„Da klebt einem schon mal der Magen zusammen“

Unzählige Boazn-Besuche haben Maximilian zum Experten für bayerische Cocktails gemacht. Ein Gespräch über Feldforschung in Maßkrügen.
josef-wirnshofer

Manche Maßkrüge strahlen blutrot, andere sind milchig-gelb. Was Maximilian Bildhauer da alles für das Publikum der Münchner Nerd Nite zusammengemixt hat, sieht manchmal durchaus trinkbar aus, mal aber auch ein wenig furchteinflößend. Kein Wunder, kommt hier doch so ziemlich alles in den Krug, was sich am Reinheitsgebot vorbeimischen lässt. Die Nerd Nite ist eine monatliche Bühne für Experten zu ungewöhnlichen bis abseitigen Themen - und nach seinen Recherchen für zwei Boaznführer für Münchner Stadtviertel hat sich Maximilian inzwischen ein beachtliches Wissen über „bayerische Cocktails“ angeeignet. Sozusagen eine Feldforschung in Maßkrügen, die er an diesem Abend vorstellt.

jetzt.de München: Maximilian, weißt du, woher die einzelnen Getränke und ihre Namen kommen, die du auf der Nerd Nite gemischt hast?
Maximilian Bildhauer: Also die Stierblut-Maß habe ich im Furtner Bräu in Freising kennengelernt, wo ich als Schankkellner arbeite. Die hat der Wirt mitgebracht, der kannte sie aus seiner Jugend in Niederbayern. Die Zutaten sind zur Hälfte lieblicher Rotwein, zur Hälfte Cola, Eiswürfel, eine Zitronenscheibe und 8cl Kirschlikör. Dann die Isar-Maß, von der gibt es mehrere Varianten. Wir haben eine gemacht, die aus hellem Bier und Orangensaft besteht. Der Clou dabei ist, dass das ja eigentlich knallgelb ist. Aber wenn du dann einen Blue Curaçao reinschüttest, wird’s grün. Wie die Isar. Außerdem gibt es eine Maß, die heißt Amper-Maß: Eine Hälfte Weißbier, ein Viertel Spezi, ein Viertel Orangensaft und dann Wodka rein. Das ergibt eine richtig braune Brühe, wie die Amper halt.

Der Fotobeweis: Manchmal trinkt Maximilian auch Bier pur.

Und welcher davon ist dein Lieblingscocktail?
Die Schnee-Maß, die habe ich im Maibaum-Stüberl in Giesing kennengelernt. Da kommt zunächst ganz viel Korn und ganz viel Vanilleeis rein. Dann noch ein halber Liter Limonade. Schmeckt pappsüß, da klebt einem schon mal der Magen zusammen. Ich würde jedenfalls keinem empfehlen, so eine Maß alleine zu trinken. Generell bestellt man diese Cocktails ja eher in einer großen Runde, wo der Humpen dann reihum geht. Außer die Goaßn-Maß, die kann man auch alleine trinken.

Woher kommt denn deine Begeisterung für solche Biermischgetränke?
Ich trinke einfach sehr gerne Bier und probiere auch immer verschiedene Marken aus. Ab und an braucht man halt ein bisschen Abwechslung und ist neugierig. So Sachen wie Radler und Russ sind ja allseits bekannt, mich interessieren eher die ausgefalleneren Varianten.

Sind dir da auch schon welche begegnet, die furchtbar geschmeckt haben?
Ja, ich habe mal beobachtet, wie jemand in einer Boazn einen Kleinen Spezi bestellt hat, woraufhin die Kellnerin ein Glas mit Spezi und Asbach Uralt aufgefüllt hat. Ich habe das dann zu Hause selber ausprobiert. War schon ziemlich grausig.

Wie sieht denn deine Beschäftigung mit dem Thema aus? Schaust du in einer Boazn immer gleich auf der Karte nach, ob es dort eine Maß gibt, die du noch nicht kennst?
Naja, so viele verschiedene gibt es gar nicht. Und eine Karte haben die meisten Boazn sowieso nicht. Ich beschäftige mich eher insofern damit, als dass ich auch selber manchmal ein paar Sachen ausprobiere.

Zum Beispiel?
Ich arbeite nebenbei noch als Pizzabäcker, und in der Pizzeria haben wir mittlerweile einen Cocktail eingeführt, den nennen wir Kreolen-Weiße. Das ist Weißbier mit ein wenig Maracujasaft, und das Weißbierglas hat einen Zuckerrand, in dem eine Orangenscheibe steckt. Das schmeckt sehr fruchtig, sehr karibisch, daher der Name.

Bekommt man so ausgefallene Biermischungen in München auch in Biergärten oder Lokalen?
Also ich glaube, die gibt’s nur in Boazn. Und da auch nicht immer. Die Laterndl-Maß ist noch am weitesten verbreitet, das ist ja nur Radler mit Kirschlikör. Aber bei der Goaßn fängt’s schon an, weil man dafür dunkles Bier braucht. Hier im Neuraum wussten die zum Beispiel gar nicht, dass es das gibt. In einer Boazn fragt man halt nach, ob die ein bestimmtes Getränk da haben, und wenn ja, dann mischen sie es dir.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe solche Getränke eigentlich immer als Land- und Hüttenphänomen wahrgenommen. Sind sie das auch?
Definitiv, auf dem Land ist das sicher noch verbreiteter als in München. Da gehen junge Leute ja auch noch in solche Kneipen, einfach aus Mangel an Alternativen. In Münchner Boazn ist das Durchschnittsalter um die 50, es sind aber hauptsächlich Jugendliche, die solche Mischgetränke trinken. Ich merke das vor allem in Freising. Das ist zwar noch nicht direkt Land, aber da gibt’s halt keine Diskothek, beziehungsweise nur ein paar und die sind schrecklich. Im Furtner Bräu haben wir deshalb am Wochenende viele Jugendliche da. Die bestellen sich alle eine Goaßn-Maß, und zwar gleich einen Dreiliter-Stiefel.

Und trinken die das, weil es ihnen schmeckt oder weil es nicht so bitter ist wie Bier?
Ich glaube erstens, weil es weniger bitter ist, und zweitens, weil es halt g’scheit rauschig und deppert macht.

Würdest du dir denn wünschen, dass es solche Cocktails in München öfter zu kaufen gäbe?
Natürlich. Also wenn ich beim Weggehen die Wahl hätte zwischen einem Munich Mule und einer Schnee-Maß, dann würde ich die Schnee-Maß nehmen. Da hat man ja auch länger was davon.

Im Juni 2013 erscheint Maximilians zweiter Kneipenführer, „Munich Boazn, Band 2: Sendling“ im Volk Verlag.

Text: josef-wirnshofer - Foto: Sebastian Lobmeier

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