Matthias musste mal – so profan soll es begonnen haben mit der Partyreihe „Tam Tam“: Auf der Suche nach einer Toilette bei einem verkaterten Sonntagsspaziergang sei er auf eine Kritzelei an einer Hauswand gestoßen. „Die Aufschrift TAM TAM und ein Pfeil brachten mich auf die Idee für meine Veranstaltungen“, erzählt er, „und zum Glück auch zu einer öffentlichen Toilette.“ Matthias war gerade von einer einjährigen Südamerikareise zurückgekehrt. „Da geht man aufmerksamer durch die Welt“, sagt er. Ein privater Schicksalsschlag hat ihm und seinem Freund Richard den entscheidenden Anstoß gegeben, die gemeinsame Idee einer außergewöhnlichen Partyreihe in die Tat umzusetzen.

Deshalb machen Matthias Stadler und Richard Flikowski schon seit über einem Jahr gemeinsam „Tam Tam“ mit Partys in München, Passau, Regensburg und Deggendorf. Spontan und zwanglos sollen die Feiern sein, etwas Besonderes, mit Live-Strick-Performances, experimentellen Ausdruckstanzeinlagen und so exotischen Getränken wie kirgisischer Stutenmilch.

Unter dem gleichen Label gibt es jetzt auch ein Magazin der beiden Studenten, die sich schon aus der Grundschule kennen: Im gedruckten „tamtam“ dreht sich alles um kreative Menschen aller Kunstrichtungen. Ganz bewusst haben Richard und Matthias ihr Magazinkonzept so offen gelassen: „Was zusammen passt, das fügt sich, von jungen Wilden bis zu alten Weisen“, findet Matthias. „Wichtig ist uns einzig die Freude am Ausleben.“ Egal ob Musiker, Fotograf oder talentierter Schreiber: Niemand soll in ein Schema gepresst werden.

Entsprechend vielfältig sind die vorgestellten Künstler in der ersten Ausgabe gewählt: Die in Berlin lebende Fotografin Caterina Roncho zeigt einige ihrer provokant-lasziven Nacktbilder. Die studierte Kommunikationsdesignerin Christin Zwarg aus München steuert einige ihrer Gemälde bei: überdimensionale Köpfe in düsteren Farben. Ein Acid-Hop-Produzent, der sich „Krach der Roboter“ nennt und als DJ im Roboterkostüm in Clubs performt, beschreibt sich selbst und „freut sich über jeden unvoreingenommenen Gehörgang“, wie er schreibt. Dazwischen findet sich Lyrisches, Freches und Informatives, ein Text über den Kunstmarkt in Goa und satirische Seitenhiebe auf den klassischen Kunstbetrieb.

In der Türkenstraße, inmitten von Künstlern und Kreativen, haben Matthias und Richard ihr Büro. Stolz halten die beiden ihr Magazin in den Händen. Drei Monate voller Arbeit an dem Heft liegen hinter ihnen. Vor allem Industriedesignstudent Richard hat viel Energie in „tamtam“ gesteckt, Layout und Illustrationen entworfen und Künstler mobilisiert. Außer Matthias, der sich mehr um die gemeinsamen Partys kümmert, hat ihn noch seine Kommilitonin Elvira Bernhardt unterstützt. Gerade erst ist die erste Ausgabe von „tamtam“ aus der Druckerei gekommen: 60 Seiten hochglänzendes Papier. Auf dem Cover sieht man ein rätselhaftes Fantasiewesen, eine Mischung aus Affe, Mensch und Insekt, mit einem Burger in der linken Hand und einem iPhone in der rechten.

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Bei dem Wesen handelt es sich um „Wulpi“, einen „tamtam-Wolpertinger“, wie sein Schöpfer Richard erklärt. Solche Mensch-Tier-Collagen durchziehen das ganze Heft. „Sie verkörpern die Diskrepanz zwischen dem Schöngeistigen der Kunst und dem Feiern, wo sich die Menschen oft tierisch benehmen, die Sau raus lassen“, sagt Richard.

Auch sonst spiegelt sich der konsequent offene Kunstbegriff von „tamtam“, die Symbiose von Party und Kunst, in der Optik des Magazins: immer ein wenig wild. Als gelernter Glasgestalter hat Richard versucht, weitestgehend unabhängig vom Computer an der Gestaltung des Magazins zu arbeiten und sein handwerkliches Können einzusetzen anstelle der üblichen Layout-Programme. „Wenn man mit dem Computer arbeitet, bekommt man eine ganz eigene Ästhetik, die sich seit zehn Jahren kaum verändert hat. Ich mag es lieber verspielt und nicht ganz so steril“, sagt er. Matthias ergänzt: „So suche ich auch immer die Veranstaltungsorte für die Partys aus: gegen das Glatte, das Sterile. Sie müssen ein bisschen dreckig sein, zeigen, dass dort etwas passiert ist.“ Wo tamtam draufsteht, da steht eben Chaos auf dem Programm.

Alles überlassen die Studenten dann aber doch nicht dem Zufall. Werbung wollten sie in ihrem Magazin nicht. „Da bleibt man unabhängiger“, sagt Richard. Ein paar Gutscheine haben sie vorab verkauft, auf dem Flohmarkt Geld gesammelt. Die restlichen Kosten müssen sie jetzt mit dem Verkauf wieder reinholen.
Fünf Euro kostet das tamtam-Magazin und wird ab sofort in Münchner Galerien ausliegen. In Zukunft wollen Richard und Matthias viermal im Jahr ein neues Heft herausbringen. Wer will, kann – ganz im Sinne ihrer tamtam-Philosophie – einfach mitmachen.

Text: kristina-machalke - Foto: Kristina Machalke