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jetzt.de: Herr Buchholz, warum ist das Perpetuum mobile so ein großer Menschheitstraum?
Martin Buchholz: Seit der Steinzeit müssen wir Menschen oft hart für unser tägliches Brot arbeiten. Im Lauf der Jahrhunderte hat man deshalb nach immer neuen Wegen gesucht, um unser Leben und die Arbeit zu erleichtern: das Rad, Flaschenzüge, Windmühlen, die Dampfmaschine. Von einer Wundermaschine zu träumen, die einem die Arbeit nicht nur erleichtert, sondern gleich ganz abnimmt, weil sie nutzbare Energie produziert, ist da nur konsequent.

Welche physikalischen Hindernisse haben die Tüftler denn dabei immer übersehen?
Zum Beispiel, dass die Bewegung der einzelnen Bauteile aneinander Reibung verursacht. Dabei wird Wärme erzeugt und die kostet Energie, die ungenutzt verloren geht. Schon funktionieren die Konstruktionen nicht mehr.

Bereits im 11. Jahrhundert versuchten Gelehrte, Perpetua mobilia zu bauen. Auch Leonardo da Vinci tüftelte später daran. Seine Konstruktionszeichnungen sind heute Kunstschätze, technisch allerdings nutzlos. Das sah da Vinci am Ende sogar selbst ein und schrieb: „Oh ihr Erforscher der beständigen Bewegung, wie viele … Hirngespinste habt ihr euch … schon ausgedacht. Geht und gesellt euch zu den Alchemisten.“ Zur Erklärung: Alchemisten sind aus seiner Sicht etwa so seriös wie Astro-TV-Berater heute.

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Martin Buchholz, geboren 1976 in Bochum, studierte Maschinenbau an der TU Braunschweig und der University of Glasgow (UK). Seit 2002 lehrt und forscht der diplomierte Energietechniker am Institut für Thermodynamik der TU Braunschweig. In seiner Freizeit tritt Buchholz bei Science Slams auf und erklärt auf Youtube die Gesetze der Thermodynamik.

Warum fällt es Erfindern bis heute so schwer, die natürlichen Grenzen der Physik zu akzeptieren?
Der Energieerhaltungssatz ist, wie alle Naturgesetze, kein endgültiger Beweis, sondern die logische Schlussfolgerung aus allen bisher gemachten Beobachtungen – bis jemand das Gegenteil beweist. Würde es einem Erfinder also irgendwann gelingen, ein Perpetuum mobile zu bauen, wären die Grundsätze der Thermodynamik hinfällig.

Glauben Sie daran?
Es gibt schon solche „Gegenbeweise“, weil ja zum Beispiel die spezielle Relativitätstheorie gezeigt hat, dass die Gesetze der Mechanik zwar für unseren Alltag gelten, aber bei ganz großen Geschwindigkeiten ihre Gültigkeit verlieren. An ein ähnliches Schicksal für die Thermodynamik glaube ich allerdings nicht.

Mal angenommen, es gelänge doch …
… dann würde der Erfinder eines funktionierenden Perpetuum mobile sehr schnell sehr reich werden, er bekäme den Nobelpreis, Straßen würden nach ihm benannt, er wäre eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Ein Held.

Der Wissenschaftler Johann Bessler wäre gern so ein Held gewesen. Er hat Anfang des 18. Jahrhunderts eine komplizierte, etwa drei Meter große Rad-Konstruktion gebaut, die nicht mehr aufhörte, sich zu drehen, und ging eine Wette mit einem Zweifler ein: 54 Tage wurde die Maschine in einem Raum eingeschlossen – bei der Öffnung drehte sich das Rad immer noch. Erst Monate später stellte sich heraus, dass Diener im Nachbarzimmer gekurbelt hatten, um das Rad am Laufen zu halten. Fast 300 Jahre später ist man immer noch nicht weiter: 2014 zeigte die Gesellschaft für autarke Energie, technische Innovation und Altruismus aus Österreich online per Livestream eine Maschine, die angeblich Energiedifferenzen nutzte, um Lampen und einen Fernseher mit Strom zu versorgen. Wie das genau funktionierte, war für den Zuschauer nicht erkennbar. Dann gab es einen Stromausfall. Auf eine Maschine, die angeblich losgelöst von jeder Steckdose läuft, sollte das keine Auswirkung haben – doch kurze Zeit später gingen die Lampen und der Fernseher aus. Der Spott war groß, der Verein schob den Ausfall auf einen „technischen Defekt“.

Haben sich die Ansätze für die Perpetua mobilia im Lauf der Zeit geändert?
Ja. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit haben sich die Erfinder vor allem an der Mechanik versucht. Sie konstruierten Räder mit Hebeln oder komplizierte Wassersäulen. Die modernen Entwürfe gehen in eine ganz andere Richtung. Statt sich mit Mechanik zu beschäftigen, werden oft neue Energiequellen präsentiert, von denen selbst Physiker noch nie etwas gehört haben.

Zum Beispiel?
Ein Klassiker sind Energiefelder, in denen die Erde und das gesamte Universum zu schwimmen scheinen. Die sind dann für die Wissenschaft natürlich nicht messbar – so umgehen die Erfinder auch aufwendige Beweise.

Einer der bekanntesten Verfechter solch absurder Energiequellen ist Claus Turtur, immerhin Physikprofessor an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. Mit Flügelradmotoren will er die Energie des Raumes nutzen. Wie genau das funktioniert, erklärt er in hochkomplizierten, stellenweise völlig unverständlichen Ausführungen. In der Hochschullandschaft gilt er als Witzfigur. Der Kopp Verlag (bekannt durch nationalistische Bücher oder Ufo-Literatur) druckte Turturs Buch „Freie Energie für alle Menschen“. Von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften – sie wendet sich gegen pseudowissenschaftliche Behauptungen – bekam Turtur dafür den Preis für den größten antiwissenschaftlichen Unfug des Jahres. In einem freien Energieforum schreibt ein aufgebrachter User dazu: „Es ist eine unglaubliche Ungeheuerlichkeit, wie die deutsche Justiz und die Hochschullandschaft sich für die Interessen der Energielobby einspannen lässt, wenn es darum geht, echte Alternativen zur Energiegewinnung mit allen Mitteln massiv zu unterdrücken.“

Es gibt also heute noch eine richtig aktive Perpetuum-mobile-Szene?
Das Internet ist vielleicht sogar die Grundlage für eine aktive Szene. Es ermöglicht Menschen mit wunderlichen Ideen, Gleichgesinnte zu finden, das gilt für Verschwörungstheorien aller Art. Auch zum Thema „Perpetuum mobile“ gibt es rege Foren und Blogs. Und Youtube-Videos von vermeintlich geglückten Erfindungen.

Und wie reagiert diese Szene auf physikalische Fakten?
Kritiker werden sofort abgewehrt. Ihnen wirft man gern Nähe zur Energielobby oder zu Geheimdiensten vor. Die Verschwörungstheoretiker glauben, dass die internationa- le Staatengemeinschaft und alle möglichen Konzerne die Erkenntnisse über mögliche Perpetua mobilia unterdrücken wollen, damit wir von herkömmlichen Energiequellen abhängig bleiben.

Auch beim Deutschen Patent- und Markenamt gehen jährlich Dutzende von Anmeldungen für Perpetua mobilia ein. 2012 hat ein Erfinder geklagt, nachdem ihm die Eintragung verweigert wurde, das Gericht wies die Beschwerde ab. Die Richter begründeten ihre Ablehnung damit, dass es sich bei der Erfindung um ein sogenanntes Perpetuum mobile handle, so etwas verstoße gegen naturwissenschaftliche Gesetze. Seitdem landen alle Perpetuum-mobile-Anträge ungeprüft im Müll. Aber die Erfinder werden ganz sicher nicht aufgeben. In der Hoffnung, dass sich irgendwann ein Rad für immer dreht.

Text: birk-grueling - Illustration: Simone Karl