"Warum liegt hier überhaupt Stroh?" Die Frage ist deutlich zu erkennen in den Gesichtern der Radler, Spaziergänger und Touristen, die an diesem regnerischen Junimorgen vor zwei Wochen durch den Olympiapark fahren und spazieren. Am oberen Ende des Coubertinplatzes, zwischen Olympiastadion und -see, lagert ein riesiger Stapel aus Strohballen, daneben parkt ein großer grüner Gabelstapler. Ansonsten: Regenruhe. Der Park liegt da wie in Katerstimmung. Ein Gabelstapler verlädt Absperrgitter vom Helene-Fischer-Konzert am Vorabend, auf den Bierbänken der Imbisse am Coubertinplatz steht das Regenwasser.

1041063


Hans Geiger baut sonst auch Anlagen für Skate-Legende Tony Hawk.
 
In weniger als 14 Tagen wird sich hier ein ganz anderes Bild zeigen. Dann sollen beim Munich Mash, der Nachfolgeveranstaltung der X-Games, die besten Freestyle-Mountainbiker der Welt durch die Luft fliegen: Sprünge über Distanzen von mehr als zwölf Metern, Backflips, Steilkurven – großes Action-Programm. Der Coubertinplatz wird dafür in einen Parcours aus Gerüsten, Holzrampen und Erde verwandelt. Und Stroh braucht es da eben auch, selbst wenn man sich zunächst nicht vorstellen kann, wozu.
 
Überhaupt ist die Entstehung der Kurse beim Munich Mash fast genauso interessant wie das Event selbst. Man vergisst das leicht, aber zu Zwölf-Meter-Sprüngen gehört nicht nur ein sehr guter Sportler. Es braucht auch die Menschen, die ihm seine Obstacles bauen – die Kicker, Boxen, Quarterpipes und wie die Hindernisse sonst noch alle heißen. Wenn diese Menschen sich um einen Meter verrechnen, bringt dem Sportler sein Können wenig: Dann wird das nichts mit Backflips und Action.
 
Nicht nur hinter der Dirt-Strecke für die Mountainbiker, auch hinter dem BMX- und Skate-Streetparcours in der Eishalle stehen deshalb ein riesiger Aufwand, viel Logistik, komplizierte Planung und oft präzise Millimeterarbeit – Dinge, die eigentlich erst mal gar nicht zu den Chaos-Draufgänger-Typen passen, als die Extremsportler immer noch gelten.
 
Im Eisstadion sitzt Hans Geiger, Typ kräftiger Oberbayer mit ein paar Lachfalten und grauem Haaransatz, auf einem Plastikstuhl. Seinen Laptop hat er vor sich auf einem der vielen Holzstapel in der Halle aufgebaut. „Ich brauche kein Büro, von hier aus hab ich alles viel besser im Blick“, sagt er. Fünf Mann in Cargo-Shorts schrauben gerade die Unterkonstruktion für die Obstacles zusammen, an einem wird schon der Bodenbelag verlegt, dazwischen sägt jemand Bretter. Aus den Boxen einer kleinen Anlage tönt NOFX.
 
Hans öffnet auf seinem Rechner die Pläne für den Munich-Mash-Kurs. Es dauert eine Weile, bis er sich durch die Ordneräste geklickt hat – auf seiner Festplatte lagern Pläne für Rampenkonstruktionen auf der ganzen Welt. Mit seiner Firma G-Ramps, Sitz in Lenggries, hat er schon Skateanlagen in Australien, Neuseeland, China und Katar gebaut. Sein Equipment wird auf den größten Events der Welt benutzt, von den X-Games bis zu den Shows von Skate-Legende Tony Hawk. Momentan hat er etwa 15 Projekte gleichzeitig laufen. Hans ist darauf spezialisiert, die zum Teil riesigen Rampen und Skateparks so zu konstruieren, dass sie ohne Kräne und viel Equipment zu handhaben sind. So können sie leicht verpackt und verschifft werden, ein wichtiger Faktor für große Extremsportevents, die selten viel Zeit für Auf- und Abbau haben und mit ihren Shows manchmal durch ganze Kontinente touren.

Auch Extremsportler achten mitunter penibel auf Kleinigkeiten

In München hat Hans knapp zwei Wochen für seine Aufgabe: Boden verlegen, Unterkonstruktion bauen, darauf eine Holzbretterschicht für die Stabilität und ein dünnerer Holzbelag mit Farbe. Nicht irgendeine Farbe übrigens. Die gleiche, die auch bei Tanzböden verwendet wird. Die garantiert gute Haftung für die Rollen und Reifen und reibt sich nicht gleich ab, wenn ein Skateboard oder BMX drüberrutscht.
 
Hans zoomt mit der Maus in seinen Plan und gleicht ab, ob alles so steht wie dort vorgesehen. Das Grundkonstrukt des Parks ist dasselbe wie im vergangenen Jahr, aber es gab ein paar Änderungen. Eine steilere Treppe hier, ein bisschen mehr Platz zwischen Rail und dem nächsten Obstacle dort. Nuancen nur. Aber die entscheiden mitunter, ob die Fahrer den Kurs optimal nutzen können. Hans muss ein bisschen grinsen, wenn er von den ellenlangen Mail-Konversationen erzählt, die zwischen Fahrern und dem Kursdesigner hin- und her gingen: Diskussionen, ob eine Landung nicht ein paar Grad flacher oder eine Kante 42 statt 37 Zentimeter hoch sein sollte. Auch Menschen, die einen Sport betreiben, bei dem es vor allem um Freiheit und Spaß geht, achten mitunter penibel auf Kleinigkeiten.
 
Das Design des Parks stammt von Brian Kachinsky, einem BMX-Profi aus Chicago, der sich in einer alten Fabrikhalle einen Park gezimmert hatte, der weltbekannt wurde. Die größte Herausforderung für seine Planung: Der Park in der Eishalle muss mit dem Skateboard und dem BMX auf höchstem Niveau fahrbar sein – zwei Sportgeräte, die sich in Sachen Geschwindigkeit, Höhe und Weite der Sprünge unterscheiden. Kachinsky holte sich deshalb viel Input von den Fahrern, die den Kurs im vergangenen Jahr genutzt hatten. Platz für ein bisschen Verkopftes blieb aber trotzdem noch. „Ich habe gedacht: Wenn ich einen Park auf einem Olympischen Gelände designen soll, versuche ich auch, den Olympischen Gedanken da mit hineinzubringen“, sagt Kachinsky am Telefon. „Ich habe also die Obstacles nach Vorbildern in Städten auf der ganzen Welt geplant – ein paar Stufen sind einem berühmten Spot in Barcelona nachempfunden, ein Rail steht so in Boston und eine Kante hat ihr reales Pendant sogar hier in München.“

1041061


Markus Hampl
 
Zurück nach draußen auf den Coubertinplatz. Am Eingang hinter der Gegengerade des Olympiastadions haben zwei schwarze Autos geparkt: ein Jeep und ein VW-Bus. Dessen Heckklappe ist geöffnet, drinnen sieht man BMX-Räder und Werkzeug. Davor tauschen ein paar junge Männer gerade ihre Flipflops gegen feste Bergschuhe. Unter ihren Regenjacken tragen sie Kapuzenpullis und Caps, einer hat eine verspiegelte Sonnenbrille auf der Stirn, auf den Bügeln das Logo der österreichischen Biermarke Stiegl. An den Beinen hängen bei fast allen Lederhosen auf Baggy-Höhe.
 
„Die sind eh die beste Arbeitskleidung“, sagt Markus Hampl. Er hat den Mountainbike-Kurs designt. Und im Gegensatz zum Indoor-Kurs der Skater baut er ihn auch selbst auf. Er nimmt ein Maßband und stiefelt in den Regen Richtung Heuballen, um dem Gabelstaplerfahrer zu sagen, wo und wie er sie aufzuschichten hat: zu einer Art Treppe, etwa fünf Meter breit und mindestens so hoch. „Das wird die Landung des ersten Sprungs“, sagt Markus. Er wird die Heuballen später mit Erde bedecken und die Fläche mit dem Bagger glätten. So muss er nicht den ganzen Landehügel aus Erde aufschütten und spart damit Gewicht. Unter dem Gelände liegt das Toilettengeschoss des Olympiastadions, da darf eine bestimmte Last nicht überschritten werden.

>>>Wie man die Winkel der Rampen berechnet? "Gar nicht. Das hab ich im Gefühl."<<< Zur Verlosung



Auch solche technischen Vorgaben muss man beachten als Kursdesigner, neben vielen anderen Faktoren: Die Sprünge sollten eine gewisse Größe, Vielfalt und einen bestimmten Schwierigkeitsgrad bieten. Schließlich ist der Mountainbike-Contest des Munich Mash ein „Diamond Event“ der Freestyle Mountainbike World Tour, eines also, an dem die besten Fahrer der Welt teilnehmen. Der Kurs muss außerdem genug Gefälle haben, damit der Schwung für die zum Teil mehr als zwölf Meter weiten Sprünge stimmt – eine der größten Herausforderungen. „Alle anderen Diamond-Events sind in den Bergen“, sagt Markus. „So etwas hier direkt in die Stadt zu bauen, ist schon was Besonderes.“ Die Länge und Steilheit der Landungen muss zu den Radien der Absprünge passen, damit die Fahrer nicht zum Beispiel mit zu viel Schwung ins Flache hinter den Landehügel knallen. Wie Markus das berechnet? „Gar nicht. Das weiß ich einfach aus Erfahrung. Ich bin solche Kurse tausend Mal selbst gesprungen, das hab ich im Gefühl.“
 
Markus war selbst lange BMX-Profi. „Wir haben uns früher die Sprünge alle selbst geschaufelt, zum Teil mit der Hand. Das war die Grundlage für die Arbeit heute: Denn damals haben wir natürlich auch viel Mist hingestellt, der nicht funktioniert hat. Die Fehler macht man halt nach zehn Jahren nicht mehr.“

1041062


 
Er fährt immer noch aktiv, aber den größten Teil seines Einkommens verdient er mit dem Bau solcher Kurse wie im Olympiapark. Aus dem BMX-Fahrer, der nebenbei für ein paar Events Schanzen baut, wurde der führende Kursdesigner Europas. Stets unterwegs mit einem internationalen Team. Man hört das. Markus sagt „Was maanst?“, wenn er einen seiner Kollegen – die meisten sind auch ehemalige BMX-Fahrer aus Deutschland, Österreich und Frankreich – nach dessen Meinung fragt. Die Franzosen im Team rufen laut „Ooida“, wenn irgendwas Bemerkenswertes passiert. Überhaupt sieht das alles hier oft nicht nach Arbeit aus. Eher, als hätten sich ein paar Kumpels getroffen, um zum Spaß ein paar Schanzen zu schaufeln. Wenn Markus eine Frage beantwortet, kommt darin meistens das Wort „easy“ vor. Selbst, als ein Kollege sagt, dass die Schlüssel für den Bagger gerade verschollen sind. „Easy. Also, jetzt nicht easy easy. Aber easy.“
 
Der nächste Morgen. Ein Kapuzenpulliträger mit Ziegenbart schraubt die Absprungkicker aus Holz zusammen, die auf dem Kurs verteilt werden. Durch den Olympiasee waten Männer in Neoprenanzügen. Sie müssen ein Gerüst für den letzten Landehügel aufbauen. Auf dem Coubertinplatz fahren drei Kipplader voller Erde vor. Jetzt wird deutlich, wie mühsam es ist, so einen Kurs zu bauen. Ein meterhoher Radlader bringt den tennisplatzgroßen Erdhaufen in Form, Stück für Stück, Schaufel für Schaufel. Bestimmt 100 Mal wiederholt er dieselbe Prozedur: Vorfahren, schieben, Schaufel hoch, Erde aufschütten, zurück, Schaufel runter. Danach übernimmt Markus das Feintuning mit dem Bagger: Er modelliert die endgültige Form und glättet die Fläche mit der Schaufel, die er trotz ihrer zweieinhalb Meter Breite feinfühlig und millimetergenau führt. Es sieht aus, als könnte er damit auch fehlerfrei Fingernägel lackieren, würde man ihm einen Pinsel an der Schaufel befestigen.
 
Und das war nur der Anfang – die ersten von mehr als 170 LKW-Ladungen, die hier verbaut werden. Ein Kipplader nach dem anderen rollt durch den Olympiapark – mit Dachauer Kennzeichen. Dort kommt die Erde her. Auch das spielt eine Rolle. „Erde ist nicht gleich Erde“, erklärt Markus, der darüber reden kann wie ein Gourmet über Rotwein. Der Lehm- und Sandanteil muss stimmen, davon hängt ab, wie gut die Bauten des Kurses zusammenhalten. Sie muss einerseits gut kleben, darf andererseits aber nicht zu feucht sein, sonst bremst sie und die Mountainbiker bekommen nicht genug Geschwindigkeit. Deshalb ist Markus’ größte Sorge auch der Regen. Bei Niederschlag muss die Erde abgedeckt werden, auch jedes fertige Obstacle überzieht Markus’ Team wegen des unbeständigen Wetters mit großen weißen Plastikplanen.
 
Mitte dieser Woche. Der Skatepark ist schon fertig, der Mountainbike-Parcours muss nur noch von den Planen befreit werden, damit die Erde trocknen kann. Dann wird der erste Testfahrer oben am Olympiastadion auf den 15 Meter hohen Startturm steigen und den Kurs testen. Dann wird sich zeigen, ob alles passt. Ein spannender Moment für Markus? „Naa, eigentlich nicht“, sagt er und winkt ab. „Das is’ easy.“

Verlosung: Der Eintritt zum Mountainbike-Event des Munich Mash ist kostenlos. Und für die BMX- und Skatecontests am Samstag und Sonntag in der Eishalle verlosen wir fünf mal zwei Tickets. Für die Teilnahme schicke bis Freitag, 14 Uhr, eine Mail mit dem Betreff „Munich Mash jetzt“ an muenchen@jetzt.de. Die Gewinner werden bis Freitagnachmittag um 15 Uhr per Mail benachrichtigt.

Text: christian-helten - Fotos: juri-gottschall