Den Großteil unserer Zeit verbringen wir, wenn wir nicht gerade schlafen, am Arbeitsplatz. Das ist nicht immer spannend. Jeden Tag die gleichen Gesichter, die gleichen Witze vom Kollegen, das gleiche Gluckern des Wasserspenders. Aber in diesem Ambiente sollen wir nicht nur funktionieren. Nein, wir sollen auch kreativ sein, in die Zukunft schauen, Weitsicht haben. Leider überwiegt am Arbeitsplatz meist die Nahsicht. Wir starren auf Bildschirme, Geräte und andere Dinge, die nicht weiter als einen halben Meter von uns entfernt sind. Das geht gegen unsere Natur, sagen Forscher: Hat der Mensch keine Sicht ins Freie, fehlen ihm Informationen, die die Stimmungslage und die Leistungsbereitschaft positiv beeinflussen. Dieses Phänomen hängt mit der Evolution zusammen: Der Mensch will sich orientieren, das ist ein elementares Bedürfnis. Und dazu braucht er den zeitlichen und örtlichen Überblick.

Außerdem ist Ausblick gut für die Augen. Stellen wir sie auf nahe Objekte ein, spannen sie sich an. Daraus ergeben sich eine Verformung der Linse, eine Verengung der Pupille und eine Einwärtsdrehung des Auges. Blicken wir hingegen ins Freie oder zumindest ins Weite, können sich unsere Augen entspannen und erholen.

Der Blick vom Arbeitsplatz ist also für uns mindestens genauso wichtig wie der erste Kaffee am Morgen. Grund genug, mal genau hinzuschauen, wo andere Leute immer hinschauen. Manche gucken ins Dunkle, manche auf Schiffe und manche von Schiffen aufs Land. Für alle aber ist der Blick ein Moment des Innehaltens. Egal ob es gerade stressig ist oder man so gar keine Lust auf die Arbeit hat – es hilft, den Blick einmal abzuwenden und sich zu sagen: Das war eben, gleich geht’s weiter. Aber jetzt schaue ich einfach mal.

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Alexandra Remus, 27, Schiffsführerin auf einem Ausflugsschiff Den Winter verbringe ich größtenteils nicht auf, sondern unter den Schiffen. Da werden sie in Hallen gewartet und für die Saison fit gemacht. Ich kann es immer gar nicht abwarten, bis es im April endlich aufs Wasser geht. Dann lerne ich die Stadt immer wieder neu kennen, ich bekomme es sozusagen live mit, wie sie sich verändert, und das hört ja gerade in Berlin nie auf. Natürlich bin ich an einigen Gebäuden wie dem Reichstag schon sehr, sehr oft vorbeigefahren, aber da wir so viele verschiedene Routen haben, wird das nicht eintönig. Wir fahren ja auch oft ins Grüne. Meine Lieblingsfahrt ist die im Südosten Berlins rund um die Müggelberge. Die dauert etwa fünf Stunden, da lässt es sich gut entspannen. Als Schiffsführerin kann ich natürlich nicht immer in die Ferne schauen, ich muss mich ja auch aufs Schiff konzentrieren. Aber wenn ich als Bootsfrau arbeite, ist meine Hauptaufgabe eigentlich nur, darauf aufzupassen, dass die Leute unter den Brücken sitzen bleiben, da habe ich viele Möglichkeiten, aufs Wasser rauszuschauen. Am besten an meiner Arbeit gefällt mir, dass ich nicht in einem Büro eingesperrt bin. Auf dem Schiff fühle ich mich frei und autark, auch weil mein Blick ständig ein anderer ist.

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Nadin Dierck, 30, Assistentin der Geschäftsführung eines Online-Bezahldienstes

Ich mag es sehr, dass ich aus dem Fenster ins Weite schauen kann und mein Blick dabei nicht von anderen Häusern eingeengt wird. Dadurch kann ich meine Gedanken auch mal schweifen lassen. Der Blick auf die Bäume und den Wald kann auf jeden Fall etwas sehr Beruhigendes haben. Das hilft auch mal, den Kopf freizubekommen. Überhaupt gefällt es mir, dass unser Büro außerhalb der Stadt liegt. Ich finde es gut, morgens zur Arbeit ins Grüne zu fahren. Oft nutzen wir die Umgebung rund ums Büro und verlagern ein Meeting oder ein Gespräch mit Kollegen einfach nach draußen. Außerhalb des Büros und unter freiem Himmel kann man sich häufig ungezwungener und besser besprechen. Und es stärkt das Gemeinschaftsgefühl unter den Kollegen. Im tiefsten Januar kann der Ausblick allerdings auch ganz schön trist und grau sein. Es sei denn, es ist Schnee gefallen, dann verwandelt sich die Welt vor dem Fenster in eine herrliche Winterlandschaft.

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Benjamin Nick, 30, Marketingleiter einer Eventfirma

Ich habe jeden Tag das Cover eines Berlin-Reiseführers vor mir. Ich kann eigentlich die ganze Stadt sehen: Fernsehturm, Synagoge, Rathaus, Dom – alles dabei. Vor allem die Sonnen¬untergänge sind ein Erlebnis. Manchmal ist die Aussicht aber auch einfach nur praktisch, denn von hier erkenne ich, wo es gewittert und wo das Unwetter hinzieht. Da lässt sich der Fahrradweg nach Hause besser planen. Vor allem genieße ich aber die Weite des Blicks, gerade im Kontrast zu den nur 40 Zentimetern Abstand, mit denen meine Augen sonst auf den Bildschirm starren. Meistens geht der Blick nach draußen einher mit der Lust auf eine Zigarette, dann stelle ich mich auf unsere kleine Plattform. Es tut gut, einmal wegzukommen von den Zahlen und in Ruhe zu überdenken, was ansteht. Leider ist es im Winter in unserem Büro ziemlich kalt. Da verstärkt das Panorama eher die Tristesse, weil einem die ganze Stadt grau und karg vorkommt.

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Claudia Leider, 35, Angestellte in einem Fotofachgeschäft

Das erste Mal in der Dunkelkammer war wie Blindekuh spielen. Ich wusste nicht mehr, wo rechts und wo links ist. Man gewöhnt sich aber daran. Es ist auch nicht so, dass man gar nichts sieht, die Umrisse der Maschinen kann man schon erkennen. Oft genieße ich es, hier unten zu sein. Ich bin mein eigener Chef, und es tut gut, sich ganz von der Welt abzuschotten. Wäre ich aber nur in der Dunkelheit, würde ich auf Dauer kirre werden. Deswegen freue ich mich meistens darauf, wieder oben im Laden zu arbeiten, bei uns ist das etwa halbe-halbe eingeteilt. Wenn ich eine Pause von allem brauche, gehe ich vor den Laden. Eine Zigarette lang schaue ich mir die Menschen an, die im Einkaufszentrum gegenüber ein- und ausgehen. Oder ich schaue die Straße hinun- ter, das ist mein Nachhauseweg. Beides beruhigt mich. Ich habe mich schon oft gefragt, ob meine Augen durch die Arbeit in der Dunkelkammer nun auch sonst besser im Dunkeln sehen.

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Susann Kramer, 27, Beraterin in einer Markenstrategieagentur

Wenn ich in unserem Dachgarten sitze, fährt die U-Bahn auf Augenhöhe an mir vorbei. Das ist witzig, weil man die Leute beobachten kann, ohne dass sie es wissen. Als ob die Stadt an einem vorbeizieht. Gleichzeitig kann ich mit Freunden in der U-Bahn sitzen, auf die Terrasse zeigen und stolz sagen: „Guck mal, da arbeite ich.“ Wir haben einen Kräuter- und Gemüsegarten und sogar ein Wasserbecken, in dem man im Sommer die Füße küh- len kann. Die Dachterrasse ist ein Rückzugsort, an dem ich mit meinen Kollegen auch mal über vertrauliche oder persönliche Themen sprechen kann. An dem Ausblick gefällt mir die Vielfalt. Ich kann auf das Mural schauen, auf die U-Bahn, auf die Spree oder auch einfach mal den Blick in die Ferne schweifen lassen. Gleichzeitig fühle ich mich, als sei ich immer mitten in der Stadt. Diese Urbanität mag ich sehr. Dass die U-Bahn gelegentlich etwas laut ist, gehört dazu.

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Meike Osterchrist, 27, Verlagsvolontärin

Um meinen Blick auf den Hamburger Hafen beneiden mich natürlich viele. Und auch wenn das klischeehaft klingt: Durch die Kräne, die ständig was auf- und abladen, und die Schiffe, die kommen und gehen, bekomme ich schon so ein Gefühl von Reisen, von weite Welt, von Freiheit. Oft, wenn ich eine Aufgabe abgeschlossen habe und mich an die nächste machen muss, schaue ich vorher noch einmal aus dem Fenster. Dabei sammle ich meine Gedanken, das Wasser übt etwas Beruhigendes auf mich aus. Das hilft gerade am Nachmittag, wenn die Konzentration manchmal ein wenig nachlässt. Das Bild nutzt sich für mich auch nicht ab. Jeden Tag entdecke ich etwas Neues. Gewöhnen musste ich mich eher an die Akustik des Ganzen: Es war mir vorher nicht klar, wie laut Kräne quietschen können.

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Text: constantin-wißmann - Fotos: Florian Reimann