Die Haupttribünen der Stadt

Wo man den Kampf um den Ball gern vorm Bildschirm verfolgt: Münchner Fußballkneipen für Romantiker, Clubgänger und Fans obskurer Nord-Vereine.
martin-schneider

Bundesliga und Championsleague gehen in die entscheidende Phase. An Spieltagen macht sich deshalb spätestens eine Stunde vor Spielbeginn an manchen Orten der Stadt eine hektisch-gespannte Stimmung breit. Menschen mit roten oder blauen Trikots strömen in die Kneipen und Bars, vor der Tür wird schon die Aufstellung diskutiert. Zu Hause Fußballschauen ist langweilig, nur in der Kneipe kommt ein bisschen Stadion-Ersatzstimmung auf – außerdem kann man ohnehin nicht jedes Mal den Freund mit Pay-TV-Abo anrufen und um eine 90-minütige Audienz bitten. Eine Auswahl der Münchner Fußballkneipen.

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Illustration: Julia Schubert



Das Stadion an der Schleißheimer Straße
Das erwartet dich: Das Stadion ist eine mit Fußballreliquien vollgepackte Kneipe, die über München hinaus bekannt ist und einen gewissen Kultstatus innehat. An den Wänden hängen Trikots und Schals statt Tapeten. Im hinteren Bereich sind drei Reihen mit Stadionsitzschalen aufgebaut, an der Decke ist eine Mannschaftsaufstellung befestigt, unter anderem mit Bildern von Mario Basler, Ansgar Brinkmann und Wolfram Wuttke. Dazu Trikots, Bälle, Autogrammkarten. Würde Bastian Schweinsteiger einen gebrauchten Schienbeinschoner vorbeibringen, er würde auch an der Wand landen.
Gezeigt wird: Alles, was mit Fußball zu tun hat. Bei mehreren Optionen entscheidet die Mehrheit der Gäste. Dazu gibt es das Stadion-Bier: 0,5 Liter Helles für 3,40 Euro.
Wer sollte hier gucken: Paninibildchen-Sammler, Stehplatzsteher, 11 Freunde-Abonnenten und Leute, die sich bei der Partie SC Paderborn gegen den FSV Frankfurt nicht angewidert schütteln. Fußballromantiker eben.

Das Substanz
Das erwartet dich: Das Substanz ist nicht nur Kneipe, sondern auch ein Indie-Club. Das bedeutet: schwarze Wände, keine Fenster, ein DJ-Pult und eine Bühne. Wenn Fußball läuft, wird vor der Bühne eine Leinwand heruntergelassen und ein HD-Beamer ausgepackt. Auf der Tanzfläche stehen bei Übertragungen Bierzeltgarnituren, der Koch geht persönlich durch die Reihen und fragt nach, ob noch jemand ohne Currywurst oder Schnitzel ist. Dazu gibt es das 0,5er Helle für 3,60 Euro. Trotz AC/DC-Flipper kommt auch der urbayerische Grantler vorbei und beschwert sich über die „Fuddlerei von Ribberie“.
Gezeigt werden: Bayern- oder 1860-Spiele.
Wer sollte hier gucken: Clubgänger, die nach dem Spieltag gleich an der Bar sitzen bleiben wollen, um sich einen Poetry-Slam zu genehmigen. Wenn man nach Abpfiff eines Nachmittagsspiels nicht bis zum Anbruch der Dunkelheit bleiben will, ist der Gang ans Tageslicht nach 90 Minuten Fußball im düsteren Substanz nämlich eine Tortur.

Die Clemensburg
Das erwartet dich: Eine Fußballkneipe wie aus dem Fußballkneipenlehrbuch. Früher war die Clemensburg verraucht, eng, mit schwarzen Wänden, runden Wirtshaustischen und schummrigem Licht. Heute in Zeiten des Nichtraucherschutzes ist die Luft rein, aber der Charme ist glücklicherweise immer noch da und die Clemensburg verwandelt sich an Spieltagen zur überfüllten BVB-Fankneipe. Es gibt zwei Fernseher, einen kleinen und einen mittelgroßen. In einer Ecke hängen zwei extra ausgeleuchtete Dartscheiben mit grüner Filzumrandung, für Pfeile, die nach drei Hellen (3,20 Euro) doch nicht ganz sicher die Triple-Zwanzig getroffen haben.
Gezeigt wird: Jedes Spiel von Borussia Dortmund. Wenn der BVB nicht spielt, läuft der FC Bayern. Fun-Fact: Die heutige BVB-Fankneipe war bis 2010 der Treffpunkt für Münchner Schalke-Fans.
Wer sollte hier gucken: Wenn der BVB spielt: Dortmund-Fans. Ansonsten der richtige Ort für Freunde des gepflegten Bieres und klassischer Wirtshausatmosphäre.

Der Königliche Hirschgarten
Das erwartet dich: Gefaltete Stoffservietten, eine holzvertäfelte Decke, weiße Tischdecken und mehrere Gabeln auf dem Tisch. Der königliche Hirschgarten liegt am Rande des gleichnamigen Parks, direkt hinter einem Wildgehege für Dammhirsche. Im edlen Ambiente wird aber tatsächlich Fußball übertragen. Statt Stadionwurst gibt es zum Beispiel Ente mit Kartoffelknödeln und Blaukraut. Bei einem Sieg steht der Hauschampagner bereit (45 Euro die Flasche). Natürlich bekommt man aber auch ein Helles (3,40 Euro). Im Sommer ist der 8000 Sitze große Biergarten geöffnet. Es gibt Fußballstadien in Deutschland, die sind ähnlich groß.
Gezeigt werden: Natürlich nur die wichtigen Spiele, also Nationalmannschaft, Champions League oder Bayern. Die Niederungen des normalen Bundesligafußballs laufen woanders.
Wer sollte hier gucken: Edelfans und Haupttribünensitzer. Und alle, die sich nicht zwischen Besoffenen den Blick zum Fernseher freikämpfen wollen.

Das Balan
Das erwartet dich: Freibeuter-Flaggen, braune Trikots und Menschen in Weltpokalsiegerbesieger-T-Shirts. Manche Gäste werden sich dir als „asoziale Zecken“ vorstellen, die „unter Brücken“ oder „in der Bahnhofsmission“ schlafen. Willkommen in einer St.Pauli-Fankneipe. Wirtin Doro ist Fan des linksalternativen Hamburger Stadtteilclubs und zeigt alle Spiele der Paulianer. Das Balan öffnet erst um 18 Uhr, Samstags und Sonntags wegen der frühen Anstoßzeiten teilweise auch schon um 13 Uhr, und schließt bereits um 23.30 Uhr. Wer sich betrinken möchte, sollte seine Hellen (0,5 für 3 Euro) also zügig stürzen. Wobei der echte Pauli-Fan sowieso Astra trinkt (auch vorhanden). Gezeigt wird: Spielt Pauli nicht, läuft Bayern oder 1860. Spielt keiner der drei Vereine, entscheiden die Gäste. Aber immer in der Einzeloption. Konferenz kommt Doro nicht ins Haus.
Wer sollte hier gucken: Pauli-Fans, Pauli-Fans und Pauli-Fans.

Text: martin-schneider - Foto: Juri Gottschall

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