Ein Gespräch über Rückschläge bei einer Partie „Mensch, ärgere Dich nicht‟. Sonderregel: Schmeißt der Reporter eine Figur des Interviewten, darf er eine unangenehme Frage stellen. Umgekehrt darf der schamlos bewerben, was er will, wenn er es schafft, eine Figur des Reporters zu schmeißen.  


Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine Partie „Mensch, ärgere dich nicht“ (MÄDN): Im Audi-Dome sehen sonst 6700 Menschen Basketballspiele. Jetzt ist die Halle leer, das Spielbrett ist auf der Ersatzbank des FC Bayern Basketball aufgebaut, auf der noch halb ausgetrunkene Wasserflaschen vom Vormittagstraining liegen.

Bryce Taylor, 28 Jahre, 1,95 Meter groß und seit dieser Saison Bayern-Kapitän, kommt in Trainingshose und T-Shirt frisch geduscht aus der Kabine. Sein erster Blick gilt seinem Teamkameraden, der auf der anderen Seite der Halle noch Würfe übt. Dann lässt er sich die Regeln erklären – MÄDN gehört in Los Angeles, wo er aufgewachsen ist, nicht zu den Standard-Brettspielen. Vielleicht ein Nachteil für ihn. Dafür hat er hier den Heimvorteil.

Bryce Taylor: Ich brauche jetzt also erst mal eine Sechs, oder?
jetzt: Genau.
Ziemliches Glücksspiel...
Richtig. Ist beim Basketball viel Glück im Spiel?
Sicher. Das meiste ist natürlich viel Übung, Können und harte Arbeit, aber du brauchst immer ein bisschen Glück, um wirklich erfolgreich zu sein. Eine Gelegenheit, die sich dir bietet, ein Mensch, der dich entdeckt – das sind Sachen, die du nicht in der Hand hast. Ich glaube an Gott, andere Leute sprechen da eher von Glück. Aber ein höheres Element gibt es, und das ist wichtig im Sport und im Leben.

Nach drei Würfen bekommt er eine Sechs und betritt mit einer Figur das Spielfeld. Sie sieht in seiner großen Hand noch kleiner aus als sonst.

Wann hattest du das letzte Mal richtig Glück?
Ich habe generell relativ viel Glück. Aber kürzlich besonders: Mein Großvater war sehr krank und lag im Sterben. Und ich konnte ihn noch mal besuchen, bevor er starb. Als ich erfuhr, dass es ernst wurde für ihn, stand ein Spiel an. Ich musste entscheiden, ob ich sofort fliege, kurz bleibe und schnell wieder zurückkomme, oder ob ich auf die längere Pause nach dem Spiel warte. Ich flog sofort. Und er starb 48 Stunden nach meinem Besuch. Hätte ich gewartet, hätte ich ihn nicht mehr gesehen.

War es Glück für dich, einen Vater zu haben, der selbst Basketballprofi war? Oder setzte dich das eher unter Druck?
Beides, glaube ich. Einerseits war es gut, jemanden zu haben, der das Spiel wirklich versteht. Er hatte schon alles durchgemacht, wo ich noch durch musste. Das war ein Vorteil gegenüber Kindern, deren Eltern vielleicht auch Interesse an Basketball hatten, aber nicht wirklich was davon verstanden oder gar wussten, welche Schritte notwendig sind, um besser zu werden. Natürlich war da auch viel Druck, weil er in der NBA gespielt hatte. Das war für mich deshalb auch das Ziel, alles drunter galt als Niederlage. Als ich nicht für die NBA ausgewählt wurde, musste ich also durch eine schwere Zeit, in der ich das Gefühl hatte, gescheitert zu sein.

Und dann hast du aufgegeben und bist nach Europa gegangen?
Es gibt mehrere Möglichkeiten, es in die NBA zu schaffen: Zum Beispiel über die niedrigeren US-Ligen. Da werden du und deine Fortschritte von den NBA-Vereinen genau beobachtet. Aber die Bezahlung ist eher schlecht. Manche versuchen, sich über Europa für die NBA zu empfehlen. Da verdienst du mehr, aber du bist nicht mehr so im Blickfeld der NBA.

Warum fiel deine Wahl dann auf Europa?
Ich hatte ein Angebot aus Italien und war schon ein paar Mal als Teenager in Europa gewesen. Und da dachte ich: Ich sollte dieses Angebot einfach annehmen, schon der Lebenserfahrung wegen. In der NBA konnte ich es auch später noch mal versuchen.

Du bist dann aber geblieben.
Das Problem ist: Du kannst nicht gleichzeitig diesem NBA-Traum hinterherlaufen und in Europa wirklich erfolgreich sein. Du musst dich auf eine Sache fokussieren. Mit jedem Jahr habe ich gemerkt, dass ich hier mein Bestes geben und sehen wollte, wie weit mich das führt.

Aber für die Leute daheim sah es aus, als wärst du gescheitert, oder?
Die meisten Leute zu Hause stehen dem Level hier ziemlich ignorant gegenüber und wissen nicht, wie gut hier gespielt wird. Manche Spieler aus den USA – auch aus der NBA – kommen hier rüber und denken, sie können in jedem Spiel 25 Punkte machen und sich ihren dicken Scheck abholen.

Wie schwer hast du dich am Anfang in Europa getan?
Die Zeit war schwer, hat mir aber sehr geholfen. Ich war 21, der jüngste in meinem Team und musste mich allein in der neuen Umgebung zurechtfinden. Ich lernte, von zu Hause weg zu sein, ich lernte, mit Rückschlägen umzugehen und daran zu wachsen.

In das für ihn neue Brettspiel hat Bryce sich gut reingefunden. Er hat zwei Figuren im Umlauf und zieht weit davon. Ans Würfeln muss man ihn allerdings immer wieder erinnern; seine Hauptkonzentration liegt auf dem Gespräch und seinen Antworten.

Basketball ist zwar ein Teamsport, lebt aber sehr von den Eins-gegen-Eins-Situationen. Was für Typen sind da auf dem Platz gefordert? Basketballer brauchen sehr viel Selbstvertrauen. Das spielt eine riesige Rolle für Erfolg und Konstanz. Denn du musst, selbst wenn du fünf oder zehn Würfe versemmelt hast, den nächsten wieder versuchen und daran glauben, dass du ihn rein machst.

Wie erhältst du dir diesen Glauben?

Er zeigt auf seinen Mitspieler, der am anderen Ende der Halle noch immer Überstunden macht und den er während des Interviews auch immer mit einem Auge beobachtet.

Du musst üben. Immer wieder werfen, auch alleine, unzählige Male. Und du musst dir Videos von dir selbst anschauen. Dir deinen Erfolg visualisieren. Erfahrung hilft auch: Du musst Misserfolge – und vor allem das Gefühl, Misserfolge hinter dir zu lassen – kennenlernen. Nach einem echt schlechten Spiel wieder ein gutes abzuliefern – das macht dich mental stark.

Wie er mit Rückschlägen umgeht, kann er gleich beweisen. Der Reporter hat aufgeholt, würfelt jetzt eine Sechs und eine Vier und kann eine Figur schlagen. Also: fiese Frage: 

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Ist es für einen Basketballer nicht peinlich, für einen Verein zu spielen, der FC Bayern heißt? FC für Fußballclub?
Nein, warum? Wir  sind hier zwar so was wie der kleine Bruder und bekommen nicht ganz dieselbe Anerkennung wie die Fußballer. Aber in Relation zu den anderen Basketballvereinen in Deutschland sind wir der größte Name. Und der Name FC Bayern verschafft einem nun mal Aufmerksamkeit. Das treibt uns an, das bringt uns nach vorne. Ich habe hier das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das sehr viel größer ist als ich. Es geht nicht nur um mich, es geht nicht mal nur um die Mannschaft. Ich spiele für einen großen, erfolgreichen Verein – und dem will ich gerecht werden.

Bei den Fußballern des FC Bayern hat das Wort „Scheitern“ eine andere Bedeutung: Nicht alles zu gewinnen, ist schon eine Niederlage. Gilt das auch für euch?
Es ist definitiv ein anderer Anspruch zu spüren als anderswo. Alle im Verein erwarten, dass wir jedes Spiel gewinnen, weil wir sehr gute Spieler und einen der besten Trainer haben. Das ist nicht leicht. Aber mir ist das lieber, als in einem Team zu spielen, wo keiner was von dir erwartet und du Ausreden hast, wenn du verlierst. Der Druck hält dich auf dem höchsten Level deiner Leistungen.

Was macht einen guten Trainer aus?
Ein guter Trainer weiß vor allem, wie er aus jedem einzelnen Spieler das Beste herausholt, sei es durch Motivation, Techniktraining oder was auch immer.

Ein Trainer muss also auch ein sehr guter Menschenkenner sein.
Ja. Basketball ist ein Mental Game. Der Trainer muss die Psyche jedes Spielers kennen. Denn er muss wissen, welche Knöpfe er in welchen Situationen bei ihnen drücken muss: ob er ihnen, wenn sie eine schlechte Phase haben, in der Pause ermutigend auf die Schulter klopfen oder sie anschreien muss.

Welchen Knopf muss man bei dir drücken, wenn es nicht läuft?
Ich spiele gut, wenn ich sauer bin. Wenn es nicht läuft, tut es mir gut, wenn man mich ein bisschen härter angeht. Das weckt dann ein bisschen das Feuer in mir.

Er würfelt eine Sechs und verlässt sein Haus mit einer weiteren Figur. Es folgt direkt eine Fünf, mit der er eine Figur des Reporters vom Spielfeld nimmt. Er tut das nicht aggressiv, sondern setzt die kleine Figur behutsam zurück ins Haus. In seinem Gesicht steht deutliche Zufriedenheit.

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Wenn im Basketball das Mentale so eine große Rolle spielt: Versuchst du, deinen Gegner auch mit psychologischer Kriegsführung zu schlagen?
Du meinst Trash-Talk? Klar! Der spielt eine große Rolle!

Was werft ihr euch da denn an den Kopf?
Du feuerst ständig kleine Provokationen ab: Du sagst deinem Gegner, dass er an dir nicht vorbeikommt, dass er keine Chance hat. Du versuchst, irgendwie in seinen Kopf zu gelangen; er soll sich da drin mit dir auseinandersetzen, dann hast du einen Vorteil. Das habe ich von klein auf gelernt, das ist auf Basketballplätzen in LA der Alltag.

Bryce nähert sich mit seiner ersten Figur seinem Ziel und hat damit den Sieg vor Augen. Wir haben die Regeln angepasst: Es gewinnt, wer die erste Figur ins Häuschen bringt. Denn Bryce muss gleich zum Deutschunterricht.

Wie weit geht ihr beim Trash-Talk?
Ich versuche, auf einer Basketball-Ebene zu bleiben. Aber manchmal wird es auch beleidigend. In der Play-off-Serie gegen Frankfurt war es besonders krass, da wurde viel geredet, und irgendwann wurde es persönlich, vor allem von Seiten der jüngeren Spieler. Als ich jung war, habe ich auch ziemlich viel Mist geredet auf dem Platz. Jetzt bin ich etwas ruhiger und lasse lieber mein Spiel sprechen.

In diesem Moment kommt der Siegwurf: Bryce rettet seine Figur ins Häuschen. Heimvorteil eben.

Text: christian-helten - Illustration: Katharina Bitzl