XCess 

Heute Sonnenstraße 8, früher Jahnstraße, geschlossen im Mai 2010, neu eröffnet im Mai 2011
  
  Mit dem XCess ist es ein bisschen wie mit Chucks (als ich noch welche trug). Irgendwann waren die alten Schuhe ausgelatscht, und ich musste neue kaufen. Die mochte ich aber nicht, weil sie so strahlend weiß und neu und deshalb nicht ansatzweise so cool waren wie die alten, die ich schon auf vielen Konzerten und Partys getragen hatte. Ich gab mir deshalb Mühe, sie so schnell wie möglich wieder zu verdrecken. Das sah aber gewollt aus, richtig liebhaben konnte ich die Chucks erst wieder, wenn sich ein gewisser Grad an natürlicher Abnutzung eingestellt hatte. Spätestens dann war vergessen, dass es die alten Vorgänger-Chucks je gegeben hatte.
  Das neue XCess gab sich auch viel Mühe, an seine dreckige, verschwitzte Vergangenheit anzuknüpfen. Die Wände füllten sich schnell mit Edding-Geschmier, nach einigen Wochen klebte auch die Tapete mit den Brüsten wieder an ihrem Platz an der Wand hinter dem DJ-Pult. Aber auch hier sieht das irgendwie noch ein bisschen gewollt aus. Es lässt sich nicht verbergen, dass das neue XCess nicht das alte ist. Es ist größer, sogar mit einem zweiten Stockwerk, der Weg vom Eingang bis zur Bar ist weiter, das Mobiliar ist nicht vom Wertstoffhof, sondern frisch geschreinert, es bricht nicht mehr unter dem wippenden Gewicht der Tanzenden zusammen und sorgt damit für Jubel.
  Trotzdem: Wer gesehen hat, wie Wirt Isi am Eröffnungsabend im Mai schon vor 23 Uhr verschwitzt im Unterhemd auf seiner Theke stand und die Freude über seinen neuen Laden in die Menge schrie, der weiß: Wie früher meine neuen Chucks wird auch das neue XCess irgendwann an dem Punkt angekommen sein, an dem das alte langsam beginnt, in Vergessenheit zu geraten.
 
Ergebnis: Früher war es besser, aber in Zukunft wird das egal sein.
Schönste Neuerung: Die Biergarderobe am Ausgang. Raucher können hier ihr Getränk in nummerierte Regalplätze stellen.
Empfehlung für das neue XCess: Vorsicht auf der Treppe!

christian-helten
 

866573



Schwabinger Sieben

Heute Feilitzschstraße 15, früher Feilitzschstraße 7, geschlossen und neu eröffnet im Juni 2011
 
  Eine Baugrube hat die Baracke ersetzt, an einem Zaun hängt ein Plakat. „Vertrieben, aber nicht tot. 100 Meter.“ Darunter ein Pfeil. Wie wird sie aussehen, die neue Schwabinger Sieben? Die Antwort weiß ich längst: katastrophal. Ich bin auf das Schlimmste eingestellt, rechne mit einer Enttäuschung, glaube nicht an die Wiedergeburt. Die Sieben ist tot, der Mythos begraben! Jetzt stehe ich doch davor. Das alte Schild! Öffnungszeiten, Eigentümer, Getränkepreise – alles wie früher! Nichts wie rein. Ein Türsteher, der sitzt und grüßt. Eine Treppe führt unwiderruflich nach unten. Ein kleiner Vorraum, eine riesige Lampe, dann bin ich da. Das ist sie also, die neue Sieben. Und sie sieht aus – wie die alte, beinahe zumindest. Gott sei Dank! Schwarze Wände, dunkle Ziegel, brauner Boden. Gekerbte Tische, verbrauchte Stühle. Die afrikanischen Lichtmasken. Die Flaschen-Kerzenhalter mit Wachsmantel. Das vertraute Schummer-Licht. Die geliebte Getränkekarte. Die geschätzte Gruft-Atmosphäre. Drei laute Akkorde aus den Lautsprechern, keine drei Euro fürs Helle. Vor Glück bestelle ich einen Asbach. Auch der Tresen ist mit umgezogen, und nun zu gleich drei Seiten offen. Allgemein wirkt die neue Sieben größer, länger, höher – aber auch sauberer, schlauchiger, nicht ganz so düster, nicht so kompakt und daher etwas weniger vibrierend. Auch fehlt der Replik im Vergleich zum Original noch das Versiffte, Verlebte, Verlotterte. Die Wände sind fast frei von Kratzern, die Luft ist recht sauerstoffhaltig. Aber: Die Schankmoral ist gut, der Laden voll. „It’s so good here“, sagt ein Ire. Die Gäste sind ein Lichtblick. Viel Haar, viel Durst, viel Herz – abgesehen von dem Typen, der meine Jacke klaut. Ich stelle ihn auf der Toilette zur Rede, als er soeben systematisch die Taschen durchfilzt. Ich bin ihm dankbar, dass er den Irrtum rasch einsieht („Ach, das ist DEINE?“), und insgeheim bin ich ihm auch dafür dankbar, dass er da ist. Denn auch wegen solcher Gestalten wurde die frühere Sieben so legendär. An der Bar wird ein Hocker frei. Ich lausche Bad Religion und schlechten Herrenwitzen, während sich an meinem Rücken die Masse vorbeiquetscht. Ein Glas rauscht zu Boden. Ja, das könnte etwas werden.
 
Ergebnis: Die alte Sieben ist tot – aber die neue lebt. Und wie! Die Coverversion ist geglückt, jetzt muss der Lack noch ab. 
Schönste Neuerung: Das mächtige Silberrohr über dem Tresen – eine Bierpipeline wie aus dem Bilderbuch!
Empfehlung für die neue Sieben: Nach hinten durchkämpfen. Da ist es kuschelig, laut und warm!

florian-haas
 

Harry Klein

Heute Sonnenstraße 8, früher auf dem Gelände der Optiomolwerke, geschlossen und neu eröffnet im Jahr 2010.
 
  Das Harry Klein war für mich das Tor in eine unbekannte Welt. Techno, wie ich ihn bis 2004 kannte, war ein indiskutabler Irrwitz aus Stampfbeats, Sirenen und Ravern auf Plateauschuhen. Im Harry Klein war alles anders: Die Musik langsamer, puristischer, der Bass knetete den Magen, und Mädchen, wie ich sie tagsüber nie sah, tanzten mit geschlossenen Augen und einem wissenden Lächeln wie um ein unsichtbares Lagerfeuer.
  Minimal Techno erlebte gerade einen neuen Boom, in Berlin wurde das Berghain gegründet. Davon wusste ich nichts – aber das „Harry“, das spürte ich, war die eine dunkle, undichte Stelle im Münchner Nachtleben, durch die die Essenz einer wilden neuen Zeit einsickerte. Ich war 20 und fühlte mich wie ein Eingeweihter. Auf der Herrentoilette des Harry Klein pinkelte man damals in ein Beet aus Plastikblumen, im Vorgarten saß man mit Fremden in der Hollywoodschaukel. Der Weg dorthin war so umständlich, dass ich ihn als stolzer Neu-Innenstädter für keinen anderen Club in Kauf genommen hätte – mit der S-Bahn zum Ostbahnhof und dann über endlose Parkplätze voller Pfützen vorbei an Trinkhallen und grausigen Großraumdiscos. Komischerweise passte das aber gerade gut zum Insider-Status, den das Harry Klein für mich hatte: Zufällig kam hier niemand vorbei, der halbwegs Stil und Geschmack hatte.
  2010 ist das Harry Klein dem Weg gefolgt, den die elektronische Clubmusik mit dem Boom eingeschlagen hat: vom düsteren Rand in die grellbeleuchtete Mitte. Vom Ostbahnhof in die Sonnenstraße. Alles ist jetzt eine Nummer größer, einen Tick glatter. Um die Nachbarn nicht zu stören, hat man ein halbes Gebäude entkernt und einen freischwebenden „Schallschutzwürfel“ konstruiert – wie in der Hamburger Elbphilharmonie. Der Club ist jetzt doppelt so hoch wie früher, über der Tanzfläche hängt eine Galerie und dort sitzt die ganze Nacht ein Sicherheitsmann, der verhindert, dass Gläser oder Betrunkene runterfallen. Die Visuals an der Wand sind so hoch wie Kirchenfenster, und in einem kunstvoll verspiegelten Séparée kann man Cocktails trinken.
  Wer das alte Harry nicht kannte, kann das neue problemlos lieben; viel besser kann ein Club auch nicht sein: Die Musik ist fast immer Weltklasse, der Bass peitscht den Jeansstoff ans Bein wie eh und je. Nur die Mädchen, die mit geschlossenen Augen tanzen – die haben mit dem Umzug ihren Zauber verloren. Denn sie und ich, wir teilen jetzt kein Geheimnis mehr.
 
Ergebnis: Der Club ist in der Mitte angekommen.
Schönste Neuerung: Die Tapete mit den gefühlten 200 Augenpaaren, die aufs Pissoir glotzen und dabei ihre Pupillenfarbe wechseln.
Empfehlung für das neue Harry Klein: Knutschen am besten im Spiegelkabinett neben der Cocktailbar.

jan-stremmel


Kilombo

Heute Gollierstraße 14a, früher Senftlstraße, geschlossen im Frühling 2007, neu eröffnet im September 2007
 
  Wir glauben doch vor allem deshalb, dass früher alles besser war, weil uns die Vergangenheit nicht mehr vom Gegenteil überzeugen kann. So ist das alte Kilombo in meiner Erinnerung ein großer Sehnsuchtsort, obwohl ich auch dort genügend durchschnittliche (aber niemals richtig schlechte) Abende verbracht habe, die aber von den vielen großartigen in meiner Erinnerung weit überstrahlt werden. Bis Anfang 2007 schafften es die beiden Wirte Christian Blau und Heiko Schulte aus einer alten Augustiner-Stadtteilwirtschaft ein so besonderes Lokal zu machen, dass sich die sonst so immobilen Münchner Nachtgestalten über die Isar, den Berg hinauf und ins Niemandsland namens „Obere Au“ zwischen Giesing und Haidhausen aufmachten – eine Gegend, in der es sonst nichts gab und die mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur bedingt erreichbar war. So groß war die Anziehungskraft des alten Kilombos, dass sogar einige Menschen extra in die Gegend zogen, um näher bei ihrer Lieblingskneipe zu sein. Und wenn eine der – ein hässliches Wort, aber es muss leider sein – legendären Partys stattfand, dann warteten die Menschen in Trauben vor dem Eingang, etwa um an Neujahr immer weiter zu tanzen, eine Hawaii-Party zu feiern oder jungen Literaten beim Lesen zuzuhören.
  Aber es waren gerade nicht die großen Veranstaltungen, die die Anziehungskraft des Kilombos ausmachten, sondern die ruhigen Sonntage, die dann doch erst mit der Sperrstunde endeten oder die vollen Freitage, an denen ein Schnitzel nach dem nächsten aus der Küche ging und die Köche schon anfingen zu maulen, weil sie keine Lust mehr aufs Panieren hatten. Und dann war es irgendwann vorbei. Die Gründe waren mannigfaltig und gut nachvollziehbar. Und trotzdem war es furchtbar traurig, dass dieser besondere Ort auf einmal nicht mehr da sein sollte. Stattdessen machte an selber Stelle kurz darauf der „Stolz von der Au“ auf, der dann dem schwierigen Viertel bald wieder den Rücken kehrte. Heute ist in den alten Räumen das „Laab“ zuhause. Noch. Denn vor kurzem wurde das Haus verkauft – nicht mehr die Augustiner Brauerei, sondern ein Bauinvestor ist nun Besitzer.
  Das Kilombo aber war nur ein halbes Jahr weg, dann eröffnete Wirt Christian Blau im Westend eine neue Ausgabe, diesmal alleine und kleiner. Das neue Kilombo ist nicht einmal halb so groß wie das alte, es gibt keine warme Küche mehr und die Gäste werden auch nicht mehr am Tisch bedient. Es ist anders. Und es funktioniert trotzdem hervorragend. Immer noch legen verschiedene DJs Musik auf, die man sonst nirgends zu hören bekommt. Und immer noch schafft es Wirt Christian Blau, eine unglaublich angenehme Atmosphäre zu verbreiten und die richtigen Gäste anzulocken. Das neue Kilombo ist wieder die beste aller anzunehmenden Nachbarschaftskneipen geworden. Nur schade, dass es nicht mehr in meiner Nachbarschaft liegt.
 
Ergebnis: Erst sind die Nachtschwärmer in die Obere Au gelatscht, jetzt latschen sie ins Westend. Ist ja alles ungefähr gleich weit vom Glockenbachviertel entfernt.
Schönste Neuerung: Im neuen Kilombo sitzt man auf den alten Stühlen aus dem Sitzungssaal des Rathauses.
Empfehlung für das neue Kilombo: Essen kann man sich wie im Biergarten einfach selbst mitbringen oder vom Wirt in den umliegenden Restaurants bestellen lassen.

christina-waechter