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Durchlauferhitzer

Zehn Jahre Kultfabrik, zehn Jahre schlechter Ruf. Warum mag der Münchner sein Party-Areal nicht? Wir haben die Antwort gesucht und uns dafür 17 Stunden lang in die Nachtkantine gesetzt.
jakob-biazza
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Am kommenden Samstag feiert die Münchner Kultfabrik Zehnjähriges. Das größte Party-Areal Europas. Jürgen Drews wird singen. Benny Benassi wird auflegen. Das passt freilich gut zum Bild, das viele Münchner vom Gelände haben. Es passt auch gut zu meinem Bild von der Kultfabrik. Ein Bild, das ich seit zehn Jahren nicht mehr überprüft habe. Vielleicht hat sich ja wirklich was verändert? Mit Blec Le Roc oder den Talking Pets spielen schließlich auch ein paar der besseren Münchner Indie-Bands beim Jubiläum. Also eine Art Selbsttest: Ich werde mich eine Öffnungszeit lang, also von 11 Uhr morgens bis 4 Uhr nachts, in die Nachtkantine setzen. Das Lokal ist die große Konstante am Platz. Es war schon die Werkskantine, als Pfanni dort noch Kartoffeln zu Brei, Klößen oder später Chips verarbeitete. Es war die Nachtkantine, als der Kunstpark Ost 1996 zur Zwischennutzung einzog. Und es blieb die Nachkantine, als die Kultfabrik im Jahr 2003 übernahm. Was auf dem Gelände im Großen passiert, spiegelt sich seit jeher in der Kantine im Kleinen. Deshalb wandelt sie sich über den Tag verteilt auch massiv – vom manierlichen Mittagslokal zur Feierlocation zur 3-Uhr-Morgens-Burgerbraterei. Der Laden ist ein Durchlauferhitzer. Fast alle Kultfabrik-Gäste kommen irgendwann dort vorbei. Bleiben tut kaum einer lang. Abgesehen von mir.

Gereinigt
Morgens ist die Kultfabrik anders: Es ist ein schöner, ein märchenhafter Tag. Die Sonne hat sich gegen 10 Uhr durch die Wolken gekämpft. Weil es die ganze Nacht geregnet hat, ist die Luft aber noch klar, was der Szenerie etwas Gereinigtes gibt. Die Gassen sind sauber und leer. Die Boxautomaten hinter dem Eingang funzeln ein sinnloses Geblinke. Niemand wird auf sie einprügeln. Tagsüber muss hier keiner beweisen, wie stark er ist. Nachts, wenn die Horden durch die Gassen brechen (im doppelten Sinn), ist das anders.

Um 11 Uhr riecht die Kantine noch leicht nach abgestandenem Vorabend. Das Parkett ist schon geschrubbt, die dunklen Holzstühle sind von den dunklen Holztischen geräumt. Gäste sind noch keine da. Im Pizza-Ofen links hinten züngelt bereits das Feuer (Buchenholz, sagt die Speisekarte), an den betonierten Wänden in Loft-Optik hängen in massigen, geschweißten Metallrahmen von hinten beleuchtete Bilder von Lagerfeuern. Wären sie echt, loderten sie wohl. Aber sie sind ja nicht echt.

Restmüll
Manchmal verändert die Alternative den Blick auf einen an sich ungeliebten Gegenstand. Die Alternative geht zum Beispiel so: "Das versiffte Zeug muss weg." Oder so: "Das war vor langer Zeit mal innovativ, jetzt ist es nur noch der Restmüll des Münchner Nachtlebens." Beide Sätze sind aus dem jahr 2011 und kommen aus dem Bezirksausschuss Berg am Laim. Und das versiffte Zeug, das ist die Kultfabrik. Nicht die ganze Kultfabrik. Gegen die Ateliers, die Kletterhalle, die Kantine oder die Tonhalle habe man nichts einzuwenden, hieß es damals im Ausschuss. Bleibt trotzdem ganz schön viel Restmüll. Das klingt herablassend. Und wenn einer herablassend behandelt wird, bringt ihm das mindestens Pity-Points ein, vielleicht sogar Sympathien. In diesem Fall: die Chance auf eine wenigstens unvoreingenommene Betrachtung.

Man muss das deshalb betonen, weil es tatsächlich schwer fällt, der "Kufa" ohne Vorurteile zu begegnen. Mir auch. Das Partyareal am Ostbahnhof hat wohl das, was man ein Imageproblem nennen würde. Wenigstens in München. Zu den "Things Münchner don’t say" gehört der gleichnamigen Facebook-Gruppe zufolge "Kultfabrik war geil gestern". Der Münchner meidet die Kultfabrik, weil dort angeblich nur Umland-Proleten feiern. Im europäischen Ausland (und im Norden Deutschlands) soll die Wahrnehmung eine andere sein. Angeblich kommen immer wieder Delegationen aus anderen Städten, um sich das Party-Areal zum Vorbild zu nehmen. Prophet im eigenen Land also? Wer von der Friedenstraße in die Grafinger Straße abbiegt, sieht dort einen Wegweiser mit der Aufschrift: "Kultfabrik – Anders als man denkt". Das "e" in "anders" ist spiegelverkehrt.

Vom Ende her
Nach hinten raus liegt der ziemlich neue und ziemlich schöne Biergarten der Kantine. Nachts, wenn die Partybeleuchtung vorne grell strahlt, verschluckt die Dunkelheit den Teil des Areals, auf den man von hier blickt. Dann wirkt alles etwas bedrohlich – die Graffiti von Künstler Loomit, die an fast allen Hallen prangen, die aufgeplatzten Wege und abgesägten Bahngleise. Morgens ist das alles sehr friedlich. Es liegt die gemächliche Betriebsamkeit über dem Gelände, die nur entsteht, wenn Menschen arbeiten, die mit dem Ist-Zustand sehr glücklich sind, die keine rasante Veränderung brauchen. Menschen, die eine Nische gefunden haben, in der sie wirken. Die Kultfabrik ist so eine Nische. Für wenige. Oder war eine Nische? Linkerhand ragt die Medienbrücke in den Himmel, dieses umgekippte Hochhaus auf zwei Stelzen, das 2010 an die Rosenheimer Straße gebaut wurde. Sie wirkt wie ein Omen aus einer rundverglasten Zukunft. Vielleicht sieht es in der Kultfabrik ja bald auch so aus?

Über das Zehnjährige der Kultfabrik zu schreiben, ist wie einen 90-Jährigen hochleben zu lassen: Es fällt schwer, die Geschichte nicht vom Ende her zu denken. Das ist quasi so, seit auf dem Gelände gefeiert wird. Wer heute jung ist, kennt München nicht ohne Kultfabrik oder Kunstpark. Offiziell war das alles aber ein Provisorium. Wenige Jahre. Bis etwas Neues kommt. Aber dieses Neue kam nie. Bislang. Jetzt soll aus der Kultfabrik das "Werksviertel" werden. Im Werk 3, der Halle, die von der Kletterhalle "Heavens-Gate" abgeht, wird damit bereits begonnen. Die Bereiche "Arbeiten", "Wohnen" und "Leben" sind im Plan vorgesehen, der im Forum zu besichtigen ist. Das Leben, das sind die Clubs, die bleiben dürfen: Die Tonhalle, das neu gebaute Technikum. Die Nachtkantine. Wahrscheinlich ein paar neue Locations im Erdgeschoss des Werk 3. Geplant ist ein komplett neues Viertel mit 1000 Wohnungen. Dazu Grünanlagen, Büros, Restaurants, Hotels. Vielleicht auch ein Kino. Vorbild ist der "Meatpacking District" in New York – einst bekannt für eine zweifelhafte Mischung aus Fleischfabriken, Nachtclubs und Prostitution, inzwischen ein nobles Shopping-Viertel mit Museen und dem berühmten "High Line Park".

Werner Eckart, Sohn von Pfanni-Chef Otto Eckart und Betreiber der Kultfabrik, hat selbst länger in New York gelebt. Er liebt "sein" Kufa-Gelände wie es ist, blickt aber auch optimistisch auf die neuen Pläne: "Ich bin sehr glücklich, möglichst viele der Gebäude zu erhalten, die mein Opa gebaut hat", sagt er. Die Clubs im Erdgeschoss und ein neu zu bauendes Dachgeschoss sollen dafür sorgen, dass die Ateliers im Werk 3 bezahlbar bleiben. Das geplante Vier-Sterne-Hotel wird mit seinen 22 Stockwerken laut Plan oben auf der Kletterhalle sitzen, damit auch die bleiben kann. Bei alldem ist auch der Schallschutz berücksichtigt. Auf dem Plan. Andererseits: Seit die Medienbrücke fertig ist, hat die nebenan gelegene Volkssternwarte Probleme mit der Lichtverschmutzung. Ein paar Monate im Jahr kann man den Großen Wagen gar nicht sehen, weil das Gebäude so hoch ist.

"Der Jürgen braucht nix"
Die ersten Nachtkantine-Gäste sind zwei Frauen in zerschlissen gekauften Jeans und Keil-Plateau-Sandalen. Die Blonde trägt ein buntes Seidentuch, die Dunkelhaarige ein Baby mit strassbesetzter weißer Wollmütze auf dem Arm. Sie setzen sich auf die gepolsterten Polyrattan-Möbel am vorderen Schaufenster und tippen über Milchkaffees mit langen Fingernägeln auf ihre Blackberrys ein. Das spätere Mittagspublikum ist auf interessante Art heterogen, auch wenn Funktionsjacken (inzwischen regnet es wieder) dominieren. Ein Endvierziger in türkisfarbenem Fleece und mit Wandertuch um den Hals spurtet mit einem Salat vom Buffet zu seinem Platz, ohne die Lesebrille abzunehmen. Ein Mann im dunkelgestreiften Hemd schlingt eilig einen Teller Pasta hinunter, ohne etwas dazu zu trinken, ein Handwerker mit Schnauzer und blauer Latzhose wickelt einsam Spaghetti in sahniger Soße auf. Zwei Tische weiter sitzt Volkan Özekcin. Er hat mit dem Clubdesigner Gerardi Rade den ehemaligen "Natraj-Tempel" zu einer gigantischen Werkstatt umfunktioniert, in der sie die Ausstattung unter anderem für den "Club4", den "Q-Club" oder den "Backstage Club" gebaut haben. Auch das ist die Kultfabrik. Auf Özekcins T-Shirt steht "Türkischer Volks-Deutscher".

Auf der nächsten Seite: Sven Regener und der betrunkene God of Hellfire.




Bis zu 300 Essen kommen hier mittags aus der Küche. Sagt Alexander Baehr, der Wirt, der sich zu mir an den Tisch gesetzt hat. Braungebrannt wie er ist, würde Baehr gut in eine TV-Doku über Ibiza passen – als Sympathieträger wohlgemerkt. Sein graues Haar ist kurzgeschoren, über die groben Gesäßnähte seiner Jeans schlabbert ein gemütlicher, dunkelblauer Pullover. Baehr ist ein Macher, ein Anschieber. Deshalb läuft er vielleicht auch immer so, als drückte er mit der breiten Brust einen Zug vor sich her. Details interessieren ihn nicht so sehr. Seit Januar ist er Chef der Nachtkantine. "Weil sie mich gefragt haben", sagt er, der schon den "Schlagergarten" und die "Kölsch Bar" betreibt. Wer "sie" sind, sagt er nicht. Zunächst hat Baehr sich um gastronomische Standards gekümmert: das Essen, den Service. Inzwischen schiebt er auch in anderen Bereichen an. Bei den Bands zum Beispiel, die in der Kantine spielen: "Das waren zum Teil Gruppen, bei denen mir die Gäste sofort geflüchtet sind. Kulturell war das vielleicht wertvoll, aber hier braucht es eher etwas, wo die Leute ein bisschen mitswingen können."

Baehr hat auch Jürgen Drews fürs Zehnjährige engagiert. "Den Jürgen" kennt er noch von früher. Eine Stunde wird Drews am Samstag im Biergarten der Nachtkantine singen, weshalb Janine Bogosyan, die Pressesprecherin der Kultfabrik, die gerade an den Tisch gekommen ist, wissen muss, was er für seinen Auftritt alles braucht:

"Der Jürgen braucht nix: ‚Ich ziehe mich auch auf deinem Klo um’, hat er mir gesagt."

"Aber ein Mikrofon und Monitorboxen wird er doch brauchen?!"

"Am besten ein Funkmikro, ja."

"Und die Musik?"

"Auch kein Problem: Da hat er ein Band dabei."

"Wenn du sagst ‚Band’, meinst du eine CD?"

An diesem Punkt gibt Baehr lieber eine Nummer aus seinem Handy weiter: "Ruf da selbst an!" Details interessieren ihn nicht so sehr.

Die Jungs sind zurück in der Stadt
"Wo sind die Lieder und Romane, die davon handeln, welch melancholisch-barocke Kraft diesem Ort innewohnt, der auf so rührende Weise das verzweifelte Streben des Menschen nach ein bisschen Glück, Unterhaltung und Rausch symbolisiert wie kein zweiter in Deutschland?" Sven Regener, Sänger bei Element Of Crime und Autor unter anderem der "Herr Lehmann"-Trilogie, hat das in einem Blogeintrag nach einem München-Konzert geschrieben. Über die Kultfabrik, die er in ihrer Künstlichkeit – und das meinte er nicht unbedingt abwertend – mit Las Vegas verglich. Und verdammt: Irgendwie hat er schon Recht damit.

Abends spielt eine Band ("Mia nenn’ ma uns Painted Desert und mir mamma Musi"). Coversongs natürlich. Die Leute brauchen ja etwas, wo sie ein bisschen miswingen können. Gegen 22 Uhr spielt sie "Englishman in New York": "I'm an alien/I'm a legal alien" heißt es darin. Stings blasierte Melancholie passt sehr zu meiner Gemütslage zu dieser Zeit. Ich fühle mich auch fremd. Auch, weil jetzt alle grölen: "Inglishmäääähn in Nuuuu Jooooork!" Angeblich hat die Band 400 Songs im Repertoire. Viele zum Mitgrölen: "The Boys Are Back In Town", "You Shook Me All Night Long". Aber auch "Wonderwall" von Oasis. Da blöken die Seitenscheitel im "Atomic Café" auch den Refrain mit. Und in der "Nachtkantine" erfüllt es nur ein dummes Klischee? Schwierig. Andererseits: "With A Little Help From My Friends" wird hier eben auch als Song von Joe Cocker angekündigt.

Auch sonst passt natürlich viel ins Bild. Gegen Mitternacht liegen sich die Männer draußen vor der Tür stoßweise in den Armen und busseln einander ab – relativ platonisch. Die Männer, die reinkommen, haben tendenziell rote Köpfe und recken das Victory-Zeichen zum Gruß in die Luft. Alle, ausnahmslos alle, tragen Jeans. Eine Gruppe Briten lässt auf jeden Schnaps ein kollektives Röhren folgen, ein potenzielles Kool-Savas-Double setzt sich an den Nebentisch, begrüßt das gesamte Personal mit Gangster-Handschlag und verschwindet wieder, ohne etwas bestellt zu haben. Außerdem taucht die Kellnerin von der Frühschicht plötzlich wieder auf: "Du bist ja immer noch da", sagt sie. "Du ja auch wieder", sage ich. "Aber privat", sagt sie. Und geht.

Dafür kommt eine größere Gruppe Jungs. Ein Rudel eher. Einen, den das T-Shirt unter der ledernen Biker-Weste als "God Of Hellfire" ausweist, stützen sie bereits. Auch diese Gruppe röhrt zum Schnaps. Ein Typ im Karohemd zeigt der Band stolz sein vollgeschnäuztes Taschentuch. Danach schläft er in die linke Hand gestützt ein. Der God Of Hellfire irrt sich auf dem Weg zur Toilette in der Tür und landet im Personalbereich – scheint seinen Fehler aber ehrlich zu bereuen. Insgesamt wird er eine halbe Stunde wegbleiben. Dabei überwacht ihn ein fürsorglicher Kollege vor der Tür. Männerfreundschaften. Feier-Solidarität. Brüder im Schnaps. Schön.

Als die Jungs nach dem letzten Song der Band gehen, bleibt wieder Leere. Eine Gleichförmigkeit aus Burgern und Daft Punks "Get Lucky", das hier noch mehr als sonst wie ein Abgesang klingt. Die letzten zwei Stunden sind nur langweilig. Zu sehr später Stunde wird ein in München ziemlich bekannter Kabarettist die Nachtkantine mit einer Frau betreten und Biere mit ihr trinken. Es ist schwer zu sagen, ob es seine eigene Frau ist. Deshalb bleibt sein Name geheim. Wäre ich Kabarettist und untreu, ich ginge auch in die Nachtkantine.

Lebt noch
Welche Erkenntnis mir sonst bleibt, weiß ich nicht. Als ich um 4 Uhr gehe, erfasst mich eine gewisse Seligkeit. Ich schwanke bei betrunkenen Massen sonst zwischen Angst und Ekel. Heute geht es. Gut sogar. Die Menschen auf dem Balkon des "Willenlos" (angeblich zu großen Teilen Studenten) sehen im lila Schein der Beleuchtung wunderschön aus. Aus dem Schlagergarten tönt "Hang On Sloopy", was, mit Verlaub, einfach ein verteufelt cooler Song ist. Ein dicker Junge pustet torkelnd in das Testgerät der Mädels mit den Promille-Polizei-Uniformen. Seine Freunde machen "Blasen"-Witze. Natürlich. Es sind immer dicke Jungs. Und immer "Blasen"-Witze. Neben dem "Living 4" hockt ein Typ im Skater-Outfit auf dem Boden und stützt den Kopf in die Arme. Ein anderer steht mit offener Hose daneben und pinkelt ihm auf den Schuh. "Krass, der pisst seinem Kumpel auf den Kopf", brüllt ein Dritter. Dabei stimmt das ja gar nicht.

Sven Regener wollte mit seinem Blogeintrag auch missionieren. Ein bisschen neigt er da ja zu. Ein "Anstoß" sollte der Text sein, "für eine konzertierte Aktion deutscher Künstler, dem größten Party-Areal Europas etwas mehr Respekt und Beachtung zu verschaffen. Die Filme, Romane und Lieder werden folgen, und dann ist alles gut!" Als letzten Song haben Painted Desert in der Nachtkantine "Stayin’ Alive" gespielt – die, wie sie es nannten, "ultimative Tanzhymne aus den Siebzigern". Das klingt doch fast nach einem Schlachtruf: Lang lebe die Kultfabrik. Die Lieder, die Regener in seinem Blog fordert, sind schon geschrieben. Sie müssen nur gespielt werden.

Text: jakob-biazza - Foto: Kultfabrik