Was wird nur aus uns?

Zu Beginn des Arbeitslebens hat man noch Ansprüche an sich selbst. Ein paar Jahre und ein paar schlimme Kollegen später ist davon nicht mehr viel übrig.
michele-loetzner

„Stell die Flaschen doch bitte alle mit dem Etikett nach vorne, Schlampiges mögen wir hier nicht“, mahnte Lisa. Sie lehnte im Türrahmen der Büroküche und sah zu, wie ich die Colaflaschen in 
den Kühlschrank räumte. Das gehörte zu meinen Aufgaben als Praktikantin. Lisa, eine Redakteurin aus meiner Abteilung, fand auch noch viele andere demütigende Aufträge. Sie war für mich der Inbegriff eines Büro-Strombergs. Sie schikanierte mich. Obwohl ich nicht nur ihr allein unterstellt war, schritt keiner ein. Jeder wusste: Wenn Lisa keinen Praktikanten zum Schikanieren hat, sucht sie sich einen Kollegen aus.

All das ertrug ich zerknirscht. Ich wollte doch so sehr vorankommen. Ich duldete auch, dass sie irgendwann in einer Konferenz eine Geschichte vorschlug, die ich mir ausgedacht und vor allem schon recherchiert hatte. Das ganze Lob für die Idee nahm sie huldvoll entgegen. Ich schwor mir: So würde ich niemals werden. Das ist viele Jahre her.



Mein Freund Stefan arbeitet bei einer Consulting-Agentur, bei der er einen jährlichen Bonus kassiert. Die vergangenen zwei Jahre strich aber sein Kollege das Geld ein, weil er akribisch dafür gesorgt hatte, dass Stefans Name nicht in den Verträgen auftauchte. Im zweiten Jahr hat er den Kollegen darauf angesprochen. Der lachte ihn aus. Dieses Jahr sorgte Stefan dann dafür, dass die Affäre seines Kollegen mit einem anderen Kollegen herauskam. Der Chef der Agentur ist homophob. Der Arschloch-Kollege flog raus.
Und dann gibt es da noch Tina, die sich während ihres Jura-Studiums immer so darüber aufgeregt hat, dass Kommilitonen Seiten aus Büchern rissen, damit andere nicht lernen konnten. Heute ist sie selbst ein typischer Karriere-Jurist. Und gibt das offen zu: „Nur so kann ich mich in dieser Großkanzlei behaupten.“

„Ich bin mindestens ein Teilzeit-Arschloch.“


Und ich? Ich habe einige meiner hehren Ziele in den ersten Jahren Arbeitsleben irgendwie vergessen. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nie lästere, nie gehässig bin und nicht bei vielen Situationen grübeln würde, wie ich mir daraus einen Vorteil schaffen könnte. Ich bin mindestens ein Teilzeit-Arschloch.
In jeder Firma, in jeder Abteilung werden Allianzen geschlossen und wieder gebrochen. Es gibt kleine Meinungsverschiedenheiten oder richtige Fehden. Will man ein Projekt umsetzen, das einem am Herzen liegt, gibt es immer jemanden, der etwas dagegen hat. Dann ist es gut zu wissen, wer etwas gegen diesen jemand hat und wie man Druck auf ihn ausüben kann.

Noble Vorsätze junger Arbeitnehmer scheinen sich durch solche Erfahrungen langsam aufzulösen. Tim Hagemann ist Professor für Arbeitspsychologie in Bielefeld und ihn wundert das nicht: „Als Berufsanfänger beobachtet man Kollegen und passt langsam sein Verhalten, seine Einstellungen und Wertvorstellungen der Umgebung an. Ein Beispiel: Sie beobachten als neuer Mitarbeiter, dass sich bei Teamsitzungen keiner traut, offen seine Meinung auszusprechen. Sie werden das dann auch zögerlicher tun.“

Wir schauen bei den anderen ab. Und merken irgendwann, dass gar nicht alle immer loyal zu ihren Mitarbeitern sind. Sondern dass sie taktieren: Kollege A wird bei der Einladung zu einer Besprechung „vergessen“, weil man ihn vor vollendete Tatsachen stellen will. Und Kollege B hat das wichtige Dokument zur Vorbereitung erst zehn Minuten vor Beginn herumgemailt, damit keiner es genau genug lesen kann, um die Fehler zu entdecken. Wer so was immer wieder erlebt, muss schon sehr willensstark sein, um nicht irgendwann zu denken: Warum soll ich der einzige Moralperfektionist hier sein? Warum 
soll ich nicht auch mal tricksen und mir das Leben leichter machen?



Dazu kommt: Der Arbeitsmarkt für Berufsanfänger ist hart. Immer noch eiern viel zu viele ewig als Praktikanten durch Konzerne, damit die mehr billige Arbeitskräfte haben. Daran ändert auch die neue Mindestlohnregelung wenig. Nur wer hart und stark ist, nur wer durch Brillanz und Können hervorsticht, kommt voran, so die Parole. Karriere-Ratschläge wie „Sei arrogant!“ von Apple-Gründer Steve Jobs tun ihr Übriges.

Dabei ist es langfristig gar keine so gute Idee, immer nur die Ellenbogen auszufahren. „Ohne Solidarität und Unterstützung des sozialen Umfelds kommen die meisten nicht weit. Erfolgreiche Menschen sind meistens gute Netzwerker und verfügen über eine hohe soziale Kompetenz“, sagt Professor Hagemann. Ob sie diese soziale Kompetenz nutzen, um ihren Kollegen gegenüber empathisch zu sein oder um sie zu durchschauen und zum passenden Zeitpunkt auszutricksen, steht auf einem anderen Blatt. Außerdem weist er auf etwas ganz Entscheidendes hin: „Viele Studien zeigen: Erlebt man in einem Unternehmen fortwährend Ungerechtigkeit aufgrund von nicht angemessener Bezahlung, willkürlicher Personalförderungen, nicht transparenter Entscheidungen und so weiter, geht das mit Leistungseinbußen und Gesundheitsgefährdungen einher.“ Die sogenannte Gratifikationskrise: Ich werde in meinem Job nicht honoriert, dann mach ich halt blau!

Aber man kann von den Strombergs auch etwas lernen: Sie grenzen sich strikt ab von Dingen, die ihnen nicht zusagen. Das Wort „Nein“ findet in ihrem Vokabular viel mehr Platz als in dem der anderen. Ihr Wille pusht ihr Selbstbewusstsein und das ist zugleich ihr größter Trumpf. Selbstkritik ist ihnen fremd. Sympathisch? Natürlich nicht. Karriereförderlich? Meistens ja. Trotzdem ist, wie so oft, das Maßhalten wichtig. Richtig krasse Arschlöcher schaffen es nämlich nie nach oben. Mit Steve Jobs wollte auch irgendwann keiner mehr arbeiten. Erst als er gemäßigt zurückkehrte, startete Apple wieder durch.


Text: michele-loetzner - Illustration: Katharina Kulenkampff

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