abflug ersetzt zu bekommen. Er beschließt, ein Experiment zu wagen.

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Von einem Freund leiht er sich 400 Dollar in bar, die er auf der Konferenz in den USA sofort in Bitcoins tauscht. Drei Wochen reist er durch Texas und Kalifornien - und bezahlt ausschließlich digital. „Das hat so gut funktioniert, dass ich dachte: Warum nicht ein ganzes Jahr, durch die ganze Welt, nur mit Bitcoins?“ Seit Januar ist er jetzt unterwegs. Kann man heute schon mit einer alternativen Währung um die Welt reisen? Wie geht das? Und was erlebt man unterwegs mit dem Geld der Zukunft?

Felix Weis meldet sich via Skype aus Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Hier will er die Macher von rebittance.org treffen, einem Start-up, das den Transfer von Bitcoins vereinfachen will. Die Philippinen waren 2014 mit 27,5 Milliarden US-Dollar der weltweit drittgrößte Empfänger von Überweisungen. Viele von ausgewanderten Filipinos, die ihre Familien unterstützen. „Der größte Teil davon wird von konventionellen Banken und Geld-Transfer-Agenten ausgeführt, die hohe Gebühren für diese internationalen Transaktionen verlangen“, schreiben die Macher von rebittance.org. Finanzielle Teilhabe unabhängig von Wohlstand und zentralen Autoritäten zu ermöglichen - das ist ihre Mission. Und auch das wichtigste Ziel von Bitcoin an sich: Schluss mit der Intransparenz. Her mit einem faireren Geldsystem.

„Was die internationalen Banken heute veranstalten, erinnert an ein verrücktes Casino, bei dem niemand weiß, wie viel Geld wohin im Umlauf ist“, findet Felix Weis. „Für den Bürger ist das alles völlig undurchschaubar.“ Seit er das Studium der VWL frustriert abbrach, interessiert er sich für Finanzwirtschaft. „Als ich von Bitcoin hörte, dachte ich: Super! Das meiste Geld ist eh schon virtuell, und eine virtuelle Währung könnte endlich eine transparente Alternative zu einem System sein, das Banken viel zu viel Macht verleiht.“

2009 veröffentlichte ein bis heute anonymer Programmierer unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto den quelloffenen Bitcoin-Algorithmus. Das Bitcoin-Netzwerk basiert auf einer von den Teilnehmern gemeinsam verwalteten dezentralen Datenbank, in der alle Transaktionen verzeichnet werden. So soll eine Währung entstehen, auf die, anders als bisher, keine zentrale Institution Einfluss hat. Deren Mechanismen von allen überprüft werden können. Und an deren Organisation grundsätzlich jeder teilnehmen kann.



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Wer Bitcoins haben will, muss - ähnlich wie bei Peer-to-Peer-Musikbörsen wie dem frühen Napster - ein wenig Rechenleistung zur Verfügung stellen. Der Marktwert der digitalen Münzen ergibt sich ganz klassisch aus Angebot und Nachfrage. Und mittels Verschlüsselung wird sichergestellt, dass nur der Eigentümer Zugriff auf seine digitalen Finanzen hat.

„Geld ist nichts anderes als Vertrauen“, sagt Weis. „In der Hosentasche ist auch nur bedrucktes Papier. Man vertraut der Zentralbank.“ Er findet Bitcoins sicherer. „Ich als Programmierer kann beurteilen: Das System ist gut. Die Cryptography hinter Bitcoin ist stark.“

Wie vielen Travellern fallen ihm oft schneller die englischen Begriffe ein als die seiner Muttersprache: Cryptography, Government, Cash Machines. Er ist eben schon eine Weile unterwegs. Seit Anfang des Jahres versucht er, seine Weltreise wirklich nur mit Bitcoins zu finanzieren. Dazu hat er sein gesamtes Erspartes umgetauscht. Und nach drei Monaten seine Kreditkarte zerschnitten - ein Gelöbnis, nicht so schnell aufzugeben.

Die ersten drei Monate war er in Europa, vor allem im Osten und der Türkei. In Griechenland demonstrierte er mit den Griechen vor dem Parlament. Sie trugen Schilder mit „Oxi“, dem „Nein“ zur Sparpolitik der EU und zum Euro. Weis hielt ein Schild mit einem Bitcoin-QR-Code hoch. In Budapest fand er gleich zehn Restaurants, die Bitcoins akzeptierten, in Jerusalem sogar einen Secondhandshop. „In Bulgarien war es anfangs sehr schwierig. Meine Regel ist: Keine Währungen gegeneinander tauschen, und ich hatte nur noch rumänisches Geld und Bitcoins. Also habe ich ein paar Tage nichts gegessen, außer das Frühstück im Hotel.“

Bevor er an einen neuen Ort reist, sucht er im Netz nach Hotels und Restaurants, die Bitcoin akzeptieren. Und nach Gleichgesinnten. Die gibt es fast überall. „Angefangen haben vor allem Libertäre aus den USA, die stark gegen den Staat sind, sehr freiheitlich denken. Ich würde mich und die meisten Bitcoiner heute nicht in diese Kategorie miteinbeziehen. Da gibt es unterschiedlichste politische Gesinnungen.“ Mit ihnen trifft sich Weis als Erstes, „in irgendwelchen Internetcafés. Wenn man dann mit diesen Fremden ins Geschäft kommt, fühlt man sich fast wie ein Drogendealer“. Gegen Bitcoins tauscht er bei den Locals etwas örtliches Bargeld für Notfälle ein. Sie wissen aber, wo er rein digital weiterkommt. „Die Community ist stark“, sagt Weis, „man hilft sich gegenseitig, weil man an die gleiche Sache glaubt. Ohne diese Kontakte wäre es viel schwieriger.“ Aber manchmal hat er auch einfach Glück: „In Tel Aviv war ich am Strand und bekam plötzlich Lust auf Waffeln. Der erste Waffelladen, an dem ich vorbeikam, nahm Bitcoins!“

Meistens geht das Reisen mit Bitcoins erstaunlich gut, findet er. „Flüge buche ich möglichst auf cheapair.com, Hotels auf expedia.com. Beide Portale akzeptieren Bitcoins.“ Will er etwas von jemandem kaufen, der auf „normalem“ Geld besteht, bietet Weis ihm bis zu 30 Prozent mehr, damit er sich auf die digitale Währung einlässt. „So habe ich in der Türkei auch Paragliding und einen Tauchschein mit Bitcoins bezahlt. Viele Leute lassen sich überreden.“

Felix Weis vertraut ganz auf die digitale Währung. Das ist auch ihr Gedanke: Nicht eine Bank, sondern jeder ist selbst für sein Geld verantwortlich. Aber auch im Virtuellen kann es einen Bankraub geben. So wie im Fall von Mt.Gox, einer japanischen Bitcoin-Seite, die nach einem Hack und dem Diebstahl von Bitcoins im Wert von Millionen Dollar dichtmachen musste. Deshalb behält Weis seine Bitcoins selbst, statt sie bei solchen Anbietern zu „lagern“. Und findet es schade, wie restriktiv die BaFin, die deutsche Bankenaufsicht, gegen Bitcoin vorgeht. Sie verbot alle Bitcoin-Wechselautomaten, weil die Aufsteller keine Lizenz hatten. Geld bleibt vorerst Staatssache.

Als Nächstes will Felix Weis nach Südamerika. „Dort grassieren Inflation und Korruption. Bitcoins könnten ein Land wie Argentinien retten. Das will ich mir selber anschauen.“ Davor noch Japan und China. Sein Ziel: 21 Länder sehen. 21? Warum ausgerechnet 21? „Weil der Algorithmus die Anzahl der Bitcoins begrenzt hat, um Inflationen vorzubeugen. Auf 21 Millionen.“

Text: friedemann-karig - Foto: oh