Müsste man München allein mit Essbarem beschreiben, würde man als erstes die Weißwurst nennen. Dann den Schweinebraten. Und als „Fast Food“ sozusagen die Leberkässemmel. An Burger denkt bei München keiner, dafür ist die essbare Konkurrenz einfach zu groß.

Trotzdem ist München die globale Burger-Nummer-Eins. Die McDonald’s-Filiale am Stachus ist die umsatzstärkste der Welt. Vier Millionen Gäste kehren dort pro Jahr ein, etwa dreimal so viele Menschen wie in München leben. Jeden Monat werden dort über 10000 Bic Macs verkauft.

Auch wenn man um die Fast-Food-Kette und ihre Konkurrenten einen großen Bogen macht, kann man in der Stadt inzwischen an jeder Ecke Burger essen. Fast in jeder Straße gibt es einen Burger-Laden oder zumindest ein Lokal, in dem es auch Burger, vielleicht sogar eine eigene Burger-Karte gibt. Die Auswahl ist unglaublich groß – und genau das ist das Problem. Man kann in München nicht einfach einen Burger essen, sondern man muss ein ganzes Lifestyle-Paket mitkonsumieren. Will das überhaupt jemand, wenn ihn die Lust auf einen vor Fett triefenden Burger packt? Ich zumindest möchte das nicht. Bei akutem Burger-Hunger sind alle unnötigen Beigaben doch nur im Weg, finde ich.

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In München kann man fast nirgendwo einen simplen Burger bekommen. Da sind zum einen die Party-Burger, die man vor dem Ausgehen wie einen Aperitif serviert bekommt, zum Beispiel in der Bar „Schnelle Liebe“ oder im Burger-Club M.C. Müller. Dort werden die Fleisch-Semmeln mit Namen wie „Buff Dadd“ und „Der Bulle von Tölz XL“ präsentiert. Dazu gibt es Cocktails und am Wochenende legen DJs auf, ebenso im „Ca-Ba-Lu“, wo auf der separaten Burger-Karte unter anderem Bison-, Toscana- und Honululu-Burger stehen. Eine tolle Idee. Wenn mir nach Ausgehen ist. Wenn mir nach einem Burger ist, will ich mir nicht nach jedem Bissen nervös mit der Serviette den Mund abtupfen und um mein Party-Outfit bangen müssen. Und auch keine Fleisch-Semmeln mit kapriziösen Namen wie „Buff Daddy“ und „Der Bulle von Tölz XL“. Ein „Bison-Burger“ oder „XL-Burger“ hätte es auch getan.

Woanders bekommt man den Burger dagegen nur in der piekfeinen Luxus-Variante. Im selbsternannten Edel-Burger-Laden „Cosmogrill“ werden die Dinger vom Bio-Ochsen (medium gegrillt mit geschmolzenem Bergkäse, gegrillten Pfifferlingen und Portwein-Zwiebeln) oder von der Barbarie-Ente (rosa gebraten mit Honig-Senf-Glasur und Estragon-Mayo) serviert. Dazu trinkt man – natürlich – Champagner.

Die dritte Kategorie Burger-Laden wiederum sieht viel zu gesund aus, um als solcher durchzugehen. Sehr gut beobachten kann man das in den beiden Filialen der Burger-Kette „Hans im Glück“: Die Birkenstämme im Restaurant und auf den Tischen, die blätterförmigen Teller wirken so frisch und grün, sogar die Speisekarte verströmt ein gesundes Flair, dass vom klassischen Burger-Gefühl fast nichts bleibt. Folgerichtig stehen die vegetarischen und veganen, übrigens auch brotlose Burger der bösen Kohlehydrate wegen, auf der Karte noch vor den „normalen“, nein, „Glücks-Burgern“.

Was die meisten dieser Burgerbrater mit Chichi gemeinsam haben: Sie bestehen darauf, kein Fast Food zu machen. Warum eigentlich? Ich will nicht falsch verstanden werden: Es ist eine gute Idee, auch gesunde Burger anzubieten oder sie ins Nachtleben zu integrieren – und das mit den überkandidelten Edel-Burgern ist wohl ein unvermeidbares München-Ding. Bloß: Wenn alle versuchen, keinen normalen Burger zu machen, dann bleibt kein Ort mehr für die gewöhnliche Burger-Lust.

Wenn man so richtig Bock auf einen Burger hat, und zwar mit Pommes statt mit Gemüsesticks, und gerade in seinen Kohlehydratlappen beißt, machen einem brotlose Burger auf der Speisekarte schlechte Laune und ein schlechtes Gewissen obendrein. Für die Party zurechtgemacht kann doch kein Mensch entspannt in einen Burger beißen, ebenso wenig in einem Restaurant, in dem man zum Besteck greifen muss, weil man sich nicht mit der Hand essen traut. Für die Lust auf einen ehrlichen Burger, und der ist nun mal fettig, ist das alles zu chic, zu gesund oder beides auf einmal. Gegen den Burger-Heißhunger hilft nämlich weder Portwein noch Edelfleisch. Da hat auch kein Estragon und keine Barbarie-Ente was verloren, schon gar nicht rosa gebraten. Und erst recht kein Türsteher.

Für einen ehrlichen Burger-Appetit gibt es nur ganz wenige Orte in der Stadt. Das sind dann kleine Läden wie das „Frida“, wo einfach zwei Varianten, ein Hamburger und ein Veggie-Burger mit auf der Speisekarte stehen. Oder das „Burger House“, wo man sich, zumindest mittags, auf einen einzigen beschränkt: den Classic House Burger, den es noch als Mini-, Double- und Triple-Variante mit veränderter Fleischmenge gibt. In die Abendkarte sind irgendwie Trüffel-Burger und Gruyère-Käse reingerutscht. Die edlen Beigaben, das Feiern und auch das Gesunde findet man auch im Burger House, aber eben zum Glück nur als Nebensächlichkeiten. „Wir machen alles selbst, das Fleisch, die Brötchen und die Soße. Aber zu gesund soll es auch nicht sein, wir machen schließlich Burger“, sagt Nicolas Hegewisch, 26, der das Lokal im Januar eröffnet hat.

Solche Läden, in denen der Burger im Mittelpunkt steht und nicht das Drumherum, braucht es mehr in der Stadt. Läden, in denen es nicht schlimm ist, den Teller als kleines Schlachtfeld zurückzugeben. Eben Läden für einen schmutzigen Burger-Heißhunger. Sonst hilft am Ende nur noch eins: selber machen.

Text: kathrin-hollmer - Illustration: Katharina Bitzl