Das große Glück gleich hinter Solln

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Vernünftig wäre es gewesen, um 22 Uhr ins Bett zu gehen und gleich das Licht auszumachen, aber vernünftig ist man Freitag- oder Samstagabend selten. Weshalb man immer eine viel zu kurze und wenig erholsame Nacht hatte und immer noch ein bisschen Kneipengeschmack im Mund, wenn zu nachtschlafender Zeit der Wecker klingelt und man sich zum ersten Mal an diesem Tag fragt, was man sich dabei eigentlich gedacht hat.
Entgegen jeglichem Instinkt quält man sich aus dem Bett, steigt unter die heiße Dusche und wird ein wenig wacher. Unter der Dusche untersucht man den eigenen Körper zentimeterweise auf Verletzungen oder Anzeichen einer Erkältung, die einem das Skifahren unmöglich machen und eine gute Ausrede hergeben. Die findet man natürlich nie und akzeptiert nach fünf Minuten unter dem Wasserstrahl, dass man die Verabredung mit den blöden Freunden am blöden Bahngleis tatsächlich einhalten muss.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Glücklicherweise hat man keine Zeit mehr für weitere schlecht gelaunte Kontemplationen, weil der Blick auf die Uhr zeigt, dass der Zug in einer Dreiviertelstunde geht und die Skier immer noch im Kellerabteil eingesperrt sind, genauso wie die Stöcke und die Schuhe – was immerhin den Vorteil hat, dass man weiß, wo sich die eine Hälfte der Ausrüstung befindet. Die andere, die dicken Handschuhe, die Skibrille, der sehr hässliche, aber praktische Fleece-Schal und die Multifunktionsjacke werden hektisch zusammengesucht, während in der Küche der schwarze Tee viel zu lange zieht. Dann noch schnell Zitrone und allen Zucker rein, der im Haus ist, und rein in die muffig riechende Thermoskanne.

Der Rest des Proviants wird in den Rucksack gepackt, die armen Füße werden in die Skischuhe gequetscht und dann geht es los, mit Polterschritten erst das Treppenhaus runter und dann weiter zur U- oder S-Bahn, die einen zum Hauptbahnhof bringt.

Es ist Münchens Alleinstellungsmerkmal unter den deutschen Großstädten, dass man hier nicht für verrückt erklärt wird, wenn man in voller Skimontur in die U-Bahn einsteigt. Die Leute wissen, dass man kein besonders elaboriertes Faschingskostüm trägt (obwohl es da bisweilen Überschneidungen gibt), sondern wirklich ernsthaft auf dem Weg in die Berge ist, die zum Glück kurz hinter der Stadtgrenze anfangen.

Endlich am Hauptbahnhof angekommen, muss man sich nur noch einmal quer durchs Bahnhofsgebäude quälen, an Dutzenden Fressständen vorbei und der Würstel-Versuchung widerstehen, bis man am Starnberger Flügelbahnhof ganz hinten im Eck die zwei bis vier Hanseln antrifft, mit denen man sich am Abend vorher in der Kneipe überlegt hatte, wie cool es wäre, den nächsten Tag am Spitzing, in Lenggries oder auf der Zugspitze zu verbringen.
Mittlerweile ist sogar die Sonne aufgegangen, der Zug steht bereit und jetzt beginnt der kritische Teil des Morgens: die Eroberung der Sitzplätze. Aus unerfindlichen Gründen gehen die Snowboarder immer davon aus, dass sie qua Geburt, aus Coolness-Gründen oder weil sie alle kleiner als 1,70 Meter sind, ein Anrecht auf zwei Plätze pro Person haben. Bis sich dann alles zurechtgeschuckelt hat, die Snowboarder von erfahrenen Tourengängern mit beeindruckend meliertem Schnurrbart in die Grenzen gewiesen wurden, sämtliche Skier und Stöcke verstaut wurden und alle einen Sitzplatz gefunden haben, ist die Bahn schon längst an den Siemenswerken vorbeigerauscht, und spätestens hinter Solln legt sich eine träge Ruhe über den Großraumwagen und die Gemeinde legt kollektiv ein kleines Schläfchen ein.

Aufgeweckt wird man eine Stunde später im Idealfall vom Glitzern der weißen Schneedecke, an der der Zug nun immer langsamer vorbeizuckelt auf dem Weg zur Endhaltestelle. Der Großraumwagen erwacht, die Habseligkeiten werden im Rucksack verstaut. Spätestens in Fischhausen-Neuhaus oder Obergries werden auch die coolsten Jungs etwas nervös und dann ist man da, rast um die Wette auf den Parkplatz, um auch ja einen Platz im ersten Bus zu ergattern. Was natürlich immer schief gehen muss mit den blöden Schuhen an den Füßen, also wartet man zwei Minuten auf den nächsten Bus, der einen endlich bis direkt vor den Lift karrt. Wo von nun an alles genauso großartig ist, wie man es sich gestern in Bierlaune ausgemalt hatte.

Gegen 16 Uhr werden die Glieder dann definitiv müde und die letzte Abfahrt wird schon mit wackeligen Knien absolviert. Unten angekommen hat man immer ausgiebig Zeit, seine Skier vom Schnee zu befreien, mit den Freunden jede einzelne Piste nach Fahrvergnügen und Anfängerquotient zu bewerten, bis endlich der Bus angerauscht kommt, der die Skifahrer wieder zurück ins Tal bringt.

Zum Glück wartet die Bahn schon und als sich alle wieder eingefunden haben, diesmal ganz ohne Streit um Sitzplätze, wird es wieder sehr ruhig. Eine erschöpfte und euphorische Müdigkeit macht sich breit. Dem totalen Wohlgefühl steht nur der Geruch nach feuchten Wollsocken im Wege, der binnen Minuten das ganze Abteil durchzieht.

Jetzt ist auch die Stunde des Proviant-Packerls gekommen, das geduldig den ganzen Tag auf seinen Einsatz gewartet hat. Ein bisschen zerdrückt vom obligatorischen Sturz beim Ausflug in den Tiefschnee kommt eine halbe Tafel Schokolade zum Vorschein, eine Packung Manner-Schnitten, zwei Brote sowie eine halbe Kabanossiwurst. Alles wird brüderlich geteilt und das sehr trockene Brot runtergespült mit dem viel zu süßen Tee, der jetzt endlich eine genießbare Temperatur angenommen hat.

Eine Stunde später wird der müde Haufen am Hauptbahnhof wieder ausgespuckt und obwohl man nicht genau weiß, ob man den Weg nach Hause noch schafft, macht man mit den Skifahrer-Spezln schnell noch aus, den Ausflug am nächsten Wochenende zu wiederholen. Und als man dann endlich die Ski schultert und langsam den Weg nach Hause antritt, ist man sicher: Sehr viel besser kann man es eigentlich nicht haben als in dieser Stadt.

Text: christina-waechter - Illustration: Tuong Vi Pham

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