Auf all ihren Wegen

Direkt ins Zelt, Zickack durch die Biergärten, zum Schluss immer zum Autoscooter - jeder Wiesnbesucher geht eine andere Strecke. Wir haben vier von ihnen mit einer GPS-App ausgestattet und uns ihre Routen erklären lassen.
teresa-fries

Tom, 28, Sonntag

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Illustration: Julia Schubert


"Wir hatten in diesem Jahr um 14 Uhr eine Reservierung, deswegen ging es von der Hackerbrücke direkt zum Marstall. Was wir nicht wussten: Dort ist es ziemlich gediegen und erst ab 21 Uhr darf auf den Bänken getanzt werden. Also blieb ich die vier Stunden, die unsere Reservierung galt, und machte mich mit einem Kumpel dann auf den Weg dorthin, wo etwas mehr los war: zum Schützenzelt, Richtung Bavaria. Das war allerdings schon geschlossen, deshalb haben wir einen Abstecher ins Paulaner nebenan gemacht. Danach ging’s zum Schottenhamel und wir trafen wieder auf unsere Freunde. Wir haben in den Gängen getanzt und nette Leute kennengelernt. Ich blieb noch eine Weile, ich glaube bis halb elf. Danach habe ich mich durch den Regen schnell Richtung U-Bahn Theresienwiese und auf den Heimweg gemacht.

Ich war seit langem mal wieder ohne Freundin auf der Wiesn und ich muss sagen: Mein Single-Wiesn-Weg unterscheidet sich von meinem Pärchen-Wiesn-Weg. Mit einer Freundin bin ich eher mal über den Platz geschlendert, gemütlich und mit einer Tüte gebrannter Mandeln. Nicht nur, weil meine Freundin das wollte, das hab ich auch immer gerne gemacht. Aber als Single bin ich auf der Wiesn ambitionierter unterwegs. Zielgerichteter. Da gehe ich von einer Station auf direktem Weg zur nächsten, dorthin, wo was los ist. Wenn ich Hunger habe, gehe ich etwas essen. Wenn ich schießen will, gehe ich schießen. Und wenn ich Stimmung will, geht’s eben sofort ins Zelt, wie dieses Mal. Mit einem Kumpel würde ich nicht unbedingt einfach mal über die Wiesn schlendern, vor allem wenn das Wetter nicht so gut ist. Da sind die Ziele klar, das Tempo schneller, die Wege direkter."
 

Matthias, 30, Samstag

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Illustration: Julia Schubert


"Den frühen Weg zum Anstich haben wir uns gespart und das Ganze stattdessen beim gemütlichen Grillen zu Hause im Fernsehen geschaut. Von der Schwanthalerhöhe zur Wiesn gab’s noch ein Wegbier vom Asiaten. Allerdings wurde daraus ein Standbier, als uns die Polizei damit nicht aufs Gelände ließ. Unsere Route führte dann mit zwei Zwischenstopps – gebrannte Mandeln, Toilette – zum Armbrustschützen-Biergarten, weil wir davon ausgingen, dass die Zelte bereits voll waren. Aber selbst die Biergärten waren überfüllt – und wir hatten ein Durstproblem. Wir überlegten hin und her, was zu tun sei. Zu einem günstigen Zeitpunkt schafften wir es dann doch direkt ins Festzelt und nach ein bisschen Zick-Zack fanden wir sogar Platz an einem Tisch neben einem österreichischen Ehepaar. Der Mann war unfassbar trinkfest. Dort blieben wir, bis wir um 21.30 Uhr wieder zur U-Bahn und dann ins Filmcasino am Odeonsplatz zogen.
Im Prinzip richtet sich mein Weg auf der Wiesn danach, wo man einen Platz bekommt. Das hat Vorrang. Klar wollten wir auch mal schießen und ich hatte Lust auf den Free Fall Tower, aber bis dahin sind wir gar nicht gekommen. Und wenn man mal in einem Zelt ist, verlässt man das nicht so leichtfertig wieder. Außerdem ist der Gang über die Wiesn bei so vielen Besuchern vor allem anstrengend, stressig und nervig, finde ich. Und egal, welchen Weg man auch sonst auf dem Oktoberfest wählt, Hauptsache, man tut das auf zwei Beinen, die in einer Lederhose stecken. Die ist nicht nur superbequem und praktisch, sondern gehört auch einfach dazu. Auf die Wiesn ohne Tracht – das ist wie auf seine Konfirmation in Jogginghose zu gehen."
 

Lilli, 22, Samstag

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Illustration: Julia Schubert


"Mein Wiesn-Weg wird mit der Zeit wohl gemütlicher. Die letzten Jahre waren wir am ersten Samstag um fünf Uhr früh schon vor dem Zelt. Diesmal starteten wir lieber mit Weißwurst-Frühstück in der WG einer Freundin. Aber dann ging’s auf: von der Bavaria zum Kaiserschmarrn-Stand, wo ein Freund von uns arbeitet, und dann auf die Suche nach einem Filz-Herzl, auf dem ‚I mog di’ steht. Mein Exfreund hatte mir so eins bei unserem ersten gemeinsamen Wiesn-Besuch geschenkt. Ich habe es vor kurzem verloren und wollte gerne ein neues, aber das richtige war nicht zu finden. Dafür gab es Zuckerwatte – die ist wichtig – und wir machten uns auf die Suche nach einem Platz, was mit 15 Personen erst mal recht schwierig schien. Auf der Oiden Wiesn haben wir zwei Biergarten-Tische in der Sonne gefunden. Das war perfekt, wenn auch etwas ruhiger als sonst im Zelt. Gegen 19.30 Uhr haben wir uns wieder auf den Weg gemacht, waren kurz im Schottenhamel und sind dann ins Augustiner, wo wir auch sofort einen Platz gefunden haben. Und zum Schluss haben wir noch einmal bei Freunden im Käfer-Biergarten vorbeigeschaut und dann den Rückzug Richtung Goetheplatz angetreten. Natürlich mit traditionellem Stopp am Toboggan. Dahin führt mich mein Weg am Ende immer. Den Betrunkenen beim Scheitern zuzusehen, ist das letzte Highlight, wenn die Stimmung auf dem Heimweg schon etwas abnimmt.

Mein Wiesn-Weg war diesmal viel entspannter als sonst. Wir haben uns treiben lassen, immer dort vorbeigeschaut, wo Freunde von uns waren, und uns trotz großer Gruppe nie verloren. Ein paar feste Stationen aber sind einfach Tradition – wobei ich eine noch nachholen muss: eine Fahrt mit der Feuer-und-Eis-Bahn. Seit ich denken kann, bin ich dort mit meiner großen Schwester jedes Jahr gefahren."
 

Elisabeth, 27, Sonntag

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Illustration: Julia Schubert


"Die beste Wiesn-Begleitung ist meine Schwester. Mit ihr bin ich auch dieses Mal gestartet. Ursprünglich kommen wir aus Salzburg, gehen aber schon viele Jahre aufs Oktoberfest. Ich weiß noch genau: Das erste Mal war ein krasser Kulturschock – und wir waren völlig entrüstet, dass wir in keinem Zelt einen Platz bekommen haben, obwohl wir extra so früh aufgestanden waren. Vielleicht ist das so sehr bei mir hängengeblieben, dass das bis heute das Wichtigste für mich ist: ein Platz im Zelt. Danach richtet sich mein Weg. Nur wenn meine Eltern zu Besuch sind, drehen wir einfach mal so eine Runde. Viel typischer für mich aber ist ein Weg wie der am Sonntag: Ich wohne nördlich der Theresienwiese. Von dort sind wir um 11 Uhr aufgebrochen und erst mal über die komplette Wiesn zum anderen Ende marschiert, um noch eine Freundin von der U-Bahn abzuholen. Dann ging es die halbe Strecke wieder zurück, direkt ins Paulaner-Zelt – und erst zwölf Stunden später kam ich da wieder raus. Das jahrelange Wiesn-Training zahlt sich eben aus. Mit ein paar Pommes in der Hand ging es um 23.30 Uhr für mich wieder heim – ebenfalls ohne Umwege. 

Ich finde an der Wiesn toll, dass die Menschen so kontaktfreudig sind. Ich lerne sehr gerne neue Leute kennen und das geht meiner Meinung nach eben am besten in den Zelten. In welchem genau, ist dabei egal. Wären wir in das erste nicht mehr reingekommen, würde meine Route genauso gerade zum nächsten Zelt führen. Und nein, es geht mir nicht darum, unbedingt jemanden für den Heimweg zu finden. Den trete ich in der Regel alleine an."

Text: teresa-fries - Illustration: Daniela Rudolf

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