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„Ich war einmal wie ihr“, sagt Christian und sieht die 25 jungen Menschen an, die vor ihm im Gras sitzen. Es ist drückend heiß in Bern, ein paar Meter weiter rauscht die eisblaue Aare. Einige seiner Zuhörer trinken Bier aus Dosen, andere kauen auf ihren Sandwiches rum oder machen Fotos von dem Typen im lila T-Shirt, der da gerade redet. Christian lässt sich davon nicht ablenken und spricht ruhig weiter: „Aber dann, dann habe ich mich getraut und es probiert – und war überzeugt“, sagt er und rollt, wie auf einen Tusch, das Plakat hinter sich aus. Einige Zuhörer verziehen daraufhin das Gesicht, andere müssen grinsen. Fast alle hören auf zu essen.

Denn das, was Christian auf seinem Plakat zeigt, ist nicht der Weg zu Jesus Christus. Es sind: Gerichte mit Insekten. Bilder von Brownies mit Vanilleeis, in denen mit Schokolade überzogene Heuschrecken stecken. Hamburger mit Mayo, auf der einzelne Larven verteilt liegen. Ein Mann mit weißer Chefkochmütze, der das Ganze professionell herrichtet. Bilder, die auf einem hippen Foodblog stehen könnten – wären da nicht diese Tiere.

Christian Bärtsch ist 25 Jahre alt und tatsächlich hat er so etwas wie eine Mission: Er will Menschen davon überzeugen, künftig Insekten auf ihren Speiseplan zu setzen. Er selbst isst sie bereits zweimal pro Woche. Und wenn es gut läuft, machen das die 25 Studenten und Wissenschaftler von der Berner Summer School bald auch.

Vor zwei Jahren hat der Schweizer VWL-Student gemeinsam mit seinem ehemaligen Kommilitonen Matthias Grawehr das Start-up Essento gegründet, das Produkte wie Ravioli, Burger oder kleine Snacks aus Insekten in den Supermarkt bringen will. „Insekten sind das Fleisch der Zukunft“, sagt Christian. Was er damit meint: Um alle Menschen auf der Welt satt zu kriegen und gleichzeitig die Umweltverschmutzung zu reduzieren, braucht es neue Ideen. Insekten sind da, insbesondere im Vergleich zu Fleisch und Soja, Alleskönner: Sie sind extrem proteinhaltig, gleichzeitig verursacht ein Kilo Insektenfleisch in der Herstellung 93 Prozent weniger Methangase als ein Kilo Rindfleisch – wobei für das Insektenkilo achtmal weniger Futter benötigt wird. Und wenn man sie richtig züchtet, übertragen sie – anders als Säugetiere – auch keine Krankheiten auf Menschen.

Insekten könnten das neue Sushi sein: erst eklig, dann modern.

Schätzungsweise zwei Milliarden Menschen auf der Welt, vor allem in Afrika, Asien und Südamerika, essen bereits regelmäßig Insekten. In Europa ist das aber immer noch eine Seltenheit. Wenn überhaupt, bekommt man Insekten in mondänen Feinkostrestaurants oder sieht, wie Promis sie im Dschungelcamp essen. Und ekelt sich. Ganz normal zu kaufen gibt es sie bisher nicht. Und das ist eine Marktlücke, in die momentan diverse junge Start-ups drängen. Denn wenn Insekten erst einmal ein beliebtes Trendessen sind, abseits von Ekel und Mutprobe, ist es nicht mehr weit, bis auch normale Supermärkte sich dafür interessieren. Zum Vergleich, wie dieser Imagewandel der Insekten klappen könnte, wird von den jungen Unternehmern gern Sushi herangezogen: „Sushi war für die Generation unserer Großeltern total exotisch – roher Fisch, wer isst so was schon? Und jetzt ist es angesagt, jeder kauft es mal schnell in der Mittagspause“, sagt Christian.

Bis Insekten das neue Sushi werden, müssen allerdings zwei Hindernisse überwunden werden: Zum einen die Gesetzeslage – in vielen europäischen Ländern sind Insekten nicht offiziell als Lebensmittel zugelassen, höchstens als Tierfutter. Meist hat das kulturelle Gründe: Insekten sind in Europa ein Nahrungstabu, ähnlich wie Hunde. In der Schweiz wird das ab 2016 zumindest teilweise geändert, dann dürfen Mehlwurm, Wanderheuschrecke und Hausgrille im unverarbeiteten Zustand, also als ganze Tiere, verkauft werden. Doch es bleibt immer noch das zweite, größere Hindernis: unsere Köpfe. „Man denkt automatisch, ein Insekt schmeckt nach Haaren und sechs Beinen. Dabei kann es ein positives Geschmackserlebnis sein – und das will ich den Leuten zeigen“, sagt Christian und packt aus seiner mitgebrachten Tüte mehrere Tupperdosen aus. Darin enthalten: Crostini, die mit einer Art Pastete aus zermahlenen Mehlwürmern überbacken wurden. Und in einer kleinen roten Dose: ganze Mehlwürmer, leicht angeröstet. Das sollen die Teilnehmer aus der Summer School nun probieren. Christians Erfahrung nach essen die Menschen Insektenprodukte eher, wenn sie das Tier nicht mehr erkennen können. Deshalb hofft er für sein Unternehmen, dass die Schweizer Gesetzeslage hier noch angepasst wird – dass die Ravioli Insektenfleisch enthalten, würde man ja trotzdem auf der Packung angeben.

Bei einem Schwein ist das ähnlich: Dessen Kopf oder Füße zu essen, erfordert mehr Überwindung, als ein rosiges Medaillon anzuschneiden. Das hat wohl auch mit Ekel zu tun, aber vor allem damit, dass ein ganzes Tier oder erkennbare Teile davon uns den Tötungsprozess, der unserem Essen vorausgegangen ist, bewusster macht. Bei einem Mehlwurm fällt der allerdings weg: Er muss nicht geschlachtet, sondern einfach nur runtergekühlt werden. Das wechselwarme Tier schläft dann ein und wacht nicht wieder auf. Deshalb hofft Christian, dass vielleicht auch Vegetarier Insekten als Nahrungsalternative wahrnehmen könnten. Sobald sie ihren – kulturell bedingten – Ekel überwunden haben.

>>> "Uah, die sehen ja aus, als würden sie noch leben!“, sagt eine junge Engländerin, als sie die angerösteten Mehlwürmer sieht.


Christians Start-up steht noch ganz am Anfang. Fünf Personen arbeiten momentan mit, unter anderem eine Lebensmitteltechnologin und ein Koch. Sie haben eine kleine Zuchtanlage für die Mehlwürmer, 50 Kilo ernten sie im Monat. Die von ihm angebotenen Insektenverkostungen sind in der Schweiz halblegal, sie dürfen nur im „privaten Umfeld“ erfolgen. Der heutige Termin mit der Summer School ist so ein „privates Treffen“, die mitgebrachten Speisen hat Christian morgens zu Hause zubereitet. Beziehungsweise bei seinen Eltern, bei denen er gerade wohnt, um Essento finanzieren zu können.

Er ist aber optimistisch, in den nächsten Monaten Investoren zu finden, um dann auch Geschäftsräume in Zürich beziehen zu können. Die Österreicherin Katharina Unger, 25, ist da schon um einiges weiter. Für das Gespräch über ihre Erfindung „Farm 432“ sitzt sie in einem mit Bananenmotiven bedruckten Oberteil und großen Kopfhörern vor ihrer Laptopkamera – in China. „Farm 432“ ist eine Zuchtstation für schwarze Soldatenfliegen, mit der quasi jeder zu Hause seine eigenen Insekten produzieren und ernten kann. Innerhalb von 432 Stunden werden aus einem Gramm Eiern in der „Farm“ ca. zwei Kilo Larven.

Ein Schwein kann man nicht auf dem Balkon züchten. Insekten schon.

Katharina ist momentan in China, weil hier die erste Prototypserie ihrer „Farm“ produziert wurde. Malaysische Wissenschaftler testen ebenfalls gerade eine Beta-Version ihres Produkts. „Dabei fing das Ganze eigentlich als großer Selbstversuch an“, sagt Katharina. Ursprünglich hat sie Industriedesign in Wien studiert, kurz vor Studienende verbrachte sie einige Zeit in Hongkong. „Dort kann man alles essen – und mir wurde bewusst, wie komplex Ernährung eigentlich ist. Manche Tiere isst man in bestimmten Ländern, andere nicht.“ Sie fing an, sich mit industrieller Massentierhaltung auseinanderzusetzen, realisierte, dass sie ökologisch und ökonomisch oft nicht effizient ist, viel Fleisch muss importiert werden. Insekten wären da eine Alternative. „Ein Schwein kann man nicht auf dem Balkon züchten, Insekten schon. Die brauchen wenig Platz und Wasser, man kann sie sogar auf Abfall züchten“, sagt Katharina. Schließlich designte sie „Farm 432“, mithilfe von Entomologen, also Insektenforschern, Youtube-Videos und diversen Selbstversuchen. Unter ¬anderem hat sie schon Insekten in den Räumen der Uni und in ihrer WG gezüchtet.

Auf Katharinas Webseite könnten auf den ersten Blick auch schwedische Designermöbel verkauft werden – alles ist sehr aufgeräumt und clean, schwarze Schrift auf weißem Grund. Dazwischen dann: sehr professionelle Fotos ihrer Ideen. Nur, dass die eben keine Möbel, sondern – unter anderem – einen spacig anmutenden weißen Plastikapparat mit großer, durchsichtiger Kuppel zeigen, der von einer jungen Frau bedient wird: die „Farm“. Ein Video beschreibt, wie das Ganze funktioniert: Oben in die „Birthday Box“ kommen die Fliegenlarven hinein. Nachdem sie geschlüpft sind, fliegen sie weiter in die durchsichtige Kuppel. Im besten Fall paaren sie sich dort und legen neue Larven ab, die dann wiederum gegessen oder in der „Farm“ erneut vermehrt werden können. In zwei Wochen entstehen so 500 Gramm Insektenfleisch. Das reicht für zwei Mahlzeiten.

Ähnlich wie Christian hat auch Katharina das Insektenessen in ihr Leben integriert: „Ich wollte ja nicht etwas designen, das ich selber nicht nutzen würde“, sagt sie. In einem weiteren Video kann man sie deshalb auch beim Kochen sehen. Wie sie lebende Heuschrecken zwischen Frischkäse und Joghurt im Kühlschrank einfriert, damit sie sterben, im Anschluss auf einem Küchenbrett ihre Beinchen entfernt und sie dann zusammen mit Mehlwürmern in einer Pfanne anbrät.

In der letzten Einstellung isst Katharina die braunen Teilchen direkt aus der Pfanne. Es hat etwas sehr Ästhetisches und zugleich Selbstverständliches, wie sie das tut. Kein Überwinden, kein Kichern. In der „Über mich“ Rubrik ihrer Webseite schreibt Katharina gleich hinter ihrem beruflichen Werdegang: „I enjoy eating insects.“ Man glaubt es ihr. Die „Farm“ ist mittlerweile ihr Hauptjob, im Juli hat sie eine Kollegin eingestellt. Im Herbst soll eine Crowdfunding-Kampagne starten, damit die „Farm“ auch in Europa vertrieben werden kann.

Katharina und Christian sind nicht die einzigen, die sich beruflich Insekten verschrieben haben. „Als ich 2013 mit der ‚Farm‘ angefangen habe, war das alles noch sehr neu. Mittlerweile gibt es gerade in den USA viele Start-ups, die Insekten speziell für den menschlichen Verzehr produzieren. In Europa ist Holland da ein Vorreiter“, sagt Katharina. Auch Christian erzählt: „In den Niederlanden kann man Insekten bereits im Supermarkt kaufen, in Belgien sind schon zehn Arten für den Verzehr legalisiert. In Italien sind die Gesetze wiederum sehr restriktiv – als wir auf der Expo in Mailand Verkostungen machen wollten, gab es da ziemliche Probleme.“ Und in Deutschland sei in die Richtung start-up-technisch auch noch nicht so richtig viel los. Aber Gespräche mit Berliner Interessenten führt Christian bereits. Er könnte sich auch vorstellen, ein Pop-up-Restaurant zu eröffnen.

Für die Teilnehmer der Summer School hat Christian mittlerweile seine Crostini mit der Mehlwurm-Pastete auf Tellern mit karierten Servietten drapiert. Jeder will mal probieren. In einer Glasschale werden die angerösteten ganzen Mehlwürmer rumgereicht. Eine junge Engländerin wirft einen Blick in die Schale. „Uah, die sehen ja aus, als würden sie noch leben!“, sagt sie und geht verschreckt einen kleinen Schritt zurück, dann direkt wieder einen vor und fragt: „Die sind wirklich tot, ja?“ Dann nimmt sie mit den Fingerspitzen einen Mehlwurm heraus. Augen zu und runter damit. „Hm, ganz knusprig. Und irgendwie … salzig“, sagt sie. Nachschlag möchte sie trotzdem nicht. Ein junger Mann aus Mexiko neben ihr hat da viel weniger Hemmungen. Beherzt greift er eine ganze Handvoll Mehlwürmer und steckt sie sich in den Mund. Zerkaut sie bedächtig, schluckt runter und zuckt dann mit den Schultern: „Gibt’s bei uns zu Hause häufig“, sagt er. Christian grinst. Aus seiner Sicht genau die richtige Einstellung.

Text: charlotte-haunhorst - Foto: Yoshikata/Photocase.de