Es gibt Orte in der Stadt, sagen wir mit einem Brunnen darauf und von Bänken gesäumt, die sind eigentlich schön. Man steht da, guckt eine Weile und denkt genau das: Eigentlich gar nicht schlecht hier. Warum nur bin ich nie hier? Ach, denkt man weiter, ein anderes Mal vielleicht, und wieder geht man seiner Wege und setzt sich natürlich auch ein anderes Mal nicht hin.
 
Denn das ungeschriebene Gesetz lautet nun mal: Da, wo alle sein wollen, muss es wohl auch am schönsten sein. Und schon sind all jene Orte, an denen es sich nicht so sehr drängt, zu den hässlichen Entlein des öffentlichen Raumes diskreditiert.

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Der Vater-Rhein-Brunnen zwischen Praterinsel und Deutschem Museum
 
Vielleicht gibt es speziell in München zu viele schöne Orte, so dass die, die nur ein kleines bisschen weniger schön oder anders schön sind, zu schnell vergessen werden. Und vielleicht stimmt es ja sogar: Vielleicht ist es im Vergleich zu den eindeutig Schönen auch ein winziges bisschen zu schattig oder zu schmutzig oder zu wenig zentral und deshalb lässt sich eben nur selten jemand genussvoll nieder und bringt alle seine Freunde mit.
 
Und so schwebt dann eine leicht ungute Stimmung über dem Platz. Und mit ihr die Frage, wie sie eigentlich da hingekommen ist, diese Stimmung: Wer war zuerst da, Stimmung oder Müll und Trinker? Ist es der Ort an sich, der schuld an seiner Dynamik ist? Kommt es nicht maßgeblich auf sein Publikum an? Wenn nur genug nette Menschen auf eine ganz bestimmte, wohlige Art und Weise darauf rumsitzen und ihm Leben einhauchen, dann ist doch jeder Platz gemütlich, oder?
 
Lösen kann man dieses Rätsel wohl nur, indem man es ausprobiert. Die vergessenen Orte bergen ja auch den schönen Gedanken, dass selbst in der jahrelang bewohnten Stadt nie schon alles gesehen, alles abgegrast, alles abgelebt und durchgespielt ist. Dass sich die Standbeine des eigenen Stadtbildes immer auch noch mal verschieben könnten. Dass der Alte Botanische Garten der neue Gärtnerplatz sein kann, oder der Finanzgarten der neue Alte Nördliche Friedhof – wenn nur einer anfängt, es mal auszuprobieren. Und dass von da aus die Stadt dann plötzlich wie eine ganz andere aussieht und alles neu ist, obwohl man gar nicht umgebaut hat.

Neptunbrunnen am Alten Botanischen Garten

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So ist es hier: Voller Hasen und schöner Blumen und Parkcafé-Biergarten-Hintergrundgeräuschen. Allerdings liegt hier, am Alten Botanischen Garten, auch eine Schmuddeligkeit in der Luft. Die Dichte der aggressiv gelangweilt dreinschauenden Menschen mit Discounter-Plastiktüten und der um jede Ecke wabernde Alkohol-, Kippen- und Schweißdunst verleihen diesem Ort keine sehr heimelige Atmosphäre.
 
Das könnte man draus machen: Den cooleren, ruhigeren, entspannteren Stachus. Wegen des weniger aufgeregt sprudelnden Erfrischungsbrunnens. Und weil man hier zwischen Maxvorstadt, Hauptbahnhof und Stachus fast noch zentraler und um ein Vielfaches prächtiger herumsitzt, vor allem angesichts des geradezu budapesterisch anmutenden Justizpalastes gegenüber. Es bräuchte halt nur eine Art, na ja, „Publikumsinitiative“. Bisher haben die Schönheit dieses Parks offenbar nur jene entdeckt, die müde vom Pöbeln vorm Hauptbahnhof waren. Vielleicht kriegen sie ja bessere Laune, wenn man ihnen ein paar junge, fröhliche Menschen zum Sitznachbarn macht.

Finanzgarten am Hofgarten

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So ist es hier: Zwischen Hofgarten und Englischem Garten liegt der Finanzgarten, dessen zweiter Name viel bezeichnender ist: Dichtergarten. Er wirkt etwas vergessen und entsprechend märchenhaft verwildert, aber auf eine gute Art. Die hügeligen Wege und saftig-grünen Lichtungen geben einem das starke Gefühl, durch ein sommerliches Waldstück zu gehen. Und es gibt sogar eine alte Grotte, die zu Ehren Heinrich Heines mit einer Bronzefigur und einem winzigen Brunnen ausgestattet wurde. Leider fehlen auch hier Mülleimer, weshalb die meisten ihren Dreck da ablegen, wo sie sich persönlich einen vorstellen könnten.
 
Das könnte man draus machen: Die Geheim-Rumhängalternative zum Hofgarten und den perfekten Lese- und Kurzwandelort für zwischendurch. Man müsste eben ein paar Mülleimer spendieren und in der Heine-Grotte mal feucht durchwischen. Aber dann wäre alles wieder fein.



Unterer Vorplatz des Friedensengels

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So ist es hier: Die Aussicht ist natürlich von oben besser, deshalb ist der Platz hier unten schon von Natur aus nur die zweite Wahl. Aber er ist weit und dauernd sonnenbestrahlt und die Isar ist gleich nebenan. Außerdem gibt es zwei ziemlich hübsche, wie gespiegelt daliegende Gärten links und rechts, mit jeweils einer geheimnisvoll unzugänglichen aber immer frisch gemähten Wiese in der Mitte. Im Zentrum des Platzes sollte eigentlich stets ein Springbrunnen in die Höhe schießen, der in diesem Jahr offenbar aussetzt. Und dann gibt es natürlich noch den geheimen Tunnelgang, der einem vom Isar-Spazierweg erst den Zugang zu diesem schönen Ort ermöglicht.
   
Das könnte man daraus machen: Zum Beispiel die beiden Brunnen wieder einschalten. Das Unkraut zwischen den Pflastersteinen wegzupfen und abends ein schöneres Licht anmachen. Die beiden erstaunlich streng gepflegten Gärten links und rechts sind bis jetzt nur Versteck für garantiert unbeobachtete Knutschende oder Beziehungsbeender. Sie könnten aber, öffnete man Rasenflächen, der perfekte Ort für Sommer-Raves oder ähnlich gesellige Freiluftveranstaltungen sein (das volkstümliche, jährlich hier stattfindende „Friedensengelfest“ blenden wir jetzt mal freundlich aus).

Maximiliansplatz

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So ist es hier: Dunkel und baumgesäumt wie auf einem Waldcampingplatz. Dazu sehr laut durch die Straße nebenan. Der dunkel angelaufene, germanische Nornen-Brunnen mit seinen groben, strengen Figuren verbreitet eine ähnlich positive Stimmung wie ein Beichtstuhl, und der herumliegende Müll hat angesichts der beiden lauten Straßen links und rechts etwas leicht Autobahnraststättiges.
   
Das könnte man draus machen: Weil an Straßenlärm und fehlender Aussicht nichts zu machen ist, muss mit geselliger Atmosphäre aufgetrumpft werden. Die direkt benachbarte Rote Sonne sollte sich im Tagesbar-Segment versuchen und hier ein jüngeres Pendant zum Café Luitpold und dem Oskar Maria eröffnen. Dazu ein kleiner Straßenkiosk für alle, die im Rest des Parks auf ihrer eigenen Decke rumsitzen wollen, und schon würde der gesamte Platz die uneitlere und vor allem grünere Alternative zur goldbestaubten Briennerstraße und dem Promenadeplatz.



Nussbaumpark am Sendlinger Tor

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So ist es hier: Aufgeräumt und sauber. Es gibt einen großen, modernen Spielplatz und ein Bodenschachbrett, schöne Pflanzen und sanfte Hügel. Leider schneidet ein Asphaltweg, der im Verhältnis zum Park breit wie eine Autobahn wirkt, den Park etwas unschön in zwei Teile.

Das könnte man draus machen: Die grüne Ruhepause abseits von Sendlinger-Tor-Marktbuden, Alpen-Imbiss und Krankenhausviertelsterilität - und den idealen Freiluft-Radler-Trink-Platz, wenn die Terrassen von Loretta-Bar, Aroma-Café und Konsorten schon wieder seit dem Vormittag hoffnungslos überfüllt sind.

Vater-Rhein-Brunnen


So ist es hier: Links und rechts treibt glitzernd die Isar vorbei, es gibt Bänke, es gibt einen großen, hellen Brunnen, auf dessen Rändern man sitzen und die Füße reinhängen könnte. Und weiter hinten kommt gleich die Praterinsel. Aber es gibt hier, auf der Verlängerung der Museumsinsel, eben auch das vor Dreck starrende Schild mit dem Namen des Brunnens. Und die „Hier kein Winterdienst“-Schilder – mitten im Sommer. Moos auch. Viel! In Summe also das Gegenteil von Detailverliebtheit.
 
Das könnte man draus machen: Zum Beispiel das Schild mit dem Namen des Brunnens mal putzen. Ein paar Mülleimer aufstellen, Unkraut zupfen und Treppe und Steine von Moos und schwarzem Dreck reinigen. Den Brunnen ordentlich auffüllen und beleuchten und die Beete, in denen jetzt Rattengiftfallen stehen, zumindest ein bisschen bepflanzen. Dann könnte man mit dem sommerlichen Abendbier im Rucksack glatt mal vom Gärtnerplatz hierher abwandern.

Text: mercedes-lauenstein - Fotos: juri-gottschall