Auf Männerjagd und mit Ventilator-App

Viele junge Münchner haben während der Wiesn ihr Zimmer untervermietet. Nicht immer war das eine gute Idee. Drei Erfahrungsberichte
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Illustration: Julia Schubert

Während der Wiesn kann man für ein WG-Zimmer Preise wie für ein teures Hotelziommer nehmen. Solange die Untermieter nur ihren Rausch ausschlafen, ist das für die Gastgeber nicht nur ein lukratives, sondern auch ein angenehmes Geschäft.

Die Kotztüte im Treppenhaus

„Wir vermieten ein Zimmer unserer Wohnung regelmäßig über das Portal Airbnb an Touristen. Zur Wiesn wollten wir uns einen Kellner in die Bude holen, um keinen Stress zu haben. Doch schon vier Monate vor dem Oktoberfest konnten wir uns kaum vor Anfragen retten. Weil man ein 20-Quadratmeter-Zimmer dann problemlos zum Preis eines guten Hotelzimmers anbieten kann – wir haben 150 Euro pro Nacht genommen – haben wir es mal riskiert. Bei zwei von drei Pärchen lief auch alles gut. Nur die Amerikanerinnen am ersten Wiesn-Wochenende waren ziemlich ätzend. Wir haben Olivia, 23, und Zahara, 21, im Prinzip nur beim Check-In und beim Check-Out gesehen und wissen nicht viel mehr, als dass sie aus einem Städtchen in Oklahoma stammen und gerade ein Auslandssemester in Italien machen. Wir haben versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, so wie mit unseren anderen Gästen, das hat aber nicht so recht geklappt. Die Mädels haben sich für nichts wirklich interessiert, für die war alles nur „awesome“ und „amazing“.

In der ersten Nacht ist Moritz plötzlich aufgewacht, weil er etwas im Wohnzimmer gehört hatte. Freunde mitzubringen, ist bei uns tabu, im Wohnzimmer schlafen eigentlich auch. Aber die hatten gar keinen Typen dabei. Eine von ihnen ist es nur gewohnt, neben einem Ventilator zu schlafen. Die hat auf ihrem iPhone eine App, die dieses Geräusch simulieren soll und die ganze Nacht durchläuft. Am anderen Morgen haben die beiden einfach die Waschmaschine angestellt. Wie sich herausgestellt hat, war ein Duschgel auf einer Decke ausgelaufen, was für uns zu einem mittleren logistischen Problem wurde, weil die ja trocknen musste bis zu den nächsten Gästen.

Doch all das wäre nicht dramatisch gewesen, wenn die Ami-Ladys uns nicht dieses „Präsent“ dagelassen hätten. Als sie gegangen waren, haben wir eine Tüte in unserem Treppenhaus entdeckt. Stella sagte noch: „Hey, kuck mal, die ist aus dem Dubai Duty Free Shop“, in dem wir kurz vorher selbst eingekauft hatten. Doch dann fiel ihr ein, dass sie genau diese Tüte beim Saubermachen des Gästezimmers vermisst hat. Eines der Mädels hatte sie bis zum Rand vollgekotzt, an uns vorbeigeschleust und zwei Stockwerke weiter unten einem Nachbarn knallhart vor die Tür gestellt. Wir haben sie natürlich entsorgt, doch was bleibt, ist das schlechte Gewissen. Die Mädels waren ja schließlich unsere Gäste.“

Moritz, 26, und Stella, 23, Isarvorstadt, protokolliert von thierry-backes



Die Damen auf Männerjagd

„In unserer Dreier-WG haben wir ständig Übernachtungsgäste. Zum Oktoberfest haben wir dieses Jahr zum ersten Mal Gäste gegen Geld aufgenommen. Vier Wochen vor der Wiesn haben meine Freundin, die auch in der WG wohnt, und ich unsere Schlafzimmer auf Wimdu, Ebay und Airbnb angeboten. Wir hatten keine Ahnung, wie viel man für eine Nacht verlangt, und haben uns erst mal umgesehen. Am Schluss hatten wir vier Damen Mitte 40 aus Hamburg für ein Wochenende und ein Pärchen aus den USA für drei Tage bei uns. Die Hamburger kamen über Ebay und haben 500 Euro bezahlt, das Pärchen, das uns über Wimdu gefunden hat, 390 Euro. Das ist viel günstiger als die Hotels zur Wiesnzeit, andere Anbieter bei Airbnb und Wimdu nehmen 280 Euro pro Nacht. Aber wir wollten damit ja nur zwei Wochen Portugal bezahlt haben – wenn wir mehr verlangt hätten, wäre das schlechte Gewissen zu groß gewesen. Was uns ein bisschen ärgert: Es hatten noch fünf weitere Gruppen zugesagt, die sich dann aber nicht mehr gemeldet haben. Anders als im Hotel muss man bei Wimdu nichts anzahlen. Wir hatten also keine Sicherheit, weil der Gast auch noch fünf Minuten vorher absagen kann und nichts zahlen muss.
 
Von den Gästen haben wir bis auf ein paar Tassen Kaffee am Morgen nicht viel mitbekommen. In der ersten Woche waren wir noch in Portugal, da hat unser Mitbewohner die vier Hamburgerinnen empfangen. Die waren alle auf Männersuche und haben schon morgens von den Typen in Lederhosen geschwärmt. Bevor sie abends weggegangen sind, waren sie immer nervös wie Teenager – und das mit 45! Als das Pärchen bei uns übernachtet hat, waren wir aus dem Urlaub zurück. Wir hätten gern was mit ihnen unternommen, aber sie wollten lieber allein sein.

Das war für uns natürlich auch okay. Für unsere Gäste wollten wir eine Hotelatmosphäre schaffen. Wir haben nicht nur das Bad und die beiden Zimmer geputzt, sondern auch unser Zeug im Zimmer unseres Mitbewohners und auf dem Flur untergebracht, sodass die Gästezimmer bis auf die Möbel fast leer waren. Das war ein bisschen wie ein Umzug. Natürlich ist es trotzdem kein Hotelstandard, wenn Baseballschläger, Surfbretter und Gleitgel herumstehen. Wir haben das als freakiges Zimmer verkauft, das hat unsere Gäste überzeugt.“

Felix, 29, Ludwigsvorstadt, protokolliert von kathrin-hollmer

Der Stammgast aus Österreich

„Ich habe jetzt das dritte Jahr in Folge eine Wiesn-Bedienung aus Österreich bei mir aufgenommen. Kennengelernt habe ich den Mann über Freunde aus Österreich. Auf einer Party dort hat er mich dann einfach angesprochen und gefragt, ob er bei mir wohnen könnte. Seitdem hat er jedes Jahr zur Wiesnzeit bei mir übernachtet. Wir haben uns dann entweder ein großes Zimmer geteilt oder ich war eh im Urlaub. Mit meinem Gast habe ich im ersten Jahr einen Obolus besprochen, den er mir seitdem jedes Jahr für die Unterkunft zahlt.

Man kann sich eigentlich keinen unkomplizierteren Gast wünschen, er hat meistens wirklich nur Bett und Bad benutzt. Ansonsten habe ich ihn kaum gesehen. Wenn er nach Hause gekommen ist, fiel er oft sofort ins Bett. Nach dem Aufstehen hat er das Haus meist gleich wieder verlassen. Man hatte überhaupt nicht den Eindruck, dass noch jemand da ist. Von der Wiesn hat mir mein Gast immer relativ wenig erzählt. Meistens war er, wenn ich ihn mal gesehen habe, erschöpft. Immerhin so viel habe ich mitbekommen: Seine Top-2-Funde im Zelt waren bisher ein Rollstuhl und eine Beinprothese.

An Freibier kommt man durch eine Wiesn-Servicekraft übrigens nicht. Die Bedienungen kaufen das Bier ja von den Wirten. Würden sie es dann verschenken, würden sie selbst Verlust machen. In der Regel bin ich über meinen Wiesngast aber an gute Plätze im Zelt gekommen. Dieses Jahr hatte mein Übernachtungsgast zehnjähriges Wiesn-Jubiläum. Eigentlich hat er regelmäßig gesagt, er wolle demnächst aufhören. Und hat doch immer noch ein Jahr gemacht. Von mir aus könnte es so bleiben. Ich nehme ihn gern bei mir auf.“

Tizian, 29, Schwabing, protokolliert von magdalena-pemler


Text: jetzt-redaktion - Foto: illleeeegal/photocase.com

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