Ein Gespräch über Rückschläge, bei einer Partie Mensch, ärgere Dich nicht. Sonderregel: Schmeißt der Reporter eine Figur der Interviewten, darf er eine unangenehme Frage stellen. Umgekehrt dürfen die schamlos bewerben, was sie wollen, wenn sie es schaffen, eine Figur des Reporters zu schmeißen.

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Die Musiker von Deichkind haben ein eigenes Spiel dabei. „Bäm“ heißt das und es besteht aus einem sehr großen, laminierten Spielbrett mit vielen Aktionsfeldern, bei denen es hauptsächlich ums Trinken geht - und aus Spielkarten mit Aufgaben. „Befehl von ganz unten: fünf Felder zurück und dann machen“, steht auf denen zum Beispiel. Oder auch „Leck jemandem mit deiner Zunge übers Gesicht“. Die Band hat das Spiel selbst erfunden. Die Idee ist, mit Kryptik Joe, Porky und La Perla, die privat langweiliger heißen, beides parallel zu spielen. Ein Gespräch übers Scheitern also, bei einer Partie „Mensch, ärgere Dich nicht“, kurz MÄDN - und einer Partie „Bäm“ …
La Perla: Für „Bäm“ nimmt sich jetzt jeder ein Glas mit ein bisschen Alkohol drin!
Die Gläser sind die Spielfiguren?
La Perla: Natürlich.
Ich werfe schon beim zweiten Wurf die erste Sechs. Guter Start im MÄDN-Spiel, der tatsächlich so etwas wie Verärgerung auslöst.
Scheitern ist bei euch ja ein besonders spannendes Thema: Eigentlich wurdet ihr erst erfolgreich, weil ihr als reine Hip-Hop-Band kommerziell nicht mehr funktioniert und euch radikal verändert habt.
La Perla: Stimmt. Wir haben das Scheitern sogar bewusst provoziert. Auf das Hip-Hop-Ding hatten wir keinen Bock mehr. Wir wollten den Laden dichtmachen. Deshalb haben wir Müllsäcke übergezogen, uns live besoffen und sind zu Techno-Beats über die Bühne gekullert. Wir wollten den Bruch und dachten: Nach spätestens fünf Shows ist das endgültig vorbei.
Porky: Wir wollten das ganze Ding gegen die Wand fahren. Aber die Wand war nicht stabil genug.
Wie hat sich das angefühlt?
La Perla: Ein bisschen beängstigend und ein bisschen geil. Die Erfahrung, sich irgendwohin zu bewegen, wo es ungemütlich wird, wo man sich unwohl fühlt - Müllsäcke, halbnackt auf der Bühne …
Porky: … das ist ’ne Sucht …
La Perla: … mag auch sein, was ich aber sagen will: Ich musste mich plötzlich dazu verhalten. Ich musste kreativ mit einer Situation umgehen, in die ich mich nach dem ursprünglichen Plan nicht hineinbegeben hätte. Das ist ein unglaublicher Impuls für Ideen.
La Perla und Porky ziehen auch Figuren aufs MÄDN-Feld. Mehr nebenbei allerdings. Der Fokus liegt deutlich auf dem Gespräch.

Provoziert ihr das Scheitern manchmal immer noch?
La Perla: Irgendwie schon. Nimm unsere aktuelle Live-Show: Drei Jahre lang haben wir die konzipiert und gebaut. Eine Stunde vor Abfahrt hat das System, mit dem die Bühnenteile herumfahren können, das erste Mal funktioniert.
Da standest du als Regisseur in der Verantwortung.
La Perla: Ja, ja. Alle haben mich ständig gefragt: „Wird das denn fertig?!“ Und ich konnte den Typen immer nur sagen: „Klar wird das fertig!“ Dabei wusste ich, dass das noch lange nicht ausgemacht ist.
Ziemlich genau ab hier wird das MÄDN ignoriert, zugunsten von „Bäm“ und Interview.
Und wenn’s nicht geklappt hätte?
La Perla: Das haben natürlich alle gefragt in dieser Phase. Da konnte ich nur sagen: „Das überlege ich mir, wenn’s so weit ist. Zur Not schieben wir sie eben von Hand hin und her.“
Spielen und antworten gleichzeitig geht bei Deichkind grundsätzlich nicht. Wenn einer redet, halten die anderen inne und hören zu. Sehr genau. Das ist die Ernsthaftigkeit, mit der die Band alles macht: nachdenken, spotten, pöbeln - oder einem Bandkollegen, wie es die Spielkarte verlangt, übers Gesicht lecken. Wie Kryptik Joe jetzt bei Porky. Der anschließende Ekel wird heftig zelebriert. Dann kehrt die Konzentration zurück.
Kryptik Joe: Ich wollte auch mal sagen: Wir haben ja schon oft übers Scheitern geredet. Für den Zeitraum zwischen zweiter und dritter Platte war das ein sehr dominantes Thema. Aber ich finde die Frage bei der aktuellen Platte fast noch interessanter. Was heißt Scheitern heute? Wir haben mit dem Vorgängeralbum „Befehl von ganz unten“ ja alle Deichkind-Rekorde gebrochen. Damit jetzt umzugehen, ist für mich ein großes Thema.





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Hast du schon eine Antwort gefunden?
Kryptik Joe: Momentan habe ich meistens das Gefühl, Deichkind kann eigentlich nicht scheitern. Die Band wird es auch noch geben, wenn wir weniger Platten verkaufen.
Porky: Weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass es auch dann weitergehen kann.
La Perla: Ich sehe das anders. Jeder von uns definiert sich doch über Ziele, die er mit Deichkind erreichen will - künstlerisch oder kommerziell. Da können wir alle scheitern. Was ich aber immer öfter merke: Ich finde in dieser Gruppe ein Klima vor, das mir die Angst nimmt, zu scheitern. Man muss sich fürs Scheitern hier nicht schämen.
Kryptik Joe: Ich persönlich schütze mich vorm Scheitern, indem ich mir selten ganz konkrete Ziele setze. Ich glaube, das gilt auch für die Band. Die Ziele sind diffus.
Klingt ein bisschen nach einem Euphemismus für fehlenden Ehrgeiz.
Kryptik Joe: Vielleicht. Aber entscheidender ist doch: Unser Einfluss auf den Erfolg ist eh extrem begrenzt. Natürlich kann man handwerklich besser werden. Natürlich können wir fleißig sein. Aber man kann dabei auch voll am Zeitgeist vorbei arbeiten - und dann interessiert sich plötzlich keiner mehr dafür.
Ist das ein Ziel: den Zeitgeist treffen?
Porky: Das kann man nicht steuern. Das ist eben das Glück der Muse, oder wie auch immer man das nennen will.
La Perla: Für mich ist das schon ein Ziel. Wir verdichten Themen im Schaffensprozess. Und dadurch, dass die Gruppe so heterogen ist, ist die Chance auch hoch, dass etwas herauskommt, das Relevanz für viele Menschen hat.

Habt ihr dabei einen Geschmackrichter, der in letzter Instanz entscheidet?
Porky: Das ist eher wie bei einem Sieb mit mehreren Stufen. Jeder hat im Ausleseprozess seinen Platz, bei jedem bleibt was hängen. Und was am Ende durchkommt, ist hoffentlich gut.
Wer sind die Extrempole?
La Perla: Wahrscheinlich sind Ferris und ich am weitesten auseinander. Der will dann plötzlich wieder Pyrotechnik und immer noch mehr Action. Ich will aber, dass er als Ballerina verkleidet über die Bühne tanzt, weil ich glaube, dieser Bruch ist geil für sein Image. Wir haben da ganz schön lange heftig gegeneinander gearbeitet. Und irgendwann habe ich gemerkt: Wenn ich es schaffe, Ferris von einer Idee zu überzeugen, dann bekommt die dadurch eine Relevanz, die weit über meinen Geschmack hinausgeht. Wenn mir und ihm etwas gefällt, ist die Wahrscheinlichkeit extrem groß, dass das auch da draußen in vielen Menschen etwas auslöst. So funktioniert Deichkind.
Auch hier: großer Sportsgeist. Kryptik Joe spielt die Karte „64 Felder und machen“ - erfährt aber erst danach, dass das alle Felder auf dem Weg meint. Nach vier Feldern mit „großer Schluck“ und einem mit „Glas exen“ hat er einen leichten Zungenschlag. Und will wissen: „Hattest du nicht auch unangenehme Fragen?“
Eine wäre: Müsst ihr euch nicht dringend mal wieder neu erfinden?
Kryptik Joe: Wie meinst du das?
Viel größer kann eure Live-Show doch nicht mehr werden. Exzessiver auch kaum. Und der Exzess ist jetzt schon in großen Teilen inszeniert. Was kann also noch kommen?
La Perla: Für mich ist das eine ganz zentrale Frage. Natürlich sind wir bei der Show in Teilen an einem Punkt der reinen Inszenierung. Da ist der Kosmos Boygroup schon am ehesten die Referenz. Manchmal frage ich mich selbst, wo die Grenze zwischen Take That und Deichkind in dem Bereich noch ist. Aber jetzt pass auf: Da läuft also diese Show, da fährt Technik für Hunderttausende rum, und weißt du, worauf du guckst?
Sag schon.
La Perla: Nur auf die Typen! Die werden dir wieder total wichtig. Und schon sind da die nächsten Fragen: Was sind das eigentlich für Typen? Was wollen die? Warum stehen die auf dieser Bühne? Da tauchen schon wieder ganz neue Möglichkeiten für das Spannungsfeld aus Inszenierung und Authentizität auf. Keine Ahnung, was die Zukunft uns bringt. Aber ich habe das Gefühl, da steht uns noch ein riesiges Feld offen.