Abseits der Blockbuster

Das Atlantis schließt, aber die Münchner Kinolandschaft bleibt spannend. Ein Rundgang mit einem jungen Filmliebhaber
christian-helten

Auf Jonas Neumanns Schreibtisch gibt es einen Papierstapel, der nie verschwindet. Es ist der Stapel mit den Programmheften seiner Lieblingskinos. Sobald ein neues verfügbar ist, nimmt er es mit – wer zweimal pro Woche ins Kino geht, muss sich informieren. „Ich bin ein Stück weit schon jemand, den man als Filmfreak bezeichnen könnte“, sagt Jonas. Der 25-Jährige studiert seit zwei Jahren Dokumentarfilm-Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Nebenbei arbeitet er in den City- und Atelierkinos als Kartenabreißer.

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Illustration: Julia Schubert

Jonas, hier im Atelier-Kino

Momentan müssen Münchens Kinogänger einen Kinoschwund hinnehmen. Nach dem Filmcasino am Odeonsplatz und dem Tivoli schließt diesen Monat auch das Atlantis am Stachus. Das sei „schon ein Verlust“ für die Münchner Kinolandschaft, findet Jonas. Das Atlantis zeigt als eines der wenigen Münchner Kinos wöchentliche Sneak-Previews, man kann Filme im Original mit Untertiteln sehen. Eine weitere Besonderheit: die Konzertreihe „Captain Demo“. Jeden Donnerstag blieb in einem Saal die Leinwand leer, stattdessen traten Bands auf.

Trotzdem ist die Vielfalt der Münchner Kinolandschaft noch gewahrt. Dass das nicht übertrieben ist, glaubt man spätestens, wenn man mit Jonas durch seine Lieblingskinos zieht. Vorab gibt er noch einen Tipp, der für alle Kinos gilt: Den idealen Platz findet man, indem man die Höhe der Leinwand schätzt, sie mal zwei nimmt und sich in diesem Abstand von der Leinwand einen Sitz sucht.
 
Werkstatt-Kino
Fraunhoferstraße 9 (Hinterhof)
Im Vorführraum des Werkstattkinos könnte man sich lange umschauen, ohne sich zu langweilen. Der Raum ist gleichzeitig Lager und Büro und voll mit Getränken, alten Schreibtischen und überquellenden Regalen, in denen sich Filmrollen mit Titeln wie „Teuflische Brüste“ stapeln. An der Rückwand hängt zwischen Fotos und Plakaten ein Jahreskalender. Die einzelnen Wochen sind mit unterschiedlichen Stiften markiert und mit Namen versehen worden. So kennzeichnen die fünf Betreiber, wer in der jeweiligen Woche für das Programm zuständig ist. „Es läuft dann immer, was demjenigen gefällt, der gerade dran ist“, sagt Wolfgang Bihlmeir, der diese Woche Dienst hat. Das Kino selbst ist winzig, nur 50 Leute haben in der ehemaligen Kegelbahn hinter dem „Fraunhofer“ Platz.

Das sagt der Experte: „Man merkt, dass das Werkstattkino aus Leidenschaft gemacht wird. Ich finde das sehr sympathisch, und das Programm ist wirklich einzigartig. Gerade laufen Kurzfilme vom Oberhausener Kurzfilmfestival, aber auch trashige italienische Science Fiction. Ich habe hier schon totalen Trash gesehen, aber auch tolle Filme aus den Siebzigern, die sonst nirgends laufen würden. Ich weiß gar nicht, wo die solche Kopien herbekommen!“


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Eldorado
Sonnenstraße 7
Über eine Marmortreppe mit glitzerndem Sternenhimmel geht es hinunter ins Eldorado-Kino, unweit vom Stachus in der Sonnenstraße. Unten: Mehr 90er-Jahre-Marmor und hölzerne Wandverkleidung. Für eine Popcorn-Maschine ist kein Platz in dem kleinen Verkaufseck für Süßigkeiten und Getränke. Der einzige Kinosaal hat 185 Plätze, auf der Leinwand laufen vor allem Arthaus-Filme.

Das sagt der Experte: „Ich mag das Programm hier und finde auch den Kinosaal ziemlich gut. Mir gefällt die Architektur, das Flair. Und die Sitze sind recht steil übereinander angeordnet, man sieht also sehr gut – egal, wer vor einem sitzt. Außerdem hat Stanley Kubrick hier die Premiere von Clockwork Orange gefeiert. Das heißt was, weil Kubrick ja bekanntermaßen ein ziemlicher Kontroll-Freak war, der sich sehr genau ausgesucht hat, wo seine Filme anlaufen.“
 

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Illustration: Julia Schubert


Theatiner Filmkunst
Theatinerstraße 32
Der Name über dem Eingang sagt eigentlich schon alles. Filmkunst steht da, nicht Kino. Die Filmauswahl trifft trotz ihres Alters von über 80 Jahren nach wie vor Marlies Kirchner. Auch rein optisch ist das Theatiner ein Erlebnis. Es erinnert an einen liebevoll gepflegten Oldtimer, der noch komplett aus Originalbauteilen besteht und nach dem sich die Leute umdrehen, wenn er durch die Straßen fährt. Der alte Saal mit den Balkonplätzen an der Seite, die hölzernen Stühle, die geschwungenen gold-weißen Treppengeländer – man vergisst fast, dass man sich nicht in den Goldenen Zwanzigern des 20. Jahrhunderts befindet.

Das sagt der Experte: „Das Programm des Theatiner ist einzigartig in München. Hier laufen vor allem französische Filme und viele südeuropäische Produktionen aus Italien oder Spanien – und alles im Original mit Untertiteln.“



Maxim
Landshuter Allee 33
Sigi Daiber, weißer Rauschebart, Lesebrille, steht an der Theke und liest in der taz. Es ist kurz vor Neun, gleich beginnt der Film, aber bislang sitzt nur ein Gast in dem kleinen Vorraum, der eine gemütliche Bar sein könnte, wenn das Licht ein bisschen vorteilhafter wäre und Musik liefe. Das Maxim wird im September 100 Jahre alt, Sigi führt es seit 1980 im Alleingang. Die Tapete blättert, die Stühle sind in alten Holzdielen verankert, im Kino hört man den Verkehr, der direkt vor der Tür auf den acht Spuren der Landshuter Allee vorbeibraust. Blockbuster und Mainstream-Filme wird man im Maxim nicht finden. Momentan läuft eine Doku über Kapitalismuskritiker in den USA, ein Film, der nicht schlecht passt in Zeiten der Occupy-Proteste.

Das sagt der Experte: „Im Maxim spürt man ähnlich wie im Werkstattkino die persönliche Färbung des Betreibers. Sigi ist ein politischer Mensch und hat den Anspruch, auch politische Dokumentarfilme zu zeigen. Und man kann nach dem Film wunderbar mit ihm vorne an der Bar sitzen, ein Bier trinken und quatschen oder über die Filme diskutieren.“
 

Filmmuseum
St-Jakobs-Platz 1
Man ahnt schon: Das Filmmuseum ist nicht einfach nur ein Kino, sondern ein Ort, an dem man etwas über Kino- und Filmgeschichte erfährt. Es zeigt Stummfilme mit Livemusik, Werkschauen berühmter Regisseure, wichtige Filme aus einer Epoche oder einem Land. Das Filmmuseum ordnet sein Programm thematisch. Technisch ist es sehr gut ausgestattet, und der Eintrittspreis liegt bei unschlagbaren vier Euro.
Das sagt der Experte: „Hier schaut man nicht einfach nur einen Film. Das Programm ist eingebettet in einen Rahmen, es werden oft spannende Leute zu Diskussionen eingeladen. Dadurch bekommt das Ganze mehr Tiefe, man kann sich wirklich mit einem Filmemacher oder einer Epoche auseinandersetzen.“
 

Atelier
Sonnenstraße 12
Man versinkt in den weichen blauen Kino-Sesseln des Atelier-Kinos zwischen Schwanthaler- und Sonnenstraße. In den Fünfzigern standen hier noch Schauspieler auf der Bühne – in den heutigen Räumen des Atelier war damals das Volkstheater zu Hause. Heute laufen vor allem Arthaus-Filme, das Atelier-Programm ist etwas experimenteller als das der City-Kinos im selben Innenhof. Der Montag ist mit dem „Mongay“ dem schwulen Kinopublikum gewidmet.
Das sagt der Experte: „Hier laufen neben den Arthaus-Filmen auch oft gute Dokus, die man sonst nirgends sieht. Ich mag die gemütliche Atmosphäre und auch die steigende Zahl von OMU-Fassungen. Außerdem kann man sowohl im Foyer als auch im Innenhof gut seine Freizeit verbringen.“

Text: christian-helten - Fotos: Christian Helten, Stephan Rumpf

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