Den Sommer genießen, könnte man sagen, ist das Leichteste der Welt: Man verabredet sich auf einen Kaffee. Der Hitze wegen wird das Treffen zu einem Spaziergang zur nächsten Eisdiele ausgedehnt und der wiederum zu einem Nachmittag im Park. Ein Nachmittag, an dem man immer wieder gerade gehen will, an dem aber jedes Mal kurz vor Aufbruch ein Freund oder Freundesfreund dazukommt, sodass man noch ein bisschen bleibt, für ein paar Minuten nur – hallo, wie geht’s, ach ja, jetzt ist’s gerade so nett hier und was wartet zu Hause schon, das wichtiger ist als die Sonne? Irgendwann fühlt sich jemand verantwortlich, die ganze Mannschaft mit Radler zu versorgen, und als es dämmert, fragt der Andi: „Gehen wir heute Abend noch los?“ Natürlich geht man noch los – der Tag soll auf keinen Fall schon vorbei sein, aber festlegen will man sich auch nicht.

Man isst lieber erst mal gemeinsam italienischen Nudelsalat auf der Dachgeschoss-Fensterbank von Jana, weil die gesagt hat, dass man da noch die letzten Sonnenstrahlen einfangen kann, jetzt, wo im Park schon Schatten ist. Die Füße baumeln über der Stadt. Dann schnell mit dem Fahrrad an einen geheimen Ort am Fluss, weil ein Kumpel von Andi da unter einer Brücke einen kleinen Rave veranstaltet. Sollte der von der Polizei aufgelöst werden, kann man ja weiterziehen, wohin es einen eben treibt. Der Tag ist ein Fluss. Und jede Station nur ein Auftakt für die nächste. Man ist frei, solange man nur einen dünnen Strickpulli dabei hat für ganz spät, wenn man im kühlen Morgengrauen doch nach Hause geht.  

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Genauso frei und leicht habe ich einen Sommer nach dem anderen verbracht. Dieses Jahr aber ist etwas anders. Anfangs war es schwer zu sagen, was. Denn die Dinge, die ich tue, sind die gleichen geblieben: Ich springe in Badeseen, trage die Hosen und Röcke kürzer als sonst, esse Nudelsalate auf Fensterbänken, rede vor der Bar etwas zu laut und tanze unter freiem Himmel. Aber irgendwie fühlt sich all das jetzt anders an: weniger intensiv, weniger aufregend, weniger erfüllend. Nicht, weil sich dieses Sommerleben mit den Jahren abgenutzt hat und inzwischen abgestanden ist. Der Grund ist die Art und Weise, wie es zustande kommt.  




Wenn ich diesen Sommer auf einen Kaffee gehe, führt das nie zu einem spontanen Bier am Nachmittag und erst recht nicht zu unvorhergesehenen Nächten am Fluss. Das liegt daran, dass ich spätestens nach zwei Stunden wieder nach Hause oder in die Arbeit radeln muss – so wie meine Freunde, Freundesfreunde und die meisten in diesem Alter. Und da sind wir auch schon beim Problem: Natürlich will man in jedem neuen Lebensjahr genauso spontan und lässig bleiben wie im vorigen. Das funktioniert aber nicht – allein, weil die Eltern einen ja nicht bis vierzig finanzieren können. Man muss neben der Uni oder in Vollzeit arbeiten und kommt um einen Terminkalender nicht mehr herum.

Je erwachsener man wird, desto weniger kann man sich treiben lassen. Um möglichst viele Radler und geheime Draußen-Raves zu schaffen, hat mein Freundeskreis deshalb einen Gruppenchat gegründet – mit dem Namen „Sommer 2015“. Darin legen wir manchmal sogar mehrere Wochen im Voraus Abende zum Feiern fest und klären, wer die Karten für welchen Event im Vorverkauf bestellt. Manchmal postet sogar jemand Links zu Doodle-Umfragen, die so heißen wie „Elektroboot-Ausflug August“ oder „Gemütliches Grillen“. Zwischendurch schickt Andi einen Screenshot vom Wetterbericht fürs nächste Wochenende, zusammen mit einem panischen Kommentar: „Verdammt, 35 Prozent Regenwahrscheinlichkeit!!! Was sollen wir tun, wenn’s wirklich schifft?“  

Dieses System ist sehr effektiv. Es hilft meinen Freunden und mir bei der Umsetzung unseres Sommerlebens. Genau das ist aber letzten Endes das Problem. Denn wo ein System ist, ist wenig Platz für Freiheit und Spannung. Durch die akribische Planung ist uns die Leichtigkeit des Sommers abhandengekommen. Natürlich ist das Grundproblem zu jeder Jahreszeit dasselbe. Auch im Winter müssen wir mehr planen als früher. Nur: Da stört es nicht so. Kinobesuche und Abende in einer Bar lassen sich problemlos im Voraus festsetzen, weil man sie immer haben kann. In einem organisierten Sommer aber entwickelt man einen Wetterbericht-Zwang und so hohe Erwartungen, dass man am Ende enttäuscht sein wird. Denn je mehr man versucht, das Beste aus dem Sommer zu machen und möglichst viel von ihm in den Kalender zu quetschen, desto mehr geht ja das eigentlich Gute daran verloren: das Gefühl, dass alles offen ist – die Orte, an denen wir uns treffen, unsere Schuhe, der Ausgang des Tages und der Nacht.

Der Sommer ist deshalb ein guter Gradmesser des Erwachsenwerdens. Wenn sich das Sommergefühl verändert, merkt man, dass sich vor allem etwas anderes verändert hat: man selbst. Man ist erwachsen, zumindest wird man es langsam. Den Sommer genießen, könnte man sagen, ist dann nicht mehr das Leichteste der Welt.

Text: daniela-gassmann - Illustration: Katharina Bitzl