Die Zeitvertreiber

Warten kann schrecklich sein. Oder sehr schön. Wir haben ein paar Experten gefragt, wie es richtig geht
mercedes-lauenstein


Hinter der Bühne: "Einmal war ich während der Vorstellung Kaffee trinken."

Philipp, 30, Schauspieler:
„Als freischaffender Schauspieler arbeite ich meistens an mehreren Theatern gleichzeitig und muss parallel Texte für verschiedene Stücke lernen. Freie Momente gibt es in der Garderobe, wenn ich gerade auf meinen nächsten Auftritt warte. Es gibt Vorstellungen, in denen muss ich zwei Stunden überbrücken, weil ich ganz zu Beginn des Stückes einen Auftritt habe und den nächsten erst wieder am Schluss. In größeren Theatern kann man während dieser Zeit einfach in die Kantine gehen. Einmal – aber das ist schon Jahre her und nie wieder vorgekommen, weil streng verboten – war ich während einer Vorstellung mit Freunden sogar mal Kaffee trinken auf dem Weihnachtsmarkt.

Meistens vertreibe ich mir die Zeit aber mit meinem Handy, lerne Text, bereite Inszenierungen vor oder gehe im Kopf meine Einkaufsliste für zu Hause durch.

Wenn man beim Fernsehen arbeitet, ist es noch extremer als im Theater, da wartet man fast durchgehend. Manchmal schlafe ich dann einfach ein, bis der Regisseur mich mit seinem „Und, bitte!“, aus meinen schönen Träumen reißt. Je länger ich warten muss, desto mehr Süßigkeiten esse ich außerdem – ich bin nämlich süchtig nach Gummibärchen.“



Im Klamottenladen: "Wenn ich eine längere Zeit überbrücke, lese ich gerne Blogs."

Christoph, 26, Mitarbeiter bei Harvest:
„Die Zieblandstraße, in der unsere Modeboutique ist, ist eine Nebenstraße ohne viel Laufkundschaft. Das heißt: Es geht meistens recht ruhig bei uns zu. Unsere Kunden sind zum Großteil echte Stammkunden und kommen ganz gezielt. So richtig durchgehend etwas los ist deshalb auch nur, wenn es aufs Wochenende zugeht. Montag und Dienstag sind definitiv die ruhigsten Tage.

Es sieht aber nur von außen so aus, als hätte ich Leerlauf. Oft bin ich ziemlich gut damit beschäftigt, unseren Onlineshop zu pflegen: Bestellungen bearbeiten, E-Mails beantworten und so weiter.

Wenn ich wirklich mal eine längere Zeit überbrücke, lese ich gerne Blogs. Meine beiden liebsten sind im Moment: greetingsfrombeyond, das ist recht derb, da geht es vor allem um Tattoos, Mode und Sex. Und: ignant.de, ein Blog aus Berlin, das sich mit Kunst und Design befasst. Die Ruhe hier nervt mich nie. Im Gegenteil. Ich kann mich super konzentrieren und fühle mich immer sehr aufgeräumt. Früher habe ich in einer Werbeagentur gearbeitet, da ging es sehr viel chaotischer und stressiger zu.“


An der Garderobe: "Wenn ich faul bin, spiele ich statt zu lernen Candy Crush."

Alina, 25, Abiturientin:
„Je nachdem, wie lang das jeweilige Theaterstück dauert, kommt es schon mal vor, dass wir in der Garderobe ein bis zwei Stunden am Stück warten müssen. Mal kurz auf die Toilette zu gehen, ist während dieser Zeit schon okay. Aber länger dürfen wir nicht weggehen. Erstens kann es jederzeit vorkommen, dass ein Gast rauskommt und seine Sachen braucht, und zweitens müssen wir ja auch aufpassen, dass nichts wegkommt.

Wenn die letzten Nachzügler nach Beginn des Stücks eingetroffen sind, wird es plötzlich ganz ruhig. Die Lichter gehen weitestgehend aus, es muss absolute Stille herrschen und wir können uns eine kleine Leselampe holen, uns hinsetzen und lesen. Wir dürfen auch Musik hören oder auf dem Tablet was anschauen – aber natürlich nur mit Kopfhörern.

Zur Zeit nehme ich mir aber meistens nur meine Lernsachen mit, ich hole nämlich gerade mein Abi nach. Wenn ich faul bin, spiele ich statt zu lernen Candy Crush oder chatte mit Freunden auf Whatsapp oder Facebook. Ich mag die Zeit des Wartens, man ist so frei und kann nebenbei noch so viel anderes Zeug erledigen. Ich muss sagen, dass ich nie einen angenehmeren Job hatte.“


Im Club: "Ich bin newssüchtig."

Daniel, 27, Musiker bei The Marble Man:
„Als Band ist man meistens schon Stunden vor dem Konzertbeginn vor Ort, da wartet man natürlich viel: bis die Technik eingestellt ist, bis du beim Soundcheck drankommst. Da muss man dem Schlagzeuger dann zuhören, wie er 100 Mal seine Trommeln ausprobiert. Abhauen kann man nicht, man wird ja zwischendurch immer wieder gebraucht. Man hat also oft fünf Minuten Wartezeit, dann wieder etwas zu tun, dann wieder Wartezeit. Das kann sich auf Dauer schon lähmend anfühlen. Eine Zeitlang haben wir viel Quizduell gegeneinander gespielt. Das ist sehr symptomatisch für die Beschäftigungsmöglichkeiten, die einem bei dieser Art des Wartens bleiben: Es geht fast nur zielloses Zeug. Ich bin ziemlich newssüchtig, und weil ich jetzt hauptberuflich in der Investmentbranche arbeite, checke ich ziemlich oft Wirtschaftsnachrichten – financialtimes.com oder economist.com zum Beispiel.

Allerdings kann das Warten auch sehr schöne Seiten haben. Oft genieße ich die Momente, in denen ich vor einem Konzert rumsitze. Da kriegt man den Kopf so schön frei, weil man ja weiß: Ich kann jetzt nichts anderes tun, als einfach nur hier zu sein, ein bisschen was vorzubereiten, ein bisschen mit den Bandkollegen zu quatschen und ein Bier zu trinken, bevor es richtig losgeht.“



Text: mercedes-lauenstein - Fotos: Juri Gottschall

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