1045074


Ich krieche nicht oft auf allen Vieren durch meine 2-Zimmer-Wohnung. Deshalb bin ich dabei auch sehr ungeschickt. Ich blinzle panisch, als könnten meine Augen sich dadurch schneller an die Dunkelheit gewöhnen.

Tastend erkenne ich die Wohnung kaum wieder. Ich wühle da, wo ich die Taschenlampe vermute. Ich finde sie nicht. Ich gebe auf, setze mich aufs Sofa und warte. Dann geht das Licht wieder an. Im Radio läuft immer noch das gleiche Lied. Der Stromausfall hat also keine drei Minuten gedauert. Deshalb darf man eigentlich auch nicht „Stromausfall“ dazu sagen. Laut Bundesnetzagentur gilt eine Unterbrechung nämlich erst ab drei Minuten als Stromausfall. „Dieses System hübscht die Statistik ziemlich auf“, sagt Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher. „Im Schnitt haben wir zwischen 14 und 16 Minuten pro Jahr keinen Strom.“ Im internationalen Vergleich ist das allerdings ein Witz. Als im Juli 2012 drei indische Hochspannungsnetze auf einmal zusammenbrachen, war davon fast ein Zehntel der Weltbevölkerung betroffen. Und das für mehrere Tage. Bei Ausfällen wie diesem entstünden jährlich Millionenschäden, sagt Peters.

Das Ausmaß meiner dreiminütigen Suchaktion im Dunkeln beschränkt sich auf ein von der Stuhlkante demoliertes Knie. Warum hat sich dieses banale Ereignis trotzdem kurz so aufregend angefühlt? Ich habe keine Angst vor der Dunkelheit, das ist es also nicht. Vielleicht ist es dieses kurze Gefühl des Ausgeliefertseins. Nicht zu wissen, wann das Licht wieder angeht und man den Film weiterschauen kann. Der Kontrollverlust, weil etwas weg ist, was sonst so selbstverständlich scheint – und man nichts dagegen tun kann.

Laut Peters ist die „Angst vor der ewigen Dunkelheit“ in Mitteleuropa unbegründet. „Weder Energieanbieter noch staatliche Behörden drehen den Strom einfach so ab. Bei uns gibt es immer eine Erklärung wie Schneestürme, Unwetter oder Hochwasser.“ Das ist nicht überall auf der Welt so. In Ländern, in denen der Strom knapp ist, gibt es staatlich verordnete Ausfälle von mehreren Stunden pro Tag. Dazu kommen unangekündigte Unterbrechungen der Netzbetreiber. Wie beeinflusst das den Alltag der Menschen dort? Erschrecken sie überhaupt noch, wenn plötzlich das Licht ausgeht? Oder haben sie die Taschenlampe immer schon griffbereit? Wir haben mit drei jungen Menschen gesprochen, die mit täglichen Stromausfällen leben.

>>> "Wenn der Strom ausgeht, wird geschwitzt" – drei Protokolle aus Libanon, Ghana und Indien


1045113


Aline Iskandar, 26, ist Grundschullehrerin in Beirut, Libanon

Normalerweise werden wir Lehrer gewarnt, wenn der Strom für längere Zeit ausfällt. Beim letzten Mal hatte ich vergessen, meine Mails zu checken, und plötzlich saß ich mit den Kindern im Dunkeln. Ich musste dann erklären, warum es für den Libanon wichtig ist, Strom zu sparen. Auf der Schule sind eher Kinder von reichen Eltern, die haben alle Notstromgeneratoren zu Hause. Denen ist gar nicht bewusst, dass der Großteil der Bevölkerung abends im Dunkeln sitzt.

Wir haben jeden Tag Stromausfälle von mehr als zehn Stunden. Vorgestern steckte ich 15 Minuten im Aufzug fest, bis der Notstrom anging. Und wenn der Strom ausgeht, wird geschwitzt, weil auch die Klimaanlage ausfällt. Deshalb gehört einfache Mathematik zum Alltag: Wann dusche ich und wann föhne ich mir die Haare? Wann kann ich Wäsche waschen? Wann muss ich mein Handy laden? Der ganze Alltag dreht sich um diese nervigen Fragen. Das ging auch schon der Generation meiner Eltern so. Nur, dass die noch nicht so technikabhängig waren wie wir.



1045114

Jerry Nkrumah, 26, hat in Agona Swedru, Ghana, eine NGO gegründet

Man hört es immer schon von Weitem: Wenn sie in den Nachbarvierteln ‚Oooh‘ rufen, weißt du, dass auch bei dir gleich das Licht ausgeht. Und wenn der Strom zurückkommt, jubelt das ganze Viertel. Früher konnte man sich nach festen Ausfallzeiten richten – beim Friseur hat man dann gesehen, wie die Kunden hektischer wurden, weil sie wussten, dass gleich der Rasierer ausgeht. Und der Friseur wusste, dass um Punkt sechs der Haarschnitt fertig sein muss.

Heute hat die Regierung die Situation nicht mehr im Griff, der Strom fällt zu den unterschiedlichsten Zeiten aus. Am meisten trifft es kleine Unternehmen: Internetcafés, Nähereien, Supermärkte. Die Fleischerin bei mir um die Ecke muss oft alles wegschmeißen.

In meinem Job muss ich viel skypen und häufig wird nach zehn Minuten die Verbindung unterbrochen. Die Stromausfälle beeinflussen aber auch meine Freizeit: Bevor ich feiern gehe, schaue ich, ob der Club einen Notstromgenerator hat. Eine Stunde ohne Musik wäre okay – aber spätestens wenn die Klimaanlage ausfällt, ist jede Party vorbei.



1045118

Radhika Gupta, 28, bildet in Indien Lokaljournalisten aus

Ich arbeite für Video Volunteers, wir bilden Journalisten aus und verbreiten ihre Geschichten online – ohne Internet können wir also praktisch nichts machen. Wenn der Strom ausfällt, gehen wir mittagessen oder legen eine Kaffeepause ein. Die verlorene Arbeitszeit hole ich am Wochenende nach, das macht die Freizeitplanung schwierig.

Durch meinen Job komme ich in die abgelegensten Dörfer. Selbst da, wo es kein sauberes Trinkwasser oder Sanitäranlagen gibt, wollen die Leute zuerst Elektrizität. Ohne Strom bist du vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten. Du kannst kein Bankkonto eröffnen und dich nicht für Jobs außerhalb deines Dorfes bewerben. Du kannst dich noch nicht mal bei den Behörden darüber beschweren, weil du dafür ein Online-Formular ausfüllen müsstest. Auch absurd: In einem kleinen Dorf wurden drei riesige Kraftwerke gebaut – aber statt erst mal die Umgebung zu versorgen, fließt der Strom quer durchs Land in die größeren Städte. Die Leute sitzen im Dunkeln, während vor ihrer Haustür Strom produziert wird.

>>> "Das Arbeiten im Energiebereich ist wie das Arbeiten am Antrieb der Entwicklungsmaschine" – Monique ezählt von ihrem Kampf gegen Energiearmut in Indien


Mehr Licht!

1045060



2012 gab es in Indien einen großen Stromausfall, 600 Millionen Menschen waren betroffen. Sechs junge Australier – unter anderem Monique Alfris, 31, – gründeten daraufhin Pollinate Energy, ein Start-up-Unternehmen, das in indischen Slums günstige Solarlampen und nachhaltige Öfen verkauft – allein in den vergangenen drei Jahren an etwa 10 000 Haushalte. Das Ziel des Unternehmens: Strom für alle, bezahlbar und unabhängig.

Als in Indien 2012 die Lichter ausgingen, seid ihr gerade beim Bier gesessen, habt vom Stromausfall gehört und beschlossen, dass ihr helfen wollt?
Monique: Das war nicht mein persönlicher Wendepunkt. Ich habe vorher schon in Asien gearbeitet und war enttäuscht von der Qualität der NGOs, die dort tätig waren. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe, ein eigenes Projekt ins Leben zu rufen und es besser zu machen.

Wer sich in Entwicklungs- und Schwellenländern engagiert, kämpft meistens gegen Hunger oder Krankheiten. Ist das nicht wichtiger?
Hunger und Krankheiten sind wichtige Probleme, die unbedingt zu lösen sind. Aber meine Kompetenz liegt im Energie- und Technikbereich, ich habe in Australien Erneuerbare Energiewissenschaften studiert. Viele medizinische und Ernährungsprobleme rühren von mangelndem Energie- und Wasserzugang her. Für mich ist das Arbeiten im Energiebereich also wie das Arbeiten am Antrieb der Entwicklungsmaschine.

Euer Gründerteam besteht aus sechs Leuten, und ihr habt alle unterschiedliche Fachgebiete – du kommst aus dem Bereich der erneuerba-ren Energien, dein Kollege Ben ist zum Beispiel Produktdesigner. Ist das Teil eures Konzepts?
Genau. Wir arbeiten auch an anderen Bereichen wie zum Beispiel besseren Unterkünften und Toiletten. Allerdings verstehen wir Pollinate nicht als Projekt, sondern als nachhaltiges Langzeitunternehmen, das weiter wachsen wird, um so der Gemeinschaft zu dienen.

Und wie reagieren die Einheimischen auf euch, wenn ihr als junge Ausländer ankommt und ihnen erklärt, dass sie ihre Gewohnheiten ändern und Energie effizienter nutzen sollen?
Wir haben lokales Personal, das die meiste Arbeit in den Slums für uns erledigt.

Wie funktioniert diese Arbeit genau?
Die Lampen lassen wir in China von einer indisch-australischen Firma mit Hauptsitz in Mumbai herstellen. Das lokale Personal, die sogenannten Pollinators, sprechen mit den Bewohnern, weil sie die regionalen Sprachen beherrschen. Sie erklären den Menschen die Vorteile unserer Produkte und verkaufen sie. Meistens sind sie selbst Erstkunden, mit denen wir ganz am Anfang schon einen Kontakt herstellen konnten. Unsere internationalen Helfer begleiten sie bei ihrer Arbeit, aber die Pollinators geben den Ton an. Sie sollen mit der Zeit immer mehr Handlungsfreiheit bekommen und ihren Markt selbst strukturieren.

Die internationalen Helfer sind vor allem Frei- willige, auf die ihr angewiesen seid, um euer Geschäft aufrechtzuerhalten. Erklär mir doch mal, warum ich nach Indien gehen sollte, um für Pollinate Energy zu arbeiten, wenn ich doch auch in eurer Heimat Australien ein heißes Surfergirl werden könnte …
(lacht) Die Freiwilligen helfen, unser Pollinate-Mikrounternehmen in neuen Städten zu kickstarten – mit Training und Finanzierung, wie zum Beispiel kürzlich in Kalkutta, wo wir ein neues Büro eröffnet haben. Sie lernen ein Start-up-Unternehmen und seine tägliche Arbeit kennen und bekommen einen Einblick in soziales Business. Außerdem kannst du beides machen: Komm für einen Monat zu uns, um an einem unserer Programmen teilzunehmen – und dann gehst du nach Australien.

Interview: Mirja Hellwig