Des Banknachbarn fesche Kleider

Ob Mini-Dirndl, Verkleidungsverweigerung oder Motto-T-Shirt: Wiesn-Outfits verraten - freiwillig oder unfreiwillig immer auch eine ganze Menge über ihre Träger. Wie praktisch! Eine Handreichung für deinen nächsten Festzeltbesuch
christina-waechter
Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Das Karohemd mit Halstuch und Kniebundlederhose

Die Botschaft:
Ich bin gleichzeitig seriös, heimatverbunden und offen für jeden Spaß – solange der sich in legalen Grenzen abspielt. Das Rudel da hinten, das sind übrigens meine Verbindungsbrüder / mein JuLi-Ortsverband / meine adeligen Mitbrüder und -schwestern. Aber keine Angst, die tun nichts, die wollen bloß spielen.

So viel wird heute noch vertilgt:
 vier bis fünf Maß, der obligatorische Brotzeitteller mit Gurke zum Der-Kellnerin-ins-Dekolletee-Schmeißen, ein Hendl, ein Bissen vom Lebkuchenherz der Nachbarin (Ha! Scherz!), vier Wodka und ein Glas Wein im Weinzelt.

Was taugt die Person als Banknachbar?
Wenn man sich dem echten Wiesn-Erlebnis hingeben möchte, dann sollte man seine Vorurteile zu Hause lassen und den Menschen so nehmen wie er ist: ein Feierbiest mit Neigung zur fiesen Attacke. Aber solange man als Geistesmensch geistesgegenwärtig bleibt und keine der anwesenden Damen angräbt, kommt man bestimmt unverletzt aus dem Schottenhamel raus.

Nicht zu verwechseln mit:
 den Buben vom Trachtenverein Sigmatingen, die einen Betriebsausflug veranstaltet haben, um sich einmal anzuschauen, was in der großen Stadt die Maß so kostet.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Die zugeschnürte Dirndl-Traditionalistin

Die Botschaft:
Die Trägerin des wadenlangen Dirndl kann dir aus dem Stegreif den Stammbaum ihres Dirndls herunterbeten und erklären, warum die kurzen Dirndl den Untergang des Abendlandes beschleunigen. Sie möchte wirklich gerne, dass du ihr auch glaubst, wenn sie erzählt, dass ein Dirndl für sie keine Faschingsangelegenheit ist, sondern etwas mit ihrer Herkunft und Tradition zu tun hat . Eigentlich ist sie aber einfach nur zu schüchtern für das Tittendisplay.

So viel wird heute noch vertilgt:
 zwei Maß, ein Hendl, gebrannte Mandeln und ein Schnaps (aus Versehen).

Was taugt die Person als Banknachbar?
Die traditionelle Waden-Dirndl-Trägerin wird mit zunehmendem Alkoholpegel unterhaltsamer. Leider ist sie so kontrolliert, dass sie dann geht, wenn es interessant wird. Immerhin: Der Platz wäre dann frei für deine Spezln, die schon seit einer Stunde per SMS nerven.

Nicht zu verwechseln mit:
dem stolzen Trachtenvereinsmitglied, das zu jeder der silbernen Haarnadeln eine Geschichte zu erzählen und sich für sie auch verschuldet hat.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert

 
Der Motto-T-Shirt-Träger

Die Botschaft:
 Das ist jetzt mal wirklich nicht schwer zu entziffern. Lies halt, was auf dem Shirt steht. „Weeeezn Oida!“ zum Beispiel, oder „YOLO, Oktoberfest 2012!“ Ganz allgemein gesprochen will der Motto-T-Shirt-Träger sich gerne dem Anlass entsprechend kleiden, hat aber immer noch ein wenig Angst davor, beim Trachtenfasching völlig ironiefrei mitzumachen. Weshalb er sehr glücklich ist, dass die Marktlücke endlich geschlossen wurde und es seit diesem Jahr echt coole Wiesn-Motto-Shirts in kleinen Auflagen gibt.

So viel wird heute noch vertilgt:
<slso mindestens drei Maß, eine große Breze, eine Ochsenfleischsemmel, zwei Heringssemmeln, ein Packerl Magenbrot, zwei Obstler, und ein Wodka-Redbull (verdammt!). Vielleicht noch mehr, je nachdem, wie weit einem der Weg von der Festwiese zur Ruby Bar in Schlangenlinien vorkommt.

Was taugt die Person als Banknachbar?
Die ist super. Die erste Maß kannst du damit verbringen, die kryptischen Botschaften auf dem Shirt zu entziffern. Sobald eure Zungen etwas gelockert sind, könnt ihr die nächsten zwei Maß über die Gentrifizierung im Glockenbachviertel und Untergiesing und den Mietenwahnsinn debattieren. Danach sofort verbrüdern und auf Facebook anfreunden, der ist schließlich in seiner Freizeit DJ!

Nicht zu verwechseln mit:
deinem lustigen Onkel, der beim Grillen immer das „Bier formte diesen wunderschönen Körper“-Shirt anzieht.



Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Die Dekolleteemamsell

Die Botschaft:
„Dirndl! Warum ziehe ich die eigentlich nicht jeden Tag an?“, denkt die Dekolleteemamsell jeden Herbst, wenn sie wieder ihre superkurze Sexyhexy-Tracht aus dem Schrank holt und die Brüste hochschnürt. Mit keinem anderen Kleidungsstück kann sie die besten Argumente für sich selbst so deutlich hervorheben wie mit dem Dirndl. Außer mit der Mini-Lederhose, wenn ihre Argumente eher im Beinbereich ziehen...

So viel wird heute noch vertilgt:
Weil sie ja so wenig wiegt und Kohlehydrate meidet wie der Teufel das Weihwasser, gar nicht so viel: Mit eineinhalb Radlermaß, einem halben Hendl, einer halben kleinen Breze und gebrannten Mandeln ist die Dekolleteemamsell schon bedient.

Was taugt die Person als Banknachbar?
Einiges! Das Tittendisplay wirkt schließlich auch in diesem Jahr wie geschmiert, weshalb binnen kürzester Zeit euer Tisch der gefühlte Mittelpunkt des Universums wird.

Nicht zu verwechseln mit:
den amerikanischen Touristinnen, die es nicht besser wissen können.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Der Behängte / Boris Becker

Die Botschaft:
Auch wenn ich aus einer Kleinstadt in Hessen stamme – im Herzen bin ich ganz Bayer. Vor allem, wenn die Getränke in diesen Maßen daherkommen. Deshalb habe ich mich auch dem Anlass entsprechend gekleidet, wie ich mir in meiner Fantasie die Bayern eben vorstelle: Mit viel rustikalem Gewirke, sogenannten Hafenschuhen und einem Leinenhemd vom Mittelaltermarkt.

So viel wird heute noch vertilgt:
Wenn das so zünftig weitergeht, kann der Behängte für nichts garantieren. Dazu einen Schweinsbraten mit Kartoffelknödel.

Was taugt die Person als Banknachbar?
Viel! Nicht selten rutscht ihm vor lauter ethnologischem Entzücken der Geldbeutel aus und er bestellt eine Runde für den ganzen Tisch. Weil es grad a so griabig ist. Gri-a-big. Hat er schon wieder ein neues Wort gelernt.

Nicht zu verwechseln mit:
dem aktuellen Drittplatzierten irgendeiner Castingshow eines Privatsenders, Paris Hilton.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Die Kapuzenjacken-Jeans-Trägerin

Die Botschaft:
Mit mir nicht! Die Jeans-Trägerin weiß schon, dass ihr ein Dirndl sehr gut stehen würde, wie ja generell jeder Dame, aber sie verweigert sich diesem Verkleidungsterror trotzdem. Weil sie cool ist und es schon war, als cool sein noch bedeutete, in Jeans zur Wiesn zu gehen. Überhaupt: Wenn sie könnte, würde sie dir auch am Wiesntisch einen Vortrag darüber halten, wie diese Traditionsmeierei im Prinzip nur der CSU in die Hände spielt und borderline-nationalistisch ist. Sie kann aber nicht, weil die Musik schon wieder viel zu laut irgendeinen Bums-Scheiß spielt ...

So viel wird heute noch vertilgt:
Da geht noch was, heute. Die Jeansträgerin verweigert sich vielleicht der Tracht, nicht aber der Maß. Zweikommafünf Maß Bier, ein Wodka-Red-Bull (was ist da nur schief gegangen?!?), ein halbes Hendl aus Vernunft, eine ganze große Breze aus Vernunft und ein Stück Magenbrot, das sie auf dem Sitz ihres Autoscooters gefunden hat.

Was taugt die Person als Banknachbar?
Wenn sie endlich fertig ist mit ihren Au-thentizitäts-Rechtfertigungen, kann die Jeans-Trägerin richtig aufdrehen. Außerdem kennt sie auch die Uralt-Wiesnhits und die schrägsten Vögel (Stichwort Subkultur).

Nicht zu verwechseln mit:
dem Totalverweigerer, der sich nur ins Bierzelt verirrt hat, obwohl er doch eigentlich nur schnell Schafe auf der Landwirtschaftsausstellung streicheln wollte.


Text: christina-waechter - Illustration: Katharina Bitzl

  • teilen
  • schließen