jetzt.de: Kann es sein, dass du dich gern in Dinge reinfuchst?
Jan Delay: Voll. Aber nur, wenn sie mir wichtig sind.

Machst du deshalb ständig Platten mit unterschiedlicher Musikrichtung? Weil du merkst, du magst gerade Rock oder Soul – und da dann so eintauchst, dass du gleich ein Album in diesem Genre machen willst?
Das ist eher der Ehrgeiz. Und die Neugier und der Hass auf die Langeweile. Wenn ich noch eine Bahnhof-Soul-Platte gemacht hätte, hätte ich mich da nicht weniger reingesteigert. Es wäre nur langweiliger gewesen, weil ich das alles schon mal gemacht habe. Meine Band kann das, ich kann das und wir wissen das. Es gibt für mich also keinen Grund, es noch mal zu machen.

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Aber es kann doch auch Spaß machen, Dinge zu tun, die man gut kann?
Mich flasht es mehr, was Neues zu tun. So halte ich mich und meine Arbeit frisch. Das ist wie in der Landwirtschaft: Monokultur funktioniert nicht, nach drei Jahren musst du einen Acker ein Jahr brachliegen lassen und dann was anderes säen, damit der Boden nicht ausgelaugt ist.

Dieser Drang, Neues zu probieren – beschränkt sich das bei dir aufs Arbeiten?
Das geht mir als Musik-Hörer und als Fan genauso. Da langweile ich mich auch irgendwann: Ich höre ein Album von einer Band, ich höre noch ein Album und beim dritten bin ich schon raus. Es langweilt mich, wenn sich nichts ändert.

Ziemlich kritisches Fan-Verhalten.
Ich habe das aber, glaube ich, mit vielen Fans gemein. Mir ist das mal aufgefallen: Wenn man sich die Pop-Geschichte anschaut, hat eigentlich nichts, was toll und neu und aufregend war, länger als drei Alben seinen Reiz behalten – die Beatles mal ausgeklammert.

Im Berufsleben ist es mittlerweile vollkommen normal, dass man alle paar Jahre was anderes macht. Wenn du aber von Soul zu Rock wechselst, horchen alle auf und wundern sich. Warum?
Na ja. Wenn Gerti Schröder von der Kasse an die Fleischtheke wechselt, interessiert das nun mal nicht so viele Leute. Musiker und Schauspieler stehen im Mittelpunkt, sind vielleicht sogar so was wie eine Marke. Da diskutiert man drüber, wenn sich was ändert. Bei Gerti Schröder reden darüber wahrscheinlich nur ihre Kollegen, die selbst gern an die Fleischtheke wollten, aber sich nicht getraut haben zu fragen.

Noch ein Unterschied: Gerti Schröder läuft nicht Gefahr, die Fleischtheken-Fans dadurch zu ärgern, dass sie plötzlich in deren Revier wildert.
Genau. Es gibt auch keine Gerti-Fans, die sich ärgern, dass sie nicht mehr bei Gerti bezahlen können. Wo die doch immer so nett war. Und an der Fleischtheke wollen sie Gerti nicht besuchen, weil sie Vegetarier sind.

In deinem Song „Scorpions-Ballade“ kritisierst du, dass die Grenzen zwischen den Genres verschwinden und jeder alles hört. Obwohl dir das doch eigentlich entgegenkommen müsste.
Ich kritisiere das nicht generell, es geht nur um die Kehrseiten. Denn eigentlich ist der Niedergang der Genregrenzen ja das, was wir uns schon als Absolute Beginner gewünscht haben. Da mussten wir uns ständig anhören, dass das, was wir machen, kein Hip-Hop sei. Heute ist das nicht mehr so, und das ist toll.

„Ich kann gar nicht Gitarre spielen, aber plötzlich musste ich mich damit befassen.“

Aber Musik ist ja auch Distinktionsmerkmal und gibt dir, wenn du jung bist, das Gefühl, 
irgendwo dazuzugehören.
Ja, dass das ein bisschen verloren geht, ist schade. Du kannst zwei Wochen Emo sein und dann zwei Wochen lang Punk. Das ist einerseits gut, aber es fehlt auch was: Eine Subkultur vermittelt einem, gerade wenn man da als junger Mensch reinkommt, eine Haltung und Ideale. Und wenn man das nur für zwei Wochen ankratzt, wird da nichts vermittelt.

Wie sehr schielst du darauf, was in dem jeweiligen Genre, auf das du dich neu einlässt, gerade angesagt ist und gut läuft?
Ich schaue sehr genau, was da schon gemacht wurde. Das resultiert aber auch aus meiner Fan-Haltung. Ich nehme mir ja keine Musikrichtung vor, die ich nicht mag. Wenn ich aber Fan bin, steigere ich mich rein: Ich höre mir da sehr viel an. Ich studiere das. Ich frage mich, was genau ich daran eigentlich so geil finde und welche Rezepte in dieser Musik angewandt werden.

Du änderst also dein Hörverhalten?
Ja, ich lege da einen Schalter um und fange an, analytisch zu hören. Als normaler Musikfan mache ich das ja nicht. Als Fan hörst du nicht analytisch, da feierst du die Musik nur. Und das ist auch gut so.
Wie wirkt sich das aus, wenn du den Schalter umlegst?
Ich merke dann auf einmal, dass ich neue Kategorien von gut und schlecht bilde. Ich habe zum Beispiel AC/DC nie sonderlich toll gefunden. Aber nachdem ich da mit meiner Analysebrille draufgeschaut habe, habe ich gemerkt, dass die das Allergrößte sind!

Wie geht’s dann weiter? Du gehst zu deiner Band und sagst: So Leute, jetzt dann mal Rock?
Im Prinzip schon. Bei der ersten Studio-Session nach der Tour haben wir ein paar Sachen ausprobiert – und die Rocksachen haben einfach funktioniert. Und dann kamen drei Jahre Arbeit: lernen, probieren, verwerfen.

>>> Verändert sich Jan Delay mit jeder neuen Musikrichtung, die er wählt?


Was hast du gelernt?
Dass ich viel zu wenig wusste, um das alleine einfach so zu machen. Dass ich da Hilfe brauchte. Dass wir einen zweiten Gitarristen brauchten. Einen, der uns ganz viel beibringt in dieser Musikrichtung.

Spielst du eigentlich gut Gitarre? Die ist ja immerhin das tragende Instrument, wenn man eine Rock-Platte machen will.
Ich kann gar nicht Gitarre spielen, aber plötzlich musste ich mich damit befassen: mit Verstärkern und ihren Klangunterschieden, mit Gitarrenmodellen, mit Greif- und Spieltechniken – Kram, der mir vorher scheißegal war! Ich weiß nicht, ob ich die Platte gemacht hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, wie viel Arbeit das werden würde.

Wie sehr musst du dich verändern, wenn du in eine andere Musikrichtung wechselst?
Gar nicht. Das ist ja das Schöne. Am Ende des Tages ist meine Rockplatte gar keine Rockplatte, sondern eine Jan-Delay-Platte mit verzerrten Gitarren. „Searching For The Jan Soul Rebels“ war zwar Reggae-lastig, aber es war auch eine Jan-Delay-Platte, genauso wie die funkigeren und souligeren in erster Linie Jan-Delay-Platten sind. Das steht über allem, und das ist auch wichtig. Da darf ich mich auch nicht verändern.

Wie sehr wird man generell als Mensch von seiner Arbeit geprägt?
Das ist für mich schwer zu beurteilen, weil bei mir letzten Endes Mensch und Beruf eine Einheit sind. Für mich ist Arbeit so, als würde ich in den Hobbykeller gehen; ein Hobbykeller, in dem extrem viel und sehr ehrgeizig und verkopft trainiert wird – aber immer noch ein Hobbykeller. Deswegen kann der Job sich gar nicht über mich als Person stülpen und mich als Mensch sehr beeinflussen.

In deiner Musik klingen oft politische Meinungen durch. Wie wichtig ist es, dass man in seinem Job für das eintreten kann, was man gut und richtig findet?
Ich kenne nur einen Job, deshalb kann ich das nicht verallgemeinern. Für mich ist es sehr wichtig, eine Haltung transportieren zu können, und es gibt, glaube ich, viele Leute, denen es ähnlich geht, auch in einem „normalen“ Beruf. Die haben meistens aus eigenem Antrieb eine Entscheidung für einen Job getroffen, und nicht, weil ihre Eltern sie zu einem Studium überredet haben oder sie ferngesteuert wurden. Was nicht heißt, dass diejenigen, die so einen inneren Drang nicht haben, schlechter sind. Die sind vielleicht sogar zufriedener in ihrem Job, weil sie dieses Verlangen nicht haben. Weil sie nicht so getrieben sind, sondern einfach mit einer gewissen Ruhe und Zurückgelehntheit machen können. Schlimm ist es nur, wenn ein Verlangen da ist, aber auch eine Angst, die nicht zulässt, dass sie ausbrechen und zum Beispiel die Kasse verlassen – um noch mal auf Gerti Schröder zurückzukommen.

Zum Schluss noch ein Ausblick in die Zukunft: Hast du dir schon ein neues Genre für die nächste Platte auserkoren?
Nein. Ich weiß, dass die nächste Platte eine Rap-Platte wird, weil ich ein Beginner-Album machen will. Was danach kommt, weiß ich nicht. Aber ich werde wieder herumprobieren – und ich werde was finden.



Text: christian-helten - Fotos: Nils Mueller