Buchführung

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Wenn die Stadt einem zusetzt, kann man nach Hause gehen und sich auf dem Sofa zusammenrollen. Oder aufs Land fahren. Man kann aber auch einfach einen Buchladen betreten. Buchläden sind eine Mischform aus Konsum- und Rückzugsort: weniger hektisch als ein Kaufhaus, weniger streng als eine Bibliothek. Der Hugendubel am Marienplatz bietet zum Beispiel nicht nur Bücher, sondern auch die Möglichkeit, die Wartezeit auf die S-Bahn rumzukriegen oder der anstrengenden Fußgängerzone zu entkommen. Unter anderem darum waren viele traurig, als kürzlich bekannt wurde, dass die Filiale 2016 schließen wird. Aber: Es gibt ja noch genug schöne Buchläden. Durch die sind wir einen Nachmittag lang spaziert, zusammen mit Lina Muzur, 33, Lektorin beim Hanser Verlag und dort zuständig für deutsche Literatur. Mit jemandem also, der sich mit Büchern auskennt. Im Buchladen will Lina vor allem: Stöbern. Ganz wichtig. Also gehen wir stöbern.
 

Station 1: Buch in der Au

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Illustration: Julia Schubert


Lektorin Lina Muzur bei Buch in der Au.

Humboldtstraße 12: Autos, Busse, Lärm. Neben einer Boazn namens Giasinga Schlümpfe liegt der Buchladen. Im Schaufenster ist Frühling, inklusive Gras und Schmetterlingen. Wenn man reingeht, ist es wie in den Arm genommen werden, nur umgekehrt: Auf einmal ist es geräumig und hell. Es riecht nach neuem Papier. Auf der halbkreisförmigen Ladentheke liegen die Empfehlungen, aber auch Frank Schätzings neuer Roman, da stürzen sich die Leute drauf, sagt Inhaberin Sabine Abel. Hinten gibt es einen Raum mit Kinderbüchern. Lina streift am Belletristik-Regal entlang und nimmt Bücher heraus, die sie streichelt, bevor sie sie durchblättert. Die Türklingel bimmelt, ein kleiner Junge mit Fahrradhelm kommt herein und greift ins Regal mit Krimskrams drin: Biegestifte, Piraten-Kaleidoskope, Kulleraugenmonsterflummis.
 
Am Schaufenster stehen ein Tisch mit Blumen und zwei rote Sessel. Von hier aus kann man die Kundschaft beobachten: hauptsächlich Frauen Mitte 40, eine mit Trekkingschuhen und Walking-Stöcken, eine andere sucht ein Bilderbuch für einen Dreijährigen. Zum Schluss doch noch ein einsamer Mann im Trenchcoat, der ein Buch abholt.

Linas Fazit: Man fühlt sich sofort wohl hier, es ist ein bisschen wohnzimmermäßig. Es gibt wenig Sachbücher, dafür umso mehr Kinderbücher, ein guter Laden für Familien. Die Inhaberin sagt auch, dass es ihr Spaß macht, wenn Kinder kommen. Und sie hat regelmäßige Lesungen, meistens Münchner Autoren, wodurch sie eigene Schwerpunkte setzen kann.

Special Feature: Aufatmen-Effekt
 

Station 2: Literatur Moths

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Illustration: Julia Schubert



Rumfordstraße 48: Wer den Laden betritt, bleibt erst mal stehen. Weil man das jetzt gar nicht erwartet hätte. Bei Moths sieht es aus wie in einer Galerie: weiter Raum, Wände aus einer Fiberglas-Holz-Konstruktion, die sich zuklappen lassen, in der Mitte eine Säule. Regale auf Rollen stehen auf dunklen Dielen. Vorne kann man auf alten Kinostühlen sitzen und lesen, hinten unterm kleinen Kronleuchter Kochbücher durchblättern. Es gibt Graphic Novels und Bildbände. Dazwischen immer wieder Spielzeug, aber alles mit Designer-Note. Entsprechend schick ist das Publikum: Die Frau mit den Walking-Stöcken würde sich hier eher nicht wohlfühlen. Es wird viel aus dem Regal genommen und extrem behutsam wieder zurückgestellt. Inhaberin Regina Moths, kurzes, schwarzes Haar und markante Augenbrauen, kann zu jedem Stück etwas erzählen. Und zum Literaturbetrieb auch. Sie verwickelt Lina gleich in ein Gespräch über den Lewitscharoff-Skandal.

Linas Fazit: Hier ist alles sehr speziell und stimmungsvoll, das Buch wird als Kunstobjekt inszeniert. Trotzdem werden neben den vielen Kunst- und Coffee-Table-Büchern alle wichtigen belletristischen Neuerscheinungen angeboten ohne die typischen Bestseller. Ich glaube, hier kann man ewig Zeit verbringen.

Special Feature: Synästhesie


Station 3: Haidhauser Buchladen

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Illustration: Julia Schubert



Weißenburger Straße 29: Auf Haidhausens Haupteinkaufsstraße ist es zu laut und zu eng. Eine Enge, der man im Haidhauser Buchladen auch nicht ganz entkommt: Er ist sehr klein. Man steht gleich neben der Kasse (linkerhand) und vor dem Tisch mit Neuerscheinungen und Empfehlungen. Wer ihn umrundet, muss aufpassen, dass er nichts umwirft, und wenn mehrere Kunden im Laden sind, tanzt man ein wenig umeinander. Aber es ist ordentlich, gut sortiert und übersichtlich. Außerdem liegt die Chance, sofort einen Buchhändler zu treffen, bei 100 Prozent. Ihr Konzept erklärt Inhaberin Jutta Bühler so: Möglichst viel auf wenig Raum. Und Mitarbeiterin Ellen Weiss sagt: Wir lesen viel. Und mehr braucht so ein Laden ja eigentlich auch nicht: viel Auswahl und jemanden, der sich auskennt.

Linas Fazit: Ein klassischer Stadtteilbuchladen. Es gibt viel Stammpublikum und die Kundenberatung ist gut und intensiv. Aufgebaut ist er wie ein Großer in klein: Es gibt alles auf engstem Raum und eine sehr gute Taschenbuchauswahl. Und: Es gibt ein eigenes Lyrik-Regal, was man bei der Größe gar nicht erwartet.

Special Feature: kurze Wege

 

Station 4: Lentner

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Illustration: Julia Schubert



Marienplatz 8: Buchhandlung Lentner seit 1698 steht auf dem spitz zulaufenden Schaufenster. Die Filliale in der Innenstadt wohnt im Rathausgebäude. Drinnen ist es urig: dunkle Regale, dunkles Holz an der Decke, ein Kruzifix in der Ecke und ein roter Samtvorhang. Unten gibt es Kinderbücher und Belletristik, eine geschwungene Treppe führt nach oben, wo es ist wie in einem kleinen Bibliotheksraum. Die Dielen knarzen, eine alte Deckenlampe ist mehr Dekoration als Lichtquelle.

Am Fenster steht ein Tisch. Hier kann man die Fußgängerzone beobachten. Oder lesen mit dem Gemurmel, das von draußen gedämpft hereindringt, als Soundtrack. In einem Aufsteller gibt es alte Stiche, im Regal Bibeln mit goldverzierten Buchrücken. Manche der Faksimiles hier kosten mehr als 1000 Euro. Ein Bildband zu christlicher Kunst wiegt elf Kilo (gegoogelt), wir ziehen ihn aus dem Regal und kämpfen hinterher damit, ihn wieder reinzukriegen. Daneben die Reclam-Hefte, die im Vergleich wie Bücher für die Puppenküche wirken.

Linas Fazit: Ein alteingesessener, traditioneller Buchladen man denkt erst mal, man sei im Antiquariat. Die Architektur ist besonders, als würde man von der Fußgängerzone aus eine andere Welt betreten. Es gibt aktuelle und sehr spezielle Sachen. Für Leute, die Bücher immer noch als Sammelobjekte ansehen. Aber auch für das ganz normale literarische Publikum.

Special-Feature: Zeitreise
 

Station 5: Lehmkuhl

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Illustration: Julia Schubert



Leopoldstraße 45: Zum Schluss der Klassiker. Trotz Büroteppich und lindgrüner Regale herrscht eine angenehme Atmosphäre. Am späten Nachmittag ist der Laden voll, ein aufgeregtes Mädchen huscht um die Schulbücher, überall steht jemand und blättert. In beiden Stockwerken geht es immer noch mal um die Ecke, die Auswahl ist riesig. Die hauseigenen Empfehlungen findet man links vom Eingang auf einem alten Flügel. Geschäftsführer Michael Lemling ist ständig im Kundengespräch, plaudert danach mit Lina über die letzte Lesung im Laden und erzählt in liebevollem Ton von den braven Schwabingern. Hinten wird es ruhiger, in der Sofaecke mit Kaffeemaschine und Blick auf den Garten sitzt ein älterer Herr und schaut aus dem Fenster. Man muss ja nicht immer lesen in einer Buchhandlung.

Linas Fazit: Für München ist Lehmkuhl eine Institution. Trotz der Größe erkennt man hier überall den persönlichen Zug. Der Laden ist fest im Stadtteil verwurzelt und engagiert sich in der Literaturwelt. Sehr gut ist das Lesungsprogramm. Eine meiner Autorinnen, Annika Reich, hat Lehmkuhl sogar in ihrem Roman auftauchen lassen als Jugendliche hat sie sich hier immer beraten lassen, weil sie so verliebt in den Buchhändler war.

Special Feature: stille Ecken

Text: nadja-schlueter - Fotos: juri-gottschall

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