Besuch beim Besten

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49 Mal freundlich, 41 Mal hilfsbereit, 31 Mal nett, so ist Max. Das steht zumindest in den 217 Bewertungen auf seinem Airbnb-Profil. Max heißt eigentlich anders ist aber tatsächlich einer der beliebtesten Airbnb-Gastgeber Münchens. Aber warum? Was macht eine gute Airbnb-Unterkunft, was einen guten Gastgeber aus? Um das herauszufinden, miete ich mich in Max’ Neuhausener Gästezimmer ein: Eine Nacht, 35 Euro, unzählige Geschichten. Er selbst ist auch da.
 

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Auf seinem Profil erfahre ich nur wenig über Max. Er ist Mitte 30, offenbar Münchner, macht was mit Medien, spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch. Und er scheint solide ausgebucht zu sein, denn erst nach zig Versuchen, mich innerhalb der kommenden Wochen bei Max einzumieten, schickt mir Airbnb eine SMS: „Glückwunsch! Du wohnst bei Max.“ Schnell weiß ich auch, dass Max nicht zögert, denn kurz darauf schreibt auch er mir. Hallo, danke, Adresse, Grüße, eine kantenfreie SMS, wie aus dem Airbnb- Lehrbuch.
 
Hinein in die Wohnung also: „Platonow oder Der Anarchist als Liebhaber“ – ein Stück über Begegnungen. Es liegt aufgeschlagen auf Max’ Küchenzeile, daneben vier Münchner Stadtpläne, sie warten auf die nächsten Gäste. „Meine Vorfahren waren Hoteliers“, sagt Max, als ich zum ersten Mal in seiner Küche stehe. „Gäste zu beherbergen liegt mir im Blut. Mit Airbnb führe ich die Familientradition fort, nur unkonventionell und abgespeckt.“
 
Seinen Sätzen schiebt Max oft ein schnelles Lachen nach, schnell lache ich mit. Nach fünf Minuten, die wir uns kennen, lachen wir miteinander wie die Comicfiguren Beavis und Butt-Head. Das führt dazu, dass ich mich innerhalb kürzester Zeit wie ein WG-Mitbewohner to go fühle, gut aufgehoben im küchenphilosophischen Gespräch, frei von Castingstress und Putzpflicht. Meine Nase bestätigt mir dieses Gefühl. Es riecht nicht nach Sagrotan (Hotel), altem Bier (Hostel) oder Axe (Schullandheim). Durch Max’ Wohnung zieht sich stattdessen der schwere Duft von frischem Kaffee (gute WG).
 
Max präsentiert jetzt das Zimmer, das auf den verifizierten Fotos auf Airbnb zu sehen war. Es ist spärlich eingerichtet. Schrank, Bett, Lampe, kein Staub, kein Schnickschnack. An den Wänden hängen abstrakte Drucke – Natur und Geometrie. Gut gemeinte Möbelhauskunst, an der sich wahrscheinlich wenige Gäste stoßen.
 
Zum ersten Mal, erzählt Max jetzt, habe er Airbnb vor vier Jahren ausprobiert, kurz nachdem seine Ex-Freundin ausgezogen war. „Das ist besser als WG, weil die Leute kommen und gehen“, sagt er. „Weniger Konflikte, mehr Storys.“ Sein Vermieter weiß nichts von Max’ Leidenschaft. Würde er davon erfahren, könnte Max der Rauswurf drohen.
 
Heute Abend hat Max noch nichts vor und deshalb zögert er nicht: Wir verlassen das Zimmer und steuern seinen Lieblingsbiergarten an. Auf dem Weg holt er einen Metallstab aus seiner Hosentasche hervor, seine E-Zigarette. Max raucht nikotingeschwängerten Zitronendampf – mit einem Habitus, als hielte er eine Zigarre zwischen den Fingern – und schiebt den Stab im Biergarten wieder salopp in die Hosentasche, wie ein Taschentuch, das man noch einmal benutzen kann. Saloppheit und Dekadenz paaren sich auch in seinem Outfit: ausgewaschene Dreivierteljeans zu glänzenden braunen Lackschuhen.
 
Erste Maß. Max hat Kommunikationswissenschaft studiert, Kommunizieren, das kann er. Gedanken an Google drängen sich auf, denn Max hat immer eine Antwort. Auch an Twitter, denn Max formuliert Zitierfähiges in weniger als 140 Zeichen. Stichwort Politik: „Ich bin unpolitisch politisch.“ Stichwort Medien: „Die Öffentlich-Rechtlichen betreiben Altersforschung.“ Stichwort Max: „Ich bin ein teilnehmender Beobachter.“
 
Macht er deshalb auch Airbnb? „Ich mache das wegen der Geschichten“, sagt Max und zieht an der Zitrone. Geschichten wie die von der ukrainischen Wissenschaftlerin, der vor Janukowitschs Sturz drei Monate lang kein Gehalt gezahlt worden war. Geschichten wie die von der chinesischen Geigerin, die zum ersten Mal durch Europa getourt ist.
 
Zweite Maß. „Europa hab’ ich übrigens schon durch, Südamerika fast“, zählt Max auf. „Chile fehlt mir noch.“ Nach und nach füllt Max dank Airbnb sein Nationen-Sammelalbum mit Bildern. Chinesen seien offen, Koreaner distanziert. „Taiwanesen sind die Italiener Asiens.“ Max hat bislang mehr als 200 Menschen in seiner Wohnung beherbergt. Wie viele genau, hat er sich nicht gemerkt, es waren zu viele. Aus einigen Begegnungen wurden Bettgeschichten, aus anderen Freundschaften. Probleme gab es keine, sagt er. Höchstens kleine Reibereien. „Aber eigentlich auch nur mit Deutschen, das sind Perfektionisten. Die finden immer was.“
 
Als wir nach der dritten Maß das knarzende Treppenhaus erreichen, ich meine Schuhe neben Max’ braunem Leder abstelle, Max vor Platonow lehnt, ich an der Spüle, fühle ich mich wie beim ersten Abend in der neuen WG. Max geht schlafen, durch sein Arbeitszimmer, kreatives Chaos, Ordner an der Wand, auf der Fensterbank Zitronen-Liquids zum Nachfüllen der E-Zigarette.
 
In der Küche blättere ich noch kurz in dem Buch „Die Kunst des Würzens“, das zwischen einer Wüstenpflanze und Gemüsekörben steht und aus dem ich mir keinen Gewürztipp merke. Ein letzter Schleichgang zum Balkon mit dem brüchigen Geländer, sympathisch angerostet, und der spanischen Minze im Topf. Es riecht nicht nur nach WG, es riecht sogar nach Kurzurlaub. Ich schlafe fest und träume viel.
 
Am nächsten Morgen ist Max schon wach, unter der Espressokanne brennt eine Flamme. Beavis und Butt-Head verabschieden sich. Ich habe wenig Lust, in meine Zweck-WG am anderen Ende der Stadt aufzubrechen, aber ich muss. Auf Max wartet eine neue Begegnung.

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