"Die wollen, dass ihr zu denen nach Hause kommt!"

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Die Idee: Eine Initiative vermittelt Abendessen, bei denen Menschen, die in München leben, Migranten zu sich einladen sollen. Das Ergebnis: In den ersten Wochen melden sich viele potenzielle Gastgeber – aber keine Gäste. In anderen Städten ist das offenbar andersherum. Ist München also besonders gastfreundlich? Julia Broers, 34, Pädagogin in Elternzeit, hat die Abendesser-Connection gegründet. Anas Al Khayat, 32, aus Damaskus engagiert sich für das Projekt. Ein Gespräch über Willkommenskultur – und falschverstandene Witze gleich zur Begrüßung.
 
jetzt.de München: Viele Gastgeber, keine Gäste. Überrascht etwas, oder?
Anas: Wir dachten auch, dass sich viel zu viele Gäste anmelden und wir zu wenig Gastgeber haben. Aber es war genau andersherum!
Julia: Aktuell hätten wir 30 Gastgeber, die Migranten einladen wollen – aber nur fünf Gäste. Wir merken, dass Ausländer eine große Scheu haben, auf Deutsche zuzugehen. Gerade waren wir in einer Sprachschule, um unsere Idee in Deutschkursen vorzustellen und Anmeldezettel zu verteilen. Eine der Lehrerinnen sagte zu ihren Schülern mehrmals: Die machen das, weil sie das wollen! Die wollen, dass ihr zu denen nach Hause kommt!
Anas: Viele konnten nicht glauben, dass sie wirklich nichts bezahlen müssen. Manche können noch nicht so gut Deutsch und trauen sich deshalb nicht mitzumachen. Dabei sagen viele Gastgeber, dass ihnen das nicht wichtig ist, dass es ihnen egal ist, wenn es Verständigungsprobleme gibt, weil man ja einfach zusammen kochen kann.
 
Gerade erschien eine große Studie zum Thema Fremdenfeindlichkeit ...
Anas: ... und Bayern ist nach Sachsen-Anhalt das ausländerfeindlichste Bundesland!
Julia: Wir haben vor allem in der Sprachschule gemerkt, dass viele das Gefühl haben, nicht besonders willkommen zu sein. Der Großteil der Münchner ist allerdings aufgeschlossen, hier leben und arbeiten viele Ausländer, das prägt das Bewusstsein. Darum melden sich auch so viele Gastgeber. Bei unserem schwedischen Vorbildprojekt „Invitationsdepartementet“ haben die Macher es schwerer, weil die Schweden eher verschlossen sind. In Dresden gibt es auch so ein Projekt, da ist es ähnlich: viele Gäste, aber zu wenig Gastgeber.

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Illustration: Julia Schubert

"Aktuell hätten wir 30 Gastgeber, die Migranten einladen wollen - aber nur fünf Gäste": Julia Broers und Anas Al Khayat.

Warum melden sich gerade in München so viele Gastgeber?
Julia: In der Stadt sind Flüchtlinge und Aktionen für deren Unterstützung sehr präsent. Zu uns kommen viele, die online nach Möglichkeiten suchen, sich für die Flüchtlingshilfe zu engagieren. Sie wollen etwas Gutes tun. Das ist schön, kann aber auch seltsame Formen annehmen: Eine Frau wünschte sich einen Gast, der „ein hartes Schicksal erlitten hat“.
 
Wie bitte?
Julia: Ja, sie wollte so jemandem einen schönen Abend bereiten. Aber wir können in unserem Anmeldeformular doch keine Schicksale abfragen und am Ende noch „Schicksalsstufen“ vergeben, weil die Leute die Geschichte eines Wirtschaftsflüchtlings anders werten als wenn jemand jahrelang durch die Wüste geirrt ist. Ich bin in meinem Leben sehr oft umgezogen und weiß, wie schwer es ist, als Ausländer Zugang zu Einheimischen zu finden. Deshalb sage ich: Man tut immer etwas Gutes, wenn man jemanden zum Essen einlädt, der sonst vielleicht niemals von einem Einheimischen privat zum Essen eingeladen worden wäre.
 
Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, welche Gastgeber und Gäste zusammenkommen?
Julia: Ganz wichtig: Wir sind kein Dating-Service! Wir vermitteln Frauen an Frauen, Männer an Männer, Familien an Familien oder Paare an Paare. Wir achten darauf, dass Gastgeber und Gäste möglichst aus demselben Stadtteil kommen und etwa gleich alt sind oder gleich alte Kinder haben. Der Gastgeber ist einheimisch, das heißt nicht, dass er Deutscher sein muss. Auch politische und religiöse Einstellungen sind egal. Er sollte sich aber hier zu Hause fühlen und möglichst fließend Deutsch sprechen.
  
Bisher habt ihr ein Abendessen vermittelt. Wie war’s?
Anas: Da gab es leider gleich zu Beginn ein Missverständnis. Die Gäste, eine Familie aus Kroatien, klingelten an der Tür und sagten: „Wir dachten, ihr kommt zu uns, wir haben ein großes Essen vorbereitet.“ Die Gastgeber haben den Witz nicht kapiert und das ernst genommen. Die haben sich dann den ganzen Abend über nicht richtig verstanden.


Text: kathrin-hollmer - Foto: Kathrin Hollmer

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