Heimweh nach Hässlichkeit

München ist so schön, dass jede Heimkehr dorthin einer Flucht aus der Realität ins Märchenland gleicht. Das Problem: Es fällt schwer, sich zu Hause zu fühlen
nadja-schlueter

Eigentlich wusste ich, in welche Stadt ich ziehe. Ich kannte sie von vielen früheren Aufenthalten und ich kannte schon einige Menschen dort. Daher nahm ich den Umzug von Bonn nach München nicht allzu schwer. Der Abschied war wegen der Freunde traurig, nicht wegen der Gegend. Ich hatte keine Angst vor Heimweh und freute mich auf die nahen Berge, auf Schnee im Winter und überhaupt darauf, wie schön in München alles ist.

  Am Anfang hielt diese Freude an. Der warme Spätsommer und der sonnige Herbst verstärkten ein Gefühl, das ich nie zuvor nach einem Umzug hatte: das Gefühl, im Urlaub zu sein. Und das, obwohl ich jeden Tag zur Arbeit ging. Ich nahm mir fest vor, alle Freunde, die die altbekannten Vorurteile gegenüber München aufrecht erhielten, bei ihren Besuchen davon zu überzeugen, wie gut es sich hier leben ließ.

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Illustration: Julia Schubert



  So etwas Ähnliches wie Heimweh kam erst auf, als ich nach einigen Wochen einen Zug in Richtung Nordwesten nahm und meine alte Heimat besuchte. Genau genommen noch nicht einmal dann, sondern sogar erst, als der Tag der Rückreise gekommen war. Da merkte ich plötzlich, dass ich gar nicht zurück wollte. Dass sich nach München fahren nicht wie nach Hause fahren anfühlte, sondern dass sich die Abfahrt aus München wie nach Hause fahren angefühlt hatte. Wie die Rückkehr aus dem Urlaub in die Wirklichkeit. München schaffte es zwar, dass ich nach nicht mal eineinhalb Tagen wieder zufrieden war und dachte: „Es ist doch schön hier!“ Aber ich wusste jetzt auch, dass mich die Stadt bloß mit ihrer kulissenhaften Schönheit einlullte, dass ich nur glücklich mit ihr war, solange ich dort war und dass ich nach der nächsten Reise wieder mit Bauchschmerzen zurückkehren würde.

  Noch schlimmer wurde es, als ich nach Weihnachten in einem Zug saß, der fast das gesamte Rheinland durchfuhr, von Koblenz bis nach Düsseldorf. Der Streckenabschnitt zwischen Bonn und Köln ist einer der hässlichsten, den ich kenne. Eine trostlose Ebene mit verlorenen Dörfern, scheußlichen Hochhäusern und Industrie, die sogar grau wirkt, wenn der Himmel strahlend blau ist und die Sonne scheint. Ich bin diese Strecke während meines Studiums unendlich oft gefahren und habe mich ihr immer irgendwie verbunden gefühlt. Der grobe Klang der Ortsnamen, die in der Regionalbahn durchgesagt wurden, war der Klang der rheinischen Provinz und der Klang meiner Heimat: Roisdorf – Sechtem – Brühl – Hürth-Kalscheuren. Jetzt sah ich aus dem Zugfenster, fand alles hässlich und hatte schreckliches Heimweh nach dieser Hässlichkeit.  

  In München ist einfach nichts so richtig hässlich. Das ist etwas Gutes, möchte man meinen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, an der Nase herumgeführt zu werden. Jede Rückkehr nach München gleicht einer Flucht aus der Realität in ein Märchenland. Ich fühle mich in Watte gepackt und mit Idyll überschwemmt, mit diesem Feriengefühl, von dem ich gewöhnt bin, dass es irgendwann aufhört. Aber es bleibt, wenn ich vor dem neuen Rathaus oder dem Müllerschen Volksbad stehe, wenn ich an der Isar entlang schlendere, mit dem Rad ins Glockenbachviertel fahre, wenn man bei guter Sicht bis zu den Alpen blicken kann und wenn im Radio die heimeligen Veranstaltungstipps für Bayern durchgesagt werden. Ich kann mich über nichts aufregen, denn das würde mich zu einem der Menschen machen, die ich für ihr ständiges München-Bashing verachte. Statt mich aufzuregen, sehne ich mich in die Heimat. Ich sehne mich nach dem hässlichen Bonner Hauptbahnhof, nach den hässlichen Kacheln in den Kölner U-Bahnhöfen und sogar nach dem hässlichen Karneval, einer Tradition, mit der ich aufgewachsen bin, die ich verstehe und die ich darum mit Fug und Recht ablehnen darf. Ich sehne mich nach dem Rhein, der nicht pittoresk dahinplätschert wie die Isar, sondern ein bisschen zu dreckig und zu begradigt, aber sehr breit und erhaben strömt. Ich sehne mich nach Prolls in der Straßenbahn und nach ramschigen Kiosken. Ich sehne mich danach, mich endlich nicht mehr wie im Urlaub zu fühlen, sondern wie Zuhause. Und zum Zuhausesein gehört hin und wieder eine Portion Trostlosigkeit, damit man auch mal ein bisschen unglücklich und schlecht gelaunt sein kann, ohne sich damit fehl am Platz zu fühlen, weil drumherum alles so gut und so schön ist.

Heimweh geht natürlich auch andersum. Hier liest du, warum man sich auch nach München zurück sehnen kann.

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