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Wenn du ein Smartphone hast, kannst du jederzeit mit Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren. Aber wenn du den falschen Pass hast, kannst du nirgendwohin. Dann hat die grenzenlose Welt plötzlich viele harte Grenzen. Ein Flüchtling braucht Wochen, um bis nach Deutschland zu gelangen, er verlässt seine Familie, er gefährdet sein Leben, er gibt all seine Ersparnisse aus, er wird aufgehalten oder eingesperrt - aber wenn er es schafft, kann er an einem Montag um 15 Uhr eine Nachricht an seinen Bruder schicken und sagen, dass er angekommen ist. Und der Bruder kann diese Nachricht an diesem Montag um 15 Uhr lesen.

Menschen, die nach Europa fliehen, wollen Frieden, Sicherheit, Freiheit, eine bessere Zukunft. Das sind ihre wichtigsten Ziele. Aber erst mal brauchen sie: ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Und gleich danach die Möglichkeit, zu kommunizieren und sich zu informieren. Sie brauchen Smartphones. Darüber gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Diskussionen, meist angestoßen von Asylgegnern, die Sätze wie „Die haben ja alle Smartphones - so schlecht kann es denen gar nicht gehen!“ sagen und in Blogs und Kommentarspalten schreiben. Andere halten dagegen. „A 21st-Century Migrant’s Essentials: Food, Shelter, Smartphone“, schrieb zum Beispiel die New York Times, „Smartphones sind für Flüchtlinge überlebenswichtig“ das Magazin Wired. „Das Smartphone ist für einen Flüchtling meist sein einziger Guide durch eine fremde und gefährliche Welt der Grenzen und Regime, Polizisten und Schleuser, Asylgesetze und Kontaktadressen“, sagt Professor Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Erkundung von Route und Ziel, die Suche nach Kontakten und Hilfsadressen, Informationen zum Asylverfahren und zur Rechtslage - für all das kann man ein Smartphone nutzen. Das ist die praktische Seite. Doch es gibt auch die emotionale Seite - die, die es schon gab, bevor Schleuser in Facebook-Gruppen um Kunden warben, und in anderen Gruppen erklärt wurde, wie man es ohne Schleuser nach Europa schafft: Das Smartphone hilft den Flüchtlingen, den Kontakt zu den Menschen zu halten, die ihnen am Herzen liegen und denen sie vertrauen. Über alle Grenzen hinweg. Zur Familie in der Heimat, aber auch zu Menschen, die sie auf ihrer Flucht kennengelernt haben, oder zu Verwandten und Freunden, die es geschafft haben und schon angekommen sind. Dieser Kontakt ist wichtig, denn viele Flüchtlinge sind allein unterwegs.

Nachrichten von Freunden und Familie können aufbauen, helfen, lindern. Andererseits müssen gerade Flüchtlinge aus Krisenregionen mit repressiven Regimes aufpassen, dass sie ihre Familie nicht gefährden, wenn sie sich melden. Und viele wollen auch nicht, dass sich Mutter, Vater und Geschwister zu viele Sorgen machen, und überlegen lange, wann und wie sie sich melden. Wir haben vier junge Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, gefragt: Wie hast du mit Freunden und Familie kommuniziert, als du auf der Flucht warst? Und wie hört ihr heute voneinander?


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Aman, 25, Mathematiker aus Äthiopien

Ich komme aus Bale in Äthiopien und gehöre zur Volksgruppe der Oromo, die in Äthiopien unterdrückt werden. Mein Vater war acht Jahre im Gefängnis. Es gibt in Äthiopien keine Verfassung, keine Demokratie, keinen Rechtsstaat. Darum bin ich geflohen.

Am 28. Februar 2013 bin ich nachts aufgebrochen. Ich musste 25 Tage durch die Sahara reisen und in Libyen drei Monate warten, dann bin ich mit 900 anderen Menschen in einem Boot nach Italien gefahren. Mein Smartphone habe ich von zu Hause mitgenommen. Aber ich musste es die ganze Zeit in der Hosentasche verstecken. Es war nicht erlaubt, zu telefonieren oder Fotos zu machen. Manche Leute wollten auf dem Boot ihre Familien anrufen, aber der Schlepper hat ihre Smartphones ins Wasser geworfen - wohl aus Angst, sie könnten die Polizei rufen, wenn etwas schiefläuft. Sieben Tage waren wir ohne Kompass auf dem Mittelmeer, bis uns ein Transportschiff aufgegriffen hat. In Italien war ich nur kurz, ich bin direkt mit dem Zug weiter nach Deutschland gereist.

Lange konnte ich gar nicht mit meiner Familie reden. Zu Hause dachten sie: Vielleicht ist Aman in der Wüste oder im Meer gestorben. Ein Jahr, nachdem ich geflohen bin, konnte ich sie das erste Mal anrufen und sagen: „Ich bin nicht gestorben, ich lebe jetzt in Deutschland.“ Meine Familie war sehr froh. Einmal im Monat rufe ich sie an, aber es klappt nicht immer, die Technologie in Äthiopien ist sehr schlecht. Das letzte Mal, als ich meine Familie erreichen wollte, habe ich es sieben Tage lang versucht, und es gab nie eine Verbindung.

Manche Bekannte und Freunde haben mich per SMS gefragt, wie sie nach Deutschland oder Italien kommen können. Sie wollten wissen, wie es in der Sahara und in Libyen war und wie es in Deutschland ist. Ich habe ihnen immer wieder geschrieben: „Bitte, macht das nicht. Versucht nicht, auf diesem Weg herzukommen.“

Ich bin politisch aktiv in der Oromo-Befreiungsfront, bin vernetzt mit politisch aktiven Oromo in Deutschland, Europa und Amerika. Wir treffen uns auch immer wieder. Manchmal gibt es Nachrichten über Viber, wann man sich wo trifft, aber ich schreibe lieber Mails, weil Viber so unsicher ist. Wenn die äthiopische Regierung die Kommunikation mitbekommt, kann ich nie wieder nach Hause. Gerade will ich nicht zurück, aber vielleicht will ich irgendwann meine Familie besuchen.



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Basam, 27, Elektriker aus Syrien

Nach meiner Ankunft in Berlin hat es drei Monate gedauert, bis ich genug Geld für ein Handy zusammengespart hatte. Es sollte ein Smartphone sein, damit ich online telefonieren kann. Zuerst wählte ich die Nummer meiner Mutter. Schon als sie meine Stimme hörte, fing sie an zu weinen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ich mich jemals wieder melde.

Als ich in Syrien zum Militär einberufen wurde, war klar, dass ich das Land verlassen muss. Kriegsdienstverweigerung wird bei uns nicht akzeptiert. Damaskus war meine erste Fluchtstation. Da wurde ich ständig auf offener Straße kontrolliert. Die Polizei sucht besonders bei jungen Leuten nach Smartphones, weil die Demos mitfilmen und twittern. Ich habe meins immer im Schuh versteckt, wenn ich unterwegs war.

Von Damaskus bin ich über den Libanon nach Kairo geflohen. Dort musste ich ein Jahr arbeiten, bevor ich die 3000 Dollar für die Überfahrt nach Europa zusammen hatte. Die ganze Zeit habe ich übers Handy Kontakt mit meinen Verwandten in Syrien gehalten, die mich bei der weiteren Planung unterstützt haben. Aber mir war klar, dass ich ab der Überfahrt den Kontakt abbrechen muss. Niemand nimmt sein Handy mit aufs Meer: Es wird nass, man hat keinen Empfang, und wenn die Schlepper es finden, schmeißen sie es über Bord. Viele haben auch Angst, dass die Funksignale von der Grenzpolizei abgefangen werden.

Sechs Tage war ich mit 50 anderen in einem Holzboot auf dem Wasser. Dann hat uns die Polizei vor Sizilien abgefangen, und wir wurden in ein Auffanglager gebracht. Ich hätte gern meine Familie angerufen und sie beruhigt, dass es mir gut geht - aber zu dem Zeitpunkt besaß ich nichts mehr, auch kein Handy. Ich habe ein Ticket nach Wien bekommen, von dort fuhr ich weiter nach Berlin. Ich war so froh, endlich angekommen zu sein! Mein erster Impuls war, meine Familie anzurufen, aber ich hatte keinen Cent für ein Telefonat.

Seit ich mein Smartphone habe, telefonieren meine Mutter und ich einmal die Woche. Sie hält mich auf dem Laufenden, wie es meiner Familie geht. Die ist mittlerweile auf der halben Welt verteilt: ein Bruder in der Türkei, einer in Ägypten, ein anderer im Libanon und einer noch zu Hause in Syrien. Wir schreiben täglich über Viber und WhatsApp. Mein Bruder schickt mir Fotos von Gebäuden, die zerstört wurden, meine Mutter informiert mich über die Lage in Damaskus. Aber wir müssen sehr vorsichtig sein. Es ist kein Geheimnis, dass die Telefone in Syrien abgehört werden. Deshalb ersetzen wir Wörter wie „Bombe“ durch banale Begriffe. Dann kommen so Sätze raus wie: „Heute ist wieder eine Paprika in das Haus von XY gefallen.“ Ich lösche zur Sicherheit trotzdem alle Nachrichten sofort, nachdem ich sie gelesen habe. Das ist allerdings auch schade, sie sind die einzigen Erinnerungen an meine Familie zu Hause.



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Muhamad, 29, Telekommunikations-Ingenieur aus Syrien

Ich musste 2012, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs, aus Syrien fliehen. Ich war Regimegegner und hatte an öffentlichen Demonstrationen gegen Assad teilgenommen. Die Lage wurde deshalb irgendwann ernst für mich, und meine Familie unterstützte mich dabei, innerhalb von zwei Tagen das Land zu verlassen. Ich floh nach Malaysia, weil ich dafür kein Visum brauchte, und fing in Kuala Lumpur an zu studieren. Meine Gedanken waren immer bei meiner Familie, weil ich über die Medien mitbekam, was in Syrien los war, und mir deshalb Sorgen machte. Da syrische Handynummern nur in Syrien funktionieren, musste ich mir eine neue Nummer zulegen. In Qamishli, wo ich herkomme, gab es so gut wie kein Netzwerk, aber weil der Ort sehr nah an der Grenze liegt, konnte meine Familie mit türkischen SIM-Karten das türkische Netz benutzen. Meistens konnten wir ein- bis dreimal im Monat telefonieren, aber manchmal hatten wir auch monatelang keinen Kontakt.

Um zu wissen, ob sie gerade Verbindung zum Netzwerk haben, schickte ich eine SMS - wenn daraufhin kein Sendebericht kam, wusste ich, dass wir nicht telefonieren können. Irgendwann besorgte ich mir noch eine weitere Karte mit Roaming und hatte dann ein Smartphone mit Internetzugang. Aber Internet war in Syrien auch schon schwer zugänglich.

Wegen meiner politischen Aktivitäten wollte mir die syrische Botschaft meinen Pass nicht verlängern. Im Februar 2014 floh ich also wieder. Erst in die Türkei, da konnte ich besser mit meiner Familie kommunizieren. Mit meiner Karte aus Malaysia konnte ich WhatsApp und Viber nutzen, nicht nur für die Familie, auch für meine Freunde in Malaysia.

Mein Asylantrag in der Türkei wurde abgelehnt. Nach vier Monaten musste ich nach Griechenland weiterreisen, wo ich zwei Monate in Athen verbrachte. Meine türkische SIM-Karte mit Roaming konnte ich dort noch verwenden, aber dann besorgte ich mir eine günstigere griechische Nummer. Bevor ich ­Griechenland verließ, beendete ich den Kontakt zu meiner Familie in Syrien – nur mein Bruder in der Türkei wusste Bescheid und sollte meiner Familie sagen, dass mein Handy kaputtgegangen sei. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Sie sollten im Glauben sein, mir ginge es gut.

Meine Reise führte mich weiter über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. An der Grenze von Mazedonien zu Serbien war ich sehr lange in den Wäldern und hatte eine mazedonische Nummer, um GPS zu benutzen, mir Karten anzu­gucken oder irgendwelche Ämter anzurufen. In Ungarn das gleiche Spiel. Insgesamt hatte ich drei ­Monate keinen Kontakt zu meiner Familie. Nur mit meinem ­Bruder konnte ich ab und zu über WhatsApp oder Viber schreiben.

Im Oktober kam ich in München an und besorgte mir direkt eine deutsche Nummer, die ich mithilfe von ein paar Arabisch sprechenden Ortsansässigen freischalten konnte. In der Zwischenzeit nutzte ich das freie Wi-Fi eines Ladens, um meinen Bruder in der Türkei per ­Viber zu kontaktieren. Es war ein kurzes Gespräch. Ich sagte ihm nur, dass ich heil angekommen bin.

Im Fernbus nach Dortmund konnte ich zum ersten Mal länger mit ihm reden, weil es dort einen Wlan-Zugang gab. Endlich konnte ich über meine Reise sprechen, erzählen, was mir passiert war, was ich durchstehen musste und welche Sorgen ich mir gemacht hatte. Nach so langer Zeit konnte ich mich endlich jemandem mitteilen.

Auf Facebook postete ich dann öffentlich, dass ich es geschafft hatte. Jetzt durften es alle wissen. Dafür bekam ich 200 Likes. Es muss die Menschen also ziemlich berührt haben.

Am 12. Dezember wurde mein Asylantrag akzeptiert.

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Gulistan, 32, Ingenieurin aus Iran

Ich kam nach Deutschland, weil es für mich nicht mehr sicher war, in Iran zu bleiben. Meine Familie ist sehr politisch, außerdem sind wir Kurden. Meine Mutter war vor -meiner Geburt ein Jahr im Gefängnis, weil sie als Krankenschwester kurdischen Peschmerga-Kämpfern half. Ihren Bruder hat man hingerichtet, ohne dass es jemals ein Urteil vor Gericht gab.

Die kurdische Region, aus der wir kommen, wurde infrastrukturell sehr vernachlässigt. Der Kontakt zu meiner Mutter ist schwer, da sie neuere Kommunikationsmittel nicht benutzen und Internetsperren nicht umgehen kann. Im Gegensatz zu meinem Ehemann - er hat in Teheran bessere Möglichkeiten.

In Iran war ich Frauenrechtsaktivistin und engagierte mich zum Beispiel gegen Frauenbeschneidungen oder Kinderzwangsehen. Ich organisierte Demonstrationen und versorgte einen kurdischen Nachrichtensender in Schweden mit kritischen Nachrichten. Irgendwann wurde es zu gefährlich, da mich in unserem Ort jeder kannte. Mein Handy ließ ich dort. Ich hatte einfach zu viel Angst und wollte auf dem Flug hierher nicht riskieren, dass ich kontrolliert werde oder der iranische Geheimdienst mir auflauert.

Ich kam nach Deutschland, weil Geschwister von mir bereits hier wohnten. Als ich am Flughafen ankam, hatte ich Panik, wie ich meine Schwester erreichen sollte. Aber alles lief nach Plan, und sie wartete auf mich. In der Unterkunft, wo ich jetzt wohne, gibt es keinen Internetanschluss oder Wlan, obwohl wir mehrmals darum gebeten haben. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Mann mit mobilem Internet anzurufen. Die ersten drei Monate hier wusste ich nicht, dass ich mir mit meinem Guthaben ein Datenvolumen kaufen konnte und gab stattdessen Unmengen an Geld aus. Die 15 Euro der Prepaidkarte waren immer sofort weg. Jetzt spreche ich mehrmals am Tag mit meinem Mann. Wir nutzen Viber, aber die Verbindung ist immer sehr schlecht und bricht häufig ab. Das Netzwerk in Iran ist überhaupt nicht gut. Meine Mutter erreiche ich noch seltener. Zum Glück kann ich auch ab und an mit dem Festnetz-Telefon meiner Schwester in den Iran telefonieren.

Meine Freunde nutzen Facebook und Twitter vor allem für politische Zwecke. Dadurch bleibe ich auf dem Laufenden und kann ihre Aktionen verfolgen. Sonst ist es für mich sehr schwer, an echte oder kritische Informationen zu kommen. Mir ist das aber sehr wichtig. Als ich noch in Iran war, versorgte ich meine Freunde in Europa mit Meldungen aus unserer Region. Jetzt bin ich selbst auf die Informationen anderer angewiesen.

Text: nadja-schlueter - und Bisenk Ergin & Eva Hoffmann / Illustration: Katharina Bitzl / Fotos: dpa