Die Vier des Versagens

Seine Allgemeinbildung hat unser Autor bisher für halbwegs solide gehalten. Dann nahm er gemeinsam mit seiner Freundin an einem Quizabend in einem Irish Pub teil.
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Fußballweltmeisterschaft 1986, Viertelfinale, Mexiko-Stadt. Diego Maradona bekommt den Ball irgendwo im Mittelfeld, er schaut sich kurz um, dann dribbelt er los, um Geschichte zu schreiben. Er geht am ersten Gegner vorbei, am zweiten, dritten, vierten, dann spielt er ab. Irgendwer grätscht in seinen Pass, bolzt den Ball aber unkontrolliert in den eigenen Sechzehner. Maradona spurtet der Kugel hinterher, springt hoch, verdammt hoch für einen Einmeterfünfundsechzig-Mann, und wuchtet die Kugel über den Torwart. Mit der Hand, der „Hand Gottes“, wie er später zu Protokoll geben wird. Die Bilder rauschen mir durch den Kopf in diesen Sekunden, es ist fast so, als wäre ich dabei gewesen. Maradonas Argentinien spielte an dem Tag in Himmelblau. Doch wer, verdammt noch mal, spielte in Weiß? Italien? England? Frankreich? Gar Deutschland? Und vor allem: Wissen das die neunmalklugen Grünschnäbel von den „Stustis“?

Vierte Runde, Frage sieben beim „Table-Quiz“ im „Ryan’s Muddy Boot“, einem kleinen, verwinkelten Irish Pub in Neuhausen. Lass die erst einmal aus, denke ich, das wird dir schon noch einfallen – oder? Quizmaster Dave stellt die letzten drei Fragen des Abends, doch ich höre gar nicht mehr so genau hin. Ich bin im Aztekenstadion und zweifle an meinem Fußball-Fachwissen. Nein, ich verzweifle. Dass ich nicht weiß, welche Tiere im Alten Testament sprechen – geschenkt. (Na gut, auf die Schlange hätte ich schon kommen können, auf den Esel nicht unbedingt.) Bei Frage sieben aber geht es um Fußball, und damit um die Ehre.

Verflucht seist du, Quiz-Abend. Rüttelst an meinem Selbstbewusstsein, trampelst auf meiner mangelhaften Allgemeinbildung herum, und da verstehe ich, gerade als Journalist, nun mal keinen Spaß. Ein bisschen zumindest bilde ich mir schon auf meine Allgemeinbildung ein. Schließlich konsumiere ich tagtäglich so viele Medien, da muss doch etwas hängen bleiben. Doch was, wenn dieses Wissen mal abgefragt wird und das Internet nicht weiterhilft, wie bei diesem Pub-Quiz?

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Illustration: Julia Schubert

Bisher hielt Thierry seine Allgemeinbildung für halbwegs solide.

In Großbritannien haben derlei Rätselabende eine lange Tradition, in München nicht. Nur eine Handvoll Pubs wie das „Ryan’s Muddy Boot“ laden regelmäßig dazu ein. Die Kneipe gibt es seit über zehn Jahren, seit neun Jahren wird hier jeden Montag um 20 Uhr gequizzt, und wer zu spät kommt, kann gleich wieder gehen. „Wenn es pisst wie heute, ist es immer bumsvoll“, sagt Christian Streit, der Barkeeper. „Dann kommen die Leute zum Teil schon vor sechs.“ Hätte ich das bloß vorher gewusst. Als ich den Pub um 19.08 Uhr betrete, ist der Hocker am hinteren Ende der Bar der einzige Platz, der noch frei ist.

Von hier aus sehe ich rein gar nichts, mal abgesehen von der Glocke für die „last orders“, die über dem Tresen baumelt, den Hurling-Schlägern an der Wand, die zwischen eingerahmten Banknoten, Münzen und Postkarten hängen, die Gäste ihrer Stammkneipe aus Thailand, Australien oder Ägypten zugeschickt haben. Barkeeper Christian bemerkt mein Unbehagen, beruhigt aber: „Keine Angst. Der Dave hat ein mächtiges Organ.“

Quizmaster Dave Hart, 60, stammt aus Flandern und ist von Beruf Überlebenskünstler. Er trägt die Haare und den Bart wie Paul Breitner zu seinen besten Zeiten, dazu Jeans und Polo-Hemd am Körper und ein Bierglas in der Hand. „Quiet, please!“, trötet er in Michael-Buffer-Manier, als es endlich losgeht. Augenblicklich ist es still, und das, obwohl die meisten hier die Regeln kennen, die er nun stakkatoartig vorträgt. „Die oberste Regel lautet: Der Quizmaster hat immer recht! Das Team, das die meisten Punkte hat, gewinnt! Absolut kein Gegoogle! Ich weiß, ihr seid alle total googlesüchtig, aber: keine Laptops, keine Spickzettel. Kein Intermingle zwischen den Teams! Keine Anrufe bei den Omas!“ Und nicht zuletzt: „Eine gute Frage ist eine, zu der man die Antwort weiß!“

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Illustration: Julia Schubert

Quizmaster Dave Hart mit Paul-Breitner-Bart und -Friese.

Bis zu fünf Leute treten in einem Team an, jeder Mitspieler zahlt 2,50 Euro, am Ende werden drei Gewinner ausbezahlt. Es gibt vier Runden à zehn Fragen, dazu je eine Bonusrunde mit einer Schätzfrage. Wer am nächsten dranliegt, darf mit einem Erdbeerlimes anstoßen.

Am Tisch neben mir sitzen vier Studenten Anfang 20, Thomas, Jessica, Lukas und Johanna. Sie nennen sich Stustis, weil sie sich von der Studienstiftung kennen. Thomas hat schon mal mitgequizzt, er sagt: „Dave hat so seine Lieblingsfragen. Kennst du dich mit der Bibel und mit den Simpsons aus?“

Nun ja, geht so. „First easy round“, ruft Quizmaster Dave, doch was dann folgt, ist alles andere als easy: Wurde die Marseillaise wirklich in Marseille komponiert? Wer trägt Zöpfe: Asterix, Obelix oder beide? Anthony Daniels ist der einzige Schauspieler, der in allen sechs Star-Wars-Filmen dabei war, aber welche Rolle hat er gespielt? Welcher Muskel ist der einzige im menschlichen Körper, der nur auf einer Seite befestigt ist?

Nach ein paar Minuten Bedenkzeit sammelt Dave die Zettel ein, ich bestelle mir noch ein Bier. Als Dave mir den Fragebogen wenig später in die Hand drückt, hat er eine „4“ in die obere rechte Ecke gekritzelt, die Vier des Versagens. Vier von zehn Fragen nur habe ich richtig. Gott, ist das peinlich. Ob ich denn letzter sei, will ich wissen. „Nein“, antwortet Dave, der Diplomat. „Du bist nur unkonzentriert.“

Die Stustis haben siebeneinhalb Punkte in der ersten Runde gesammelt, die besten Teams sogar neun. Mit den Quiz-Nerds, etwa mit „Mr. Marple“, „Banona Ryder“ oder den „Wilden Schweinen“, will ich mich gar nicht messen, die sind bestimmt jede Woche hier. Mit den Stusti-Greenhorns aber schon. Wobei: Was heißt hier eigentlich ich, wir muss ich schreiben, meine Freundin Janina begleitet mich, wir sind das Team „Bikini Bottom“, benannt nach der Heimatstadt von Spongebob. Etwas Besseres ist uns auf die Schnelle nicht eingefallen. Vier gegen zwei also, natürlich kein fairer Wettkampf.

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Illustration: Julia Schubert

Team „Bikini Bottom“ weiß nicht alles, aber dafür die wesentlichen Dinge, etwa, wer bei „Itchy & Scratchy“ die Katze, und wer die Maus ist.

Runde zwei verläuft ähnlich verheerend und ich überlege kurz, ob ich nicht doch mein Handy zücken sollte, um wenigstens die Frage zu beantworten, ob es den Road Runner wirklich gibt in den Vereinigten Staaten. Verdammt, kein Netz. Ich frage den Quizmaster, ob er uns nicht einen Tipp geben mag. Er antwortet: „Was willst du denn zahlen?“ und lacht dabei so schelmisch, dass ich das Portemonnaie lieber gleich stecken lasse. Ich rate: nein. Ist natürlich falsch. „Gut, dass wir nicht ausscheiden können“, meint Janina. Wir sind Vorletzte.

Runde drei ist dann unsere beste. Wir wissen, dass das Damoklesschwert über Damokles hing und nicht über jemand anderem, dass Vespa Wespe bedeutet, wer bei „Itchy & Scratchy“ die Maus und wer die Katze ist. Und wir interpretieren die Vokabel „brevissimae bracae femineae“ richtig als die lateinische Übersetzung des Vatikans für „Hotpants“. „Wir steigern uns“, frohlockt Janina, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wir haben gerade mal 17 von 30 möglichen Punkten auf dem Konto, die besten haben 27. Noch viel schlimmer für uns: Die Stustis führen mit drei Punkten. Quizmaster Dave schaut am Tresen vorbei, stellt uns einen Limes hin. Aus Mitleid?

Runde vier beginnt mit sympathischen Fragen. Der Teufelsanwalt, wissen wir, ist im Vatikan für Heiligsprechungen zuständig, der Begriff „Rosebud“ spielt in dem Film „Citizen Kane“ eine zentrale Rolle, und Stanley Kubrick ist der Regisseur, der die erste Mondlandung inszeniert haben soll. Es folgen die Maradona-Frage, Minuten des Entsetzens und ein Geistesblitz: „England!“ fährt es plötzlich aus mir heraus, „Ja! England ist richtig. Im Tor stand Peter Shilton.“ Am Ende hilft auch das nichts, die von der Studienstiftung gewinnen mit einem Punkt Vorsprung. Unter anderem, weil sie das längste deutsche Palindrom kennen: Relieffeiler.

„Man sollte das Quiz nicht so ernst nehmen“, sagt Dave zum Abschied. „Es ist doch nur eine Ausrede, um in die Kneipe zu gehen.“ Ja, damit kann ich leben. Immerhin ist meine Fußballexpertenehre noch intakt. Mehr noch, und auch das will ich hier nicht verheimlichen: Auf dem Fragebogen der Stustis auf Seite vier, unter Nummer sieben, da steht: Brasilien.

Text: thierry-backes - Fotos: Juri Gottschall

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