Bier nach vier

In München gibt es so wenig Spätis, weil sie eigentlich verboten sind? Blödsinn! Wie so vieles, das man sich rund ums späte Bier erzählt. Ein ABC, das endlich mit den Mythen aufräumt.
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A wie Ausschenken

Darf man nur mit Schanklizenz. Und die haben Spätis in der Regel nicht. Das heißt, es dürfen zwar bestimmte alkoholische Getränke (Bier) verkauft werden, allerdings nur in geschlossenen Flaschen. Geöffnet wird selbst.
 

B wie Bier

Gilt in München bekanntlich als Grundnahrungsmittel und ist vermutlich deshalb auch das einzige alkoholische Getränk, das man als Späti nach 20 Uhr noch ausschenken darf. Wein, der sonst ja zumindest nach dem Jugendschutzgesetz wie Bier eingestuft wird, darf hingegen nicht mehr angeboten werden. Genauso wie Spirituosen.

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Illustration: Julia Schubert


 

C wie Cube

Der neueste Späti, der an der Münchner Freiheit steht und im Übrigen nicht „Späti“ genannt werden will. Es handelt sich laut Facebook-Auftritt schließlich um den „Kiosk im Deubl Glass Cube“. Kein Bier mehr da? „Dann lass uns zum Deubl Glass Cube gehen und was holen“, könnten die Schwabinger von nun an sagen. Werden sie aber wahrscheinlich nicht – auch wenn der Glassponsor das wohl gerne hätte. Sie werden ihn doch eher Späti nennen.
 

D wie Doppelhelden

Die Menschen, die im Cube arbeiten. Sie retten die Schwabinger nicht nur bei Bier- oder Süßigkeitenknappheit, sondern können dank eines extra absolvierten Erste-Hilfe-Kurses auch in echten Notsituationen helfen.
 

E wie erlaubnisfreie Gaststätte

Lösung des Rätsels, wieso es trotz des strengen Ladenschlussgesetzes in Bayern überhaupt auch nur einen Späti geben kann. §7 im Gaststättengesetz bildet die Ausnahme: Die erlaubnisfreie Gaststätte hat keine Schanklizenz, darf nur bestimmte Produkte verkaufen (Zigaretten), hat aber die Erlaubnis, 23 Stunden (Putzstunde) am Tag geöffnet zu sein. Spätis sind also keine Läden oder Kioske, sondern eigentlich Gaststätten. Daran schließt sich allerdings direkt an:
 

F wie Frage

Wenn es so einfach ist, warum – zum Teufel – gibt es dann nicht schon viel länger viel mehr Spätis in München? Der Paragraf besteht in dieser Form schon seit 1970.
 

G wie Glockenbach-Kumulation

Phänomen der Anhäufung von Spätis im Bereich des Glockenbachviertels. Der in diesem Jahr eröffnete „Szenedrinks“ liegt zum Beispiel genau zwei Minuten Fußweg entfernt vom Reichenbachkiosk. Obwohl die Wegbierdichte in dieser Gegend auch vorher schon deutlich über dem Durchschnitt lag.
 

H wie Helles

Das Wichtigste in einem Späti. Und zumindest bei Glockenbach- und Theresienhöhen-Kumulation durch unterschiedliche Preise höchst relevante Vergleichsgröße. Für ein Augustiner zahlt man inklusive Pfand: 2,40 Euro im Cube-Kiosk, 1,60 Euro im Szenedrinks und 1,80 Euro an der Reichenbachbrücke. Auf der Theresienhöhe kostet es zwischen 1,20 und 1,50 Euro. Dort ist die Auswahl an exotischen Bieren allerdings auch wesentlich kleiner.
 

I wie illegal

Ist es eben nicht, einen Späti zu betreiben. Viele gehen allerdings immer noch davon aus und sehen in den Inhabern tapfere Ritter im Kampf gegen Politik und Ladenschlussgesetze und für ein besseres München. Als im Szenedrinks von Franz Huemer kurz nach Eröffnung zwei Polizisten in Uniform ein Geschenk für einen Kollegen kauften, kamen sofort besorgte Anwohner zu ihm und fragten, ob es Stress gegeben habe.
 

J wie juristisch gewieft

Die Besitzer vom Szenedrinks haben dank modernster Technik einen Weg gefunden, das strenge Ladenschlussgesetz zu umschiffen. Seit zwei Monaten bieten sie eine App an, also ein Onlinegeschäft, in dem man ihre Produkte auswählen und direkt bezahlen kann. Das Onlineangebot ist nicht eingeschränkt, auch nicht nach 20 Uhr. Abholen kann man die Bestellung dann jederzeit, solange der Laden geöffnet hat. Will man also etwas, das man von 20 Uhr an nicht mehr kaufen kann, einfach per App vor dem Laden bezahlen, reinspazieren, mitnehmen. Diese Füchse!
 

K wie Kundschaft, fehlende

Könnte die Antwort auf die Frage sein. Dafür, dass die Münchner so lange nach Spätis gedürstet haben, nutzen sie sie nämlich noch eher wenig. Szenedrinks zum Beispiel hätte theoretisch länger offen, doch Sonntag bis Donnerstag werde es ab 1 Uhr eher ruhig, was natürlich auch an der Glockenbach-Kumulation liegen könnte. Vielleicht hat man den Münchnern die Ladenschlusszeiten aber auch einfach so lange eingebläut, dass sie denken, nachts einzukaufen sei illegal.

 

L wie Ladenschlussgesetz

In Bayern dürfen Verkaufsstellen nach wie vor nur von sechs bis 20 Uhr geöffnet haben. Bäckereien ab 5.30 Uhr. Eine ähnlich strenge Regelung gibt sonst nur noch im Saarland. Seit 2006 sind Ladenöffnungszeiten Sache der Länder, alle anderen Bundesländer haben die Öffnungszeiten seitdem erheblich gelockert.
 

M wie „Mein Späti“

Ausdruck des liebevollen Gefühls der Verbundenheit, die man zum Späti in der Nachbarschaft entwickelt.
 

N wie Nebenleistungen

Leistungen, die Gaststätten neben dem Ausschenken erbringen dürfen. Darunter versteht man den Verkauft bestimmter Waren (Zigaretten) auch nach 20 Uhr. Erlaubnisfreien Gaststätten, also Spätis, fehlt zwar die Schanklizenz, die Nebenleistungen dürfen allerdings auch sie anbieten. Voraussetzung dafür ist nur, dass die Kunden an Ort und Stelle die Möglichkeit haben, etwas zu verzehren. Eine kleine Theke oder ein Stehtischchen reichen dafür aber schon aus.
 

O wie Öffnungszeiten

Grundsätzlich ist den erlaubnisfreien Gaststätten eine Öffnungszeit von 23 Stunden erlaubt. Der Kiosk an der Reichenbachbrücke (sechs bis fünf Uhr) und der Kiosk an der Münchner Freiheit (vier bis drei Uhr) nutzen diese Öffnungszeiten komplett. Szenedrinks und die Spätis auf der Theresienhöhe erweitern die Ladenschlusszeiten nur bis 22 oder 23 Uhr, beziehungsweise richten sich flexibel nach dem Kundenandrang.
 

P wie Putzstunde

Der Grund dafür, dass ein 24-Stunden-Betrieb nicht möglich ist. Die Putzstunde ist das, was von der Sperr- oder Polizeistunde zur Sicherung der Nachtruhe übrig geblieben ist. Zwischen fünf und sechs Uhr muss der Betrieb eingestellt werden. Eine Ausnahmeregelung kann in gewissen Fällen beantragt werden, wie zum Beispiel beim Kiosk an der Münchner Freiheit. Hier wurden die Öffnungszeiten an die Fahrzeiten der MVG angepasst.
 

Q wie Quader

Der geometrische Fehler des Spätis an der Münchner Freiheit. Was sich Cube – also Würfel – nennt, ist eigentlich ein Quader. Ein Würfel zeichnet sich dadurch aus, dass alle Flächen quadratisch und damit alle Seiten gleich lang sind. Das ist hier nicht der Fall.
 

R wie Reichenbachkiosk

Nach eigenen Angaben nie der einzige, aber viele Jahre der einzige allgemein bekannte Späti in München. Der Kiosk steht dort schon seit 1904, seit 1999 wird er so, wie wir ihn kennen, von Harald Guzahn und Markus Thierer geführt. Warum man immer nur von seinem Kiosk wusste, kann Guzahn nicht beantworten: „Die Warenvielfalt und sicherlich die Lage“, schätzt er.
 

S wie Spezialitäten

Möglicherweise mitentscheidend für den Bekanntheitsgrad, den ein Späti in der Stadt erreichen wird. Der Kiosk an der Reichenbachbrücke zeichnet sich etwa durch ein Sortiment von 250 Biersorten aus Ländern aller fünf Kontinente aus. Und durch den 23-Stunden-Verkauf von warmen Speisen. Auch Szenedrinks fährt eine riesige Auswahl auf: 80 Tonics und Mixers, 300 Biersorten, 200 Limonaden und eine große Auswahl an Gin-, Whisky-, Wodka- und Weinsorten. Und der Cube an der Münchner Freiheit führt Kiosk-Feinkost aus allen möglichen Ländern. Zu den Spezialitäten der Spätis auf der Theresienhöhe, die eher nur in der eigenen Hood bekannt sind, zählen eher Prepaid-Karten, günstige Telefongespräche oder äthiopisches Fastfood.
 

T wie Theresienhöhen-Kumulation

Zweiter Ballungsraum von Spätis. In diesem Gebiet kann unter anderem in folgenden Läden nach 20 Uhr noch Bier gekauft werden: Kirac’s Handytankstelle in der Holzapfelstraße 7, King Butt in der Schwanthalerstraße 154, Äthiopischer Imbiss mit Kiosk in der Gollierstraße 28 und im Westend Call Shop, Gollier- Ecke Parkstraße.
 

U wie Unterschriften

Die werden gerade wieder gesammelt und zwar in einer Online-Petition gegen das strenge Ladenschlussgesetz. Seit dem 12. November haben sich schon mehr als 11 800 Unterstützer gefunden. Bis die Unterschriftensammlung endet, bleiben noch 70 Tage. Dann wird Benjamin Weiß, Initiator der Petition, diese an Oberbürgermeister Dieter Reiter übergeben.
 

V wie „Vornfreude“

Neologismus: Meint das Gefühl, das einen überkommt, wenn man in einer wunderschönen Sommernacht am Späti an der Reichenbachbrücke ankommt und entdeckt, dass an dritter Stelle in der riesig langen Schlange eine Freundin steht, die einem einfach ein Bier mitbringen kann.
 

W wie Weltstadt

Status, den die Stadt München von 1962 bis 2005 für ihr eigenes Stadtmarketing verwendete: „Weltstadt mit Herz“, der ihr aber von Berlinern, Hamburgern oder Kölnern immer wieder abgesprochen wird: „Kleinstadt ohne Spätis“.
 

X wie X-Chromosome

Die gibt es in der Münchner Spätilandschaft noch wenige, zumindest in doppelter Ausführung. Die zur Zeit bekanntesten Spätis – an der Reichenbachbrücke, in der Baaderstraße und an der Münchner Freiheit – werden jeweils von Männern betrieben.
 

Y wie YouTube

Wenn man dort „München Späti“ eingibt, ist der erste Treffer ein Song der Band Schleuderschuh aus Rostock mit dem Titel „Geier, Moli, Geier, Moli, Geier, Moli, Späti“. In der Beschreibung ist zu lesen: „Spontanaufnahme nach Getränkeunfall 2014“.
 

Z wie Zigaretten

Fallen unter Tabakwaren und gehören so zu den Produkten, die in einem Späti nach 20 Uhr noch verkauft werden dürfen. Unter die Nebenleistungen fallen außerdem: Süßigkeiten, Antialkoholisches, Flaschenbier und im Laden zubereitete Speisen. Der Notfallsupermarkt, wie er in München nun oft gefeiert wird, ist der Späti hier trotzdem nicht. Denn für so einige Notfälle hält er keine Lösung parat: keine Kondome, kein Klopapier, keine Nudeln mit Fertigtomatensoße.

Text: teresa-fries - Illustration: daniela-rudolf

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