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Karoline Herfurth braucht jetzt eine Süddeutsche Zeitung. Schnell. Warum? „Für Facebook. Ich will posten, dass wir spielen. Geht auch ganz schnell!“ Es geht vieles sehr schnell bei der Schauspielerin („Das Parfum“, „Fack ju Göhte“). Und vieles wie nebenbei. Während die 30-Jährige ein Foto für den Post macht (Zeitung neben Spielbrett), klärt sie noch mal die Eckdaten: „Und ihr müsst das dann auch schreiben, wenn ich etwas bewerbe?“ Müssen wir. „Icke beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen mit jetzt.de“, steht kurz drauf auf ihrem Profil.

jetzt.de: Du hast mal gesagt, dass du die Angst vorm Scheitern verloren hast, als dir klar wurde: Egal, wie oft du scheiterst, du wirst trotzdem immer geliebt. Fürchten wir das Scheitern also aus Angst vor Liebesentzug?
Karoline Herfurth: Puh. Also, ich wage mal eine These: Der Großteil unseres Handelns orientiert sich daran, von einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Angst vor Ausgrenzung ist meiner Meinung nach einer der größten Motoren des Handelns.

Das ist ein Ja?
Denke schon. Es war bei uns zu Hause aber immer völlig okay, zu scheitern. Deshalb hatte ich früh den Mut, Dinge auszuprobieren. Mir wurde da an allen Stellen ein netter Boden gebaut.

Wann bist du mal richtig markant gescheitert?
Ich glaube, in der Schauspielschule bin ich fast nur gescheitert.

Woran?
An mir selbst. Ich war eher ein stiller Lerner und konnte das meiste nicht sofort umsetzen.
Es ist spannend, wie schnell das alles bei ihr geht – würfeln, zuhören, denken, antworten. Dem Gesagten nachhören, Gedanken korrigieren, abnicken. Fertig. Nur manchmal stockt die Maschine. Dann scheint sie ein paar Sekunden weit weg - und ihre Mimik bekommt etwas kindlich Suchendes.
Während ich so überlege: Auf der Bühne habe ich mich nie getraut, wirklich zu scheitern. Da war ich ganz schön verstöpselt. Eine der großen Anforderungen der Schauspielschule ist es, sich auszuprobieren. Und ich habe mich nicht so rausgetraut aus mir. Ich bin wohl eher eine Theoretikerin. Ich will Figuren manchmal mehr intellektuell durchdringen, als sie einfach aus dem Bauch heraus zu spielen. Das kann hinderlich sein.

Wie wurde das besser?
Durch eine ganz wunderbare Sprecherzieherin. Die konnte meine Probleme sehr gut benennen.
Noch so ein Innehalten. Ich schlage eine Figur.
Jedenfalls brachte diese Lehrerin zu einer Leseprobe mal eine Packung Taschentücher mit, legte sie neben sich und sagte: "Mal sehen, ob ich die brauche." Ich sollte irgendeine klassische Rolle sprechen und während ich das tat, sagte sie irgendwann: "Weißt du Karoline, vorlesen musst du mir das nicht. Lesen kann ich selber.“ Und dann hat sie die Taschentücher wieder eingepackt und gesagt: "Habe ich nicht gebraucht."

Klingt nach ganz schönen „Karate Kid“-Methoden.
Na ja, ich war da bestimmt schon ein halbes Jahr in der Ausbildung und kam einfach nicht weiter. Da brauchte es wohl mal einen Weckruf.

Und dann?
Ist der Knoten irgendwann geplatzt und ich habe verstanden, wie man eine Figur nah an sich heranholt. Wie man eine eigene Empfindung bekommt für eine Rolle. Du darfst mir ja auch noch immer eine unangenehme Frage stellen. Ich winde mich hier raus ...

Du hattest lange ein eigenes Pferd. Dem Klischee nach suchen Reiterinnen ja vor allem eines: Kontrolle.
Die Frage geht etwas unter, weil sie erst eine Figur schlägt und dann sehr bestimmt spricht:
Jetzt darf ich erst mal etwas bewerben! Weil ich ja das Recht habe, das zu tun! Und zwar meinen aktuellen Film „Traumfrauen“. Der läuft gerade in den Kinos!

Das bestätigt die These wohl.
Wie war die Frage?

Kannst du Kontrolle abgeben?
Ja, schon. Das wäre sonst auch sehr problematisch in meinem Beruf.
Sie schlägt sofort noch eine Figur.
Ich habe dich geschlagen und das nächste, was ich bewerbe, ist noch ein Kinofilm. Der kommt im März, heißt "Gespensterjäger" und ist für Kinder. Mit Anke Engelke. Und ich spiele die Chefin von Anke Engelke.

Nicht schlecht.
Außerdem ist das mit dem Reiten ein sehr altes Bild. Man dachte früher wohl, man müsse die Tiere zähmen und kontrollieren. Eigentlich ist eine Beziehung zu einem Pferd eine, die von gegenseitigem Respekt geprägt sein sollte. Von Freundschaft. Das Pferd sagt: "Ich folge dir, wenn du mich gut führst."

Das ist jetzt aber eine Vermenschlichung.
Ne. Aber Willst du echt über Pferde reden?

Hm. Studierst du noch Politik und Soziologie?
(zögert) Ja. Also, ich bin noch eingeschrieben.


>>> Warum Karoline Herfurth Soziologie mag und was sonst noch so ansteht dieses Jahr.



Das ist ja nicht unbedingt dasselbe.
Ich nehme gerade ein Freisemester – wahrscheinlich sogar zwei. Weil ich so viel arbeite. Ich habe im vergangenen Jahr schon überlegt, abzubrechen. Aber ich will nicht.

Warum hast du das Studium überhaupt begonnen?
Da gibt es mehrere Gründe. Ich finde das Thema interessant. Ich finde Lernen an sich toll und ich hatte irgendwann mal das Gefühl, in meinem Job in einem Kokon zu stecken, in dem ich mich etwas weltfremd gefühlt habe.

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Und was hat es bislang gebracht?
Es hat mich in meiner Grundorientierung ganz schön durcheinandergewirbelt. In der Soziologie wird ja unter anderem behauptet, dass alles ein gesellschaftliches Konstrukt sei: Liebe zum Beispiel, überhaupt jede emotionale Regung. Irgendwann kannst du das Wort "normal" eigentlich nicht mehr richtig benutzen. Es gibt kein "richtig" oder "falsch" mehr, sondern nur noch gesellschaftliche Konstrukte und Entscheidungen. Das ist wahnsinnig spannend, aber auch sehr aufreibend.

Schwer vorstellbar, dass jeder Soziologie-Student das derart intensiv empfindet ...
Nicht?!

Eher nicht, nein. Kommt das durch deinen Beruf oder hast du diesen Beruf, weil du das so kannst?
Das ist eine gute Frage. Und schwer zu beantworten. Ich habe diesen Beruf bekommen, da war ich 15. Ich bin nicht als erwachsener Mensch hingegangen und habe gesagt: „Das möchte ich jetzt lernen.“
Kekse essen kann sie auch noch parallel. Nachdem sie eine weitere Figur schlägt, wirbt sie mit vollem Mund:
Und zwar für den dritten Film, der in diesem Sommer herauskommt: „Rico, Oscar und das Herzgebreche“.

Himmel, wie viel arbeitest du denn?!
Deshalb brauche ich ja ein Urlaubssemester.

Wie viele Stunden arbeitest du in der Woche?
Jetzt gerade geht’s eigentlich. Der Winter ist ruhiger. Wenn ich drehe, komme ich aber bestimmt auf 60 bis 70 Stunden. Ich bin inzwischen aber auch sehr drauf bedacht, dass es nicht zu viel wird.

Wann wird es zu viel?
Wenn ich nur noch am Hinterherhinken bin. Ich hasse es zum Beispiel, im Stau zu stehen und dabei eigentlich schon zu spät für meinen nächsten Termin zu sein. Ich werde dann extrem aggressiv. Wenn ich immer so viel Zeit habe, dass ich entspannt im Stau stehen kann, dann plane ich richtig.
Ich schlage eine weitere Figur. Was ihr ein „Dann frag halt“ entlockt.

In einem deiner letzten Facebook-Posts entschuldigst du dich dafür, auf einem Foto Pelz zu tragen. Nervt es nicht, öffentlich so zu Kreuze zu kriechen?
Die ganze Interaktion mit der Öffentlichkeit über Socialmedia-Kanäle ist ein brutal schwieriges Feld. Wahnsinnig viele Menschen fühlen sich befugt, ihre Meinung zu sagen. Und nicht alle sind nett dabei, oder kompetent. Im konkreten Fall war’s allerdings so, dass die User einen Punkt getroffen haben, der mir tatsächlich wichtig ist. Ich habe bei dem Shooting einfach wirklich gepennt.

Das gilt jetzt für den konkreten Fall.
Ich finde grundsätzlich nicht, dass ich mich für alles entschuldigen muss oder für alles eine Verantwortung habe. Die Menschen sind erwachsen. Die brauchen nicht mich, um ihnen ein Idealbild vorzuleben. Ich bin Schauspielerin und keine Pädagogin.
Inzwischen hat sie drei der vier Figuren perfekt im Zielhaus aufgereiht.

Ein bisschen stimmt das Bild schon, dass du sehr diszipliniert und strukturiert bist.
(lacht) Ich kann auch sehr chaotisch sein. Ich liebe allerdings auch langweilige Schreibtischarbeit. Ich bin niemand, der Unterlagen stapelt. Das wird alles schnell abgearbeitet. „Post machen“ steht dann in meiner To-Do-Liste.

Kein Witz?
„Wäschemachen“, steht da auch.
Und während sie das sagt, gewinnt sie – und postet das schnell bei Facebook.

Gutes Timing. Die Fragen sind eh durch.
Klingt ein bisschen, als wäre ich nicht so interessant gewesen. Eigentlich müsstest du doch noch unendlich viele Fragen haben. Ich bin jetzt ein bisschen beleidigt. (lacht)

Halt! Tatsächlich interessiert mich doch noch eine Sache.
Krass.

Deine Diplomarbeit. Warum hast du die überhaupt noch geschrieben? Du warst doch längst erfolgreich.
Erstens ist es für die Schauspielschule wichtig, dass die Absolventen die Ausbildung abschließen. Sonst bekommt die Schule keine Subventionen mehr. Aber davon abgesehen wollte ich nen Abschluss haben. Das hat ja mit Status zu tun, ob ich ein Diplom in der Tasche habe oder einfach nur exmatrikuliert bin.

Ist für den Status nicht wichtiger, nach der Schule mit Tom Tykwer gearbeitet zu haben? Oder in der erfolgreichsten deutschsprachigen Komödie mitgespielt zu haben?
Vierterfolgreichste. Bully holt niemand ein.

Ach so. Dann ist es ohne Diplom schon wackelig.
(lacht) Ich verstehe schon, was du meinst. Das ist vielleicht etwas seltsam. Aber es ist doch auch schön, etwas abgeschlossen zu haben. Und die theoretische Auseinandersetzung hat mich sehr interessiert.