Drah' di ned um

Der Kommissar geht um. Ein Gespräch mit Udo Wachtveitl über München und den Tatort und zwar bei einer Partie München-Cluedo.
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Jetzt sitzt Udo Wachtveitl also da, im Baader Café, und verdächtigt Charlotte Porz, mit einer Rohrzange einen Mord begangen zu haben. Die Idee ging so: Die jüngst erschienene München-Edition von "Cluedo", dem Detektiv-Brettspiel, mit jemandem testen, der sich auskennt mit Ermittlungen – irgendwie zumindest. Und dem "Tatort"-Darsteller, der 2001 zum Bayerischen Ehrenkommissar ernannt worden ist, gefiel das so gut, dass er sich sogar an seinem 55. Geburtstag fast zwei Stunden Zeit zum Spielen genommen hat. Am kommenden Sonntag ist Udo Wachtveitl wieder als Franz Leitmayr zu sehen. Zum 65. Mal zusammen mit seinem Kollegen Miroslav Nemec alias Ivo Batic. Die Jubiläumsfolge, bei der Dominik Graf Regie geführt hat, spielt im Westend: Miethaie gentrifizieren in dem Arbeiterviertel alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Bürgergruppen wehren sich. Aktuelles München-Thema also. Wie oft beim BR-Tatort. Ein Gespräch über die Stadt und ihre Fernsehermittler – während einer Mördersuche.

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Illustration: Julia Schubert

 
jetzt.de München: Herr Wachtveitl, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Wir fühlen uns geehrt, dass Sie sich an so einem Tag Zeit für uns nehmen.
Udo Wachtveitl: Mir ist das wurscht.
 
Feiern Sie gar nicht?
Ein bisschen schon noch.
 
Wie denn?
Sag ich nicht.
 
Was darf ein Ehrenkommissar alles tun?
Alles, was das Grundgesetz erlaubt.
 
Beim Bayerischen Fernsehpreis haben Sie im vergangenen Jahr auch noch den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten erhalten. Und im Jahr davor den Bayerischen Verdienstorden. Geben Ihnen solche Ehrungen etwas?
Wir haben uns schon sehr gefreut, Miro und ich. Man muss aber natürlich auch immer in Betracht ziehen, dass wir das alles inzwischen schon so lange machen, dass die Jurys nicht mehr an uns vorbeikommen. (lacht)
 
Mit welcher Begründung bekommt man das denn alles? Sie spielen ja, mit Verlaub, nur einen Tatort-Kommissar.
So viel ich weiß, obliegt die Entscheidung tatsächlich direkt dem Ministerpräsidenten. Die ironische Antwort wäre also: In der Staatskanzlei gibt’s wohl Leute, die die Medien beobachten und schauen, wer’s schon lang genug macht, ohne sich dabei völlig daneben benommen zu haben?
 
Und ohne Ironie?
Wer die bisherigen Folgen des Münchner Tatort betrachtet, sieht da schon ein anderes Stadtbild durchschimmern, als es die Prospekte vom Fremdenverkehrsamt zeigen. Das war uns immer ein Anliegen. Und im Großen und Ganzen wird dem bayerischen Tatort ein gewisses Qualitätsniveau nachgesagt.
 
Hier zieht Udo Wachtveitl auf dem Cluedo-Spielfeld zum ersten Mal auf einen potenziellen Tatort: das Hofbräuhaus. "Ich verdächtige nun – aufs Geratewohl – Klaus Heinemann, es an diesem Ort mit dem Bleirohr getan zu haben." Konzentration für die nächste Frage hat er erst wieder, nachdem er gewissenhaft die Karte notiert hat, die ihm gezeigt wurde.
 
Ist es Ihnen wichtig, dass der Tatort die Münchner Realität abbildet?
Ja. Sonst wird es zu beliebig. Ich finde fiktive Stoffe natürlich auch toll. Aber ich denke, man sollte Genrevereinbarungen einhalten. Der Tatort gibt ein Versprechen ab – und zwar seit mehr als 40 Jahren. Das Versprechen lautet: Ihr bekommt eine spannende Krimigeschichte, die sich im Nachkriegsdeutschland abspielt und an der Realität angelehnt ist. Das bietet Konstanz und Verlässlichkeit. Der "Tatort" ist damit – im doppelten Sinne – ein Institut der Aufklärung. Heißt: Die Welt wird in Unordnung gebracht, dann kommen Agenten von Humanismus, Aufklärung und wissenschaftlicher Wahrheit – das sind wir . . .
 
. . . natürlich . . .
. . . und versuchen, die Welt wieder in Ordnung zu bringen und auf rationale, nachvollziehbare Psychologien zurückzuführen. Wir sind kein Fantasy-Unternehmen. Ich finde es bedenklich, wenn es dem Spiegel eine Meldung wert ist, beim Tatort aus Münster komme neben den Hanswurstiaden diesmal auch ein Fall vor.
 
Das ist bei den Münsteranern aber doch wirklich eine überraschende Information.
Darüber enthalte ich mich. Ich zitiere nur den Spiegel – und sage, dass es so nicht sein sollte.
 
Soll man auch noch etwas lernen vom Tatort?
Warum nicht? Aber man darf sich aussuchen, was man lernt.
 
Es ist interessant, Wachtveitl beim Spielen zu beobachten: Überraschend ernsthaft und konzentriert ist er zugange. Selbst aus den Zügen der anderen versucht er, Schlüsse zu ziehen. Bestimmt zählt er beim Schafkopfen auch immer alle Karten mit.

Ich bin soeben in die Allianz Arena eingezogen und verdächtige dort Mark Gatow, also Sie, Herr Wachtveitl, den Mord mit dem Seil begangen zu haben!
Das ist ja völlig blödsinnig, mich zu verdächtigen.
 
Wieso?
Ich bin doch der Kommissar! (lacht)
 
Nimmt man München anders wahr, wenn man dort dreht?
Meine Einstellung zu München hat sich nicht geändert. Die resultiert schon hauptsächlich aus dem, was ich selbst erlebt habe. Aber wenige Menschen werden die Möglichkeit haben, im Inneren des Olympiaturms zu sein und wenige Menschen werden die Gelegenheit gehabt haben, die kathedralenartigen Frischwasserspeicher unterm Olympiapark zu sehen – das ist wirklich beeindruckend. Wenige Menschen werden mich allerdings drum beneiden, in der echt fiesen Kanalisation gedreht zu haben.
 
Sie haben mit Dominik Graf gerade ein Buch veröffentlicht, das sich mit der Architektur im Tatort beschäftigt. Was sagt der Kennerblick zur aktuellen architektonischen Entwicklung Münchens?
Mir gefällt die Allianz Arena gut, auch wenn sie ein bisschen lügt.
 
Bitte?
Durch ihre Außenhaut erweckt sie unwillkürlich die Metapher vom Boot, in dem wir alle sitzen. Wenn man das Gebäude aber durchleuchtet, merkt man, dass die Masse und die Leute in den bevorzugten Etagen kreuzungsfrei aneinander vorbei feiern können. Das war im Olympiastadion anders.
 
Ist das nicht ein stimmiges Bild für München, dass man aneinander vorbei leben, feiern, kämpfen kann?
Nein. Das wäre eher ein Bild für Berlin mit seinen Kiezprovinzialismen.
 
Und sozial? Es gibt doch immer weniger Läden, in denen sich noch alle Schichten treffen.
Das stimmt. Ungefähr 200 Meter Luftlinie von hier ist vor ein paar Monaten leider wieder ein Laden gestorben, in dem es das noch gab: Gertis Schoppenstube. Wenn Sie jetzt aber ein Patentrezept von mir hören wollen, was man dagegen tun kann: Ich habe keines.
 
Tut die Politik zu wenig?
Das wäre mir als Antwort zu einfach. Nehmen Sie nur die nahezu wildbelassenen Isargabelungen ums Deutsche Museum: Da gibt es einen unglaublichen Nutzungsdruck – jede große Firma will da mal irgendein Event veranstalten oder Werbeaufnahmen machen. Die würden alle ein Schweinegeld dafür bezahlen. Und da sagt die Stadt eisern: nein. Schade finde ich hingegen, dass der Kastaniengarten an der Reichenbachbrücke verschwinden muss – dort, wo die Ruby Bar sich noch eingenistet hat in den letzten sterbenden Monaten. Das ist sehr bedauerlich. Ich will aber auch keine politischen Statements abgeben.
 
Warum?
Ich halte das für unseriös. Mir wächst dadurch, dass mein Gesicht aus dem Fernsehen bekannt ist, keine politische Autorität zu.
 
Sie leben seit 13 Jahren in der Au. Waren Sie zufrieden, wie Ihr Viertel in der Folge "Der Traum von der Au" rüberkam?
Ich kann mich nicht erinnern. Ging’s da nicht auch um dieses Wohnungsthema? Ich weiß es nicht mehr, ehrlich.
 
Ist Ihnen das gar nicht so wichtig?
Doch, solche Sachen sind mir wichtig, aber ich weiß sie trotzdem nicht mehr. Wie kam die Au da rüber? Mir ist vor allem wichtig, wie sie bei mir rüberkommt, in meinem täglichen Leben.
 
Und wie kommt sie da rüber?
Da wird's immer besser. Super! Als ich eingezogen bin, gab’s die Isar-Renaturierung noch nicht, jedenfalls nicht bis dahin. Und ein paar sehr nette Läden siedeln sich auch an – zum Beispiel der archetypische "Italiener gleich ums Eck": gute Küche, persönliche Atmosphäre. Wunderbar.
 
Das mag nun eine steile These sein, aber was einer für Kaffee bestellt, und wie, das sagt doch mehr über ihn aus als jedes Presseheft. Bei Wachtveitl geht es so: "Ich hätte gern noch einen Kaffee, und zwar einen ganz normalen. Keinen Cappuccino, keinen Kakao, keinen  Latte Dingsda. Einfach einen normalen Kaffee mit einem Schluck Milch." 
Kellnerin: "Da ist Kondensmilch mit dabei."
Wachtveitl: "Das ist gut."
 
Gibt es ein München-Klischee, das Sie mögen?
Es gibt das Klischee von der sozialen Begegnungsstätte Biergarten. Das gefällt mir. Und es passt zu Ihrer Frage, wo sich noch alle Schichten treffen: im Biergarten. Übrigens auch in den Isarauen. Da trifft sich wirklich alles, der Frührentner mit gebügelter Hose und Fahrradhelm und irgendwelche Szeneleute aus dem Viertel, die liegen da alle nebeneinander, da gibt es keine separierten Zonen. Die Wiesn könnte auch so ein Ort sein, wenn man mal den positivsten Aspekt von vielen, auch negativen, herausgreift.
 
Waren Sie schon mal bei einem Tatort-Public-Viewing?
Ja, quasi klammheimlich. Es blieb nur nicht lang geheim. Im Klenze 17 war das. Die Leute sind aber eher beim Film geblieben als bei der Tatsache, dass ich da sitze. Das spricht ja für den Tatort. War lustig.
 
Warum ist der Münchner Tatort so beliebt?
Wir haben weitestgehend auf kurzlebige Mätzchen verzichtet. Und wir haben nie den Fehler begangen, Trübsinn mit Tiefsinn zu verwechseln. Manche denken, Inhalt ist schon, wenn einer mürrisch guckt, seinen Pappbecher zusammendrückt und sagt: "Manchmal hasse ich meinen Job."
 
Eine Lederjacke muss er auch noch tragen dabei.
Genau. Sie merken, ich zitiere mich schon selbst, und ich merke, Sie haben’s gelesen. Aber ich kann das nicht oft genug betonen und ich will es unters Volk streuen: Mir geht diese Art auf den Wecker. Es ist Trübsinnskitsch. Und es wird besonders schlimm, wenn man sich dann auch noch damit brüstet: "Ja, wir zeigen eben nicht die heile bunte Christine-Neubauer-Welt." Stimmt. Aber sie zeigen eine, die genauso kitschig und verlogen ist – nur halt schwarz gepinselt.
 
Wenn denn der Tatort, wie Sie sagen, Verlässlichkeit bieten muss, ist er ja für immer von dem ausgeschlossen, was an amerikanischen Serien derzeit so gelobt wird: die stete Weiterentwicklung der Protagonisten.
Richtig. Beim Tatort geht das nicht. Da muss jeder einzeln für sich stehen können und auch für sich verständlich sein. Man kann dieses Format nicht in "Breaking Bad" oder "Homeland" umwandeln, wo es das gibt, was man horizontale Dramaturgie nennt: Geschichten und Charaktere, die sich über Wochen entwickeln.
 
Ist das nicht schade?
Für dieses Format nicht. Abseits davon wäre es aber dringend an der Zeit für einen richtigen Kracher: Ein Stundenformat um 21 Uhr, das über Wochen hinweg eine spannende Geschichte erzählt. Dominik Graf hat das in meinen Augen schon mal glänzend versucht mit "Im Angesicht des Verbrechens". Es wurde nur noch nicht glänzend angenommen. Ich glaube, wir haben in Deutschland eine zu fette Schicht an Leuten, denen man eine so extreme Kost noch nicht vorsetzen kann. Die muss man listiger auf so ein Terrain locken.
 
Verfolgen Sie, was auf Twitter über die Sendung geschrieben wird?
Nein. Sie finden im Internet alles, und besonders oft finden Sie Schreihälse mit Schreibschwächen. Leute, die sich mal so richtig auskotzen wollen über alles Mögliche. Es gibt natürlich auch seriöse Wortmeldungen, aber sehr oft sind es Wichtigtuer. Ich gehe relativ oft ins Kino, da genieße ich es, dass da sonst nichts ist, vielleicht der raschelnde Popcornmeister hinter mir, aber mit dem kann man fertig werden, dem kann man in die Augen schauen. Aber irgendjemandem, der mir von irgendwo twittert, dass er meine Fresse nicht ertragen kann, was soll ich dem sagen? Ich kann dich auch nicht ertragen? Ich kenne den ja gar nicht.
 
Hier wird das Spiel turbulent: Die Interviewerin verdächtigt Charlotte Porz, im Englischen Garten mit der Rohrzange – und bekommt: keine Karte gezeigt. Eigentlich das Zeichen, dass sie den Täter gefunden hat. Leider erhärtet sich der Verdacht beim Kontrollblick nicht. Irgendjemand hat also falsch gespielt. Aus einer losen Folge von Anklagen und Gegenanklagen geht Udo Wachtveitl als Übeltäter hervor.
 
Oh, den Englischen Garten hatte ich. Aber Verwirrung gehört schließlich zur Verhörtaktik.
 
Die daran anknüpfende Aufregung nutzt er, um seinerseits zu lösen.
 
Es war Kevin Buschinski – mit dem Seil!
 
Auch falsch. Der Täter stimmt allerdings.
Das ist das Wichtigste. Um den Rest soll sich der Miro kümmern.

Text: jakob-biazza - und Kathrin Hollmer; Foto: Juri Gotschall

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