Code blau

Was ist eigentlich da, wo früher mal Schlecker war? Vor drei Jahren ist die Drogeriekette aus dem Stadtbild verschwunden. Wir haben mal nachgesehen, was aus den ehemaligen Filialen geworden ist und dabei vor allem eines entdeckt: geheime Erkennungszeichen.
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Volkartstraße: Psychotherapie:

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Illustration: Julia Schubert


Was mag sich der neue Mieter dieser ehemaligen Schlecker-Filiale wohl gedacht haben? „Drücken“ muss man die Tür auch in einer Psychotherapiepraxis? Oder: „Hauptsache reinkommen“? In jedem Fall hat er das alte schleckersche Drücken-Schild an der Tür gelassen. Das legte damit einen beachtlichen Karrieresprung hin, vom Drogerieassistenten zum Pförtner des Seelenheils. Und muss dabei in Sachen Lesbarkeit nicht einmal mit dem links neben der Tür angebrachten Praxisschild konkurrieren. Aber was wissen wir schon von der Geschichte des hier waltenden Therapeuten – vielleicht steckt am Ende ja sogar eine höchstpersönliche
Nostalgie-Anekdote hinter diesem grafisch sehr interessanten Ensemble?

Tulbeckstraße: Schwanthaler Flöhe

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Illustration: Julia Schubert


Dieses experimentell-dadaistische Werk würde man jemandem, der seiner Kinderkrippe den Namen „Schwanthaler Flöhe“ gibt, zunächst nicht zutrauen. Aber es ist da und beweist einmal mehr: Irgendein Kultpotenzial scheint die untergegangene Drogeriekette zu bergen – ganz egal, wie unwürdig sich ihr Ende gestaltet hat. Bleibt nur zu klären, wo die zwei überzähligen Ks herkommen und was die Buchstabenabfolge „RKKKEHCC“ uns sagen soll.

Barerstraße: Koton Store

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Illustration: Julia Schubert


Dass ausgerechnet der Koton, ein Laden für Möbelklassiker von Designern wie Charles und Ray Eames oder Alvar Aalto, den original Schlecker-Türgriff behalten hat, freut schon sehr. Angesichts der klassischen Form kann man ja auch durchaus von einer konservatorischen Maßnahme sprechen. Die kommt allerdings im ironischen Gewand daher, das gehört ja heute zum guten Ton. Und so wurde der Griff auf der Außenseite ganz stilvoll mit goldenem Fahrradlenkerband bandagiert. Der Griff im Inneren des Ladens wurde allerdings einfach nur lackiert. Und dort bröckelt die Fassade schon ein wenig und das altbekannte Schleckerblau bahnt sich wieder seinen Weg.



Kolumbusstraße: La Sophia

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Illustration: Julia Schubert


Bei La Sophia soll es wirklich gute Pizza geben. Nudeln ebenfalls. Und sogar italienisches Frühstück, der Laden öffnet nämlich schon morgens um neun Uhr. Aber das Wichtigste: Auch hier besteht kein Zweifel daran, dass man an der richtigen Adresse ist. Der blaue Türgriff symbolisiert unmissverständlich die Zugehörigkeit zur Ex-Schlecker-Gang. Und nicht nur der. Die Betreiber haben nämlich auch das alte Namensschild aufgehoben und es vom „Sch“ befreit. Jetzt hängt es als neues, weißes „lecker“ über der Bar.

Schleißheimer Straße: Kalar Markt

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Illustration: Julia Schubert


Noch nicht offen, aber bald: der Kalar Markt. Sieht durch die Mischung aus Internet-Café und Obst-und-Gemüse-Markt verdächtig nach einem jener potenziellen „Spätis“ aus, die sich neuerdings (sehr begrüßenswerterweise) in der Stadt verbreiten. Das klassische, blaue Schlecker-Drücken-Türschild von früher durfte bleiben. Ist ja auch noch top in Schuss. Und passt hervorragend zur Kalar-Markt-Typo.

Blutenburgstraße: Sportgeschäft Biberger

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Illustration: Julia Schubert


Gehören nicht gerade jene kleinen, inhabergeführten Sportgeschäfte wie dieses zu den besonders vom Aussterben bedrohten Ladengattungen? Tja, da sehen wir mal: Schlecker hat es möglich gemacht, Schlecker hat einem mutigen Einzelkämpfer die Bahn freigeräumt. Und der Türgriff? Der hat wie zum Zeichen zarter Huldigung gleich mit dran bleiben dürfen. Blau wie Schlecker, blau wie das Meer, der Himmel – und die Hoffnung.

Text: mercedes-lauenstein - Fotos: juri-gottschall

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