Heimweh nach Schönheit

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Im Sommer habe ich München wegen eines neuen Jobs in Hamburg verlassen. Es war eine verdammt harte Entscheidung, mit Sonne im Rücken ließen sich ihre Folgen aber einigermaßen ertragen. Der Start in einer unbekannten Stadt ist am Anfang spannend wie Abenteuerurlaub. Nur: Glücklich wird man erst, wenn sich Wiederholungen einschleichen. Wiederholungen, aus denen Rituale werden. Rituale, aus denen Lieblingskneipen, Freundschaften, vielleicht sogar eines Tages Heimatgefühle entstehen. Wiederholungen brauchen Zeit. Ein halbes Jahr Alltag zwischen Alster und Elbe reichen da nicht.

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Illustration: Julia Schubert



Jetzt, im wintergrauen Hamburg, leuchten die Farben Münchens besonders hell in meiner Erinnerung. Das Ockergelb der Theatinerkirche, das Tulpenrot am Gärtnerplatz. Wenn man im Regen steht, ist Heimweh ein nahe liegendes Gefühl. Es ist dann nicht schwer, sich an den Ort zurückzuwünschen, an dem die Brezn dicke Ärmchen haben, die Radiosprecher Stau in Adelzhausen und Odelzhausen vermelden und im lokalen Verkehrsnetzplan ein kleiner Elefant den Tierpark ankündigt. Klar: Wenn etwas weg ist, ist es nicht mehr da. Das tut weh. Trotzdem ist das Heimweh nach München kein gewöhnliches. Die bayerische Hauptstadt versteht es wie kaum eine zweite Metropole in Deutschland, ihren Bewohnern Identität zu schenken. Das Gefühl, in München dahoam zu sein, ist auch deshalb so nachhaltig, weil man es sich hart erarbeiten muss. Als ich vor vier Jahren zum Studieren nach München zog, schreckte mich das ab. Weil es anfangs eben auch bedeutete: Du gehörst nicht dazu. Man muss sich dann von Bäckereifachverkäuferinnen belehren lassen („Semmeln heißts!“) und seinen ganzen Mut zusammennehmen, um den Viktualienmarkt mit F auszusprechen („Fiktualienmarkt“). Wenn man aber erst einmal die Angst vor allen Klischees verloren hat, wird man spätestens auf der Wiesn feststellen, dass Münchner Lebensfreude ansteckend ist.

Ich habe vier Jahre Alltag in München gebraucht, um Helmut Dietls „Kir Royal“ wirklich witzig zu finden. Eigentlich kapiere ich erst jetzt – aus meiner nördlichen Distanz heraus – was der Schimmerlos mit seinem „Wer reinkommt, ist drin“ wirklich gemeint hat: Wer reinkommt, kommt nicht mehr raus. Auch nicht, wenn er nach Hamburg zieht. München lässt mich einfach nicht richtig los.

Es hilft dann auch nicht, in der Fremde nach Spuren der alten Heimat zu suchen. Im Bayerischen Wirtshaus bei mir in Hamburg um die Ecke gibt es nur Paulaner Weißbier. DJ Ötzi lärmt von irgendeiner Best-of-Oktoberfest-CD und die Bedienung trägt ihr Dirndl wie ein Faschingskostüm. Ich freue mich immer, wenn mir in Hamburg ein Dackel begegnet. In Gedanken setze ich dem Menschen am anderen Ende der Leine dann einen grünen Filzhut mit Rasierpinsel auf den Kopf, und schon muss ich lächeln. Wenn das Heimweh ganz schlimm wird, gucke ich eine Folge „Die Hausmeisterin – Geschichten aus Haidhausen“ an, verliebe mich ein bisschen in Helmut Fischer und mache mir eine Tiefkühlbrezn heiß.

Natürlich ist Heimweh immer auch verdammt ungerecht. Es verklärt die Vergangenheit, hübscht auf, was aus der Nähe scheußlich war: Die Geländewagen-Kolonnen in der Münchner Innenstadt, die mondgesichtige Verkäuferin im Krawattenladen auf der Maximilianstraße, die auf unsere Turnschuhe blickte und augenblicklich das Verkaufen einstellte. Heimweh ist auch deswegen keine schöne Erfindung, weil es den Blick auf das trübt, was am neuen Zuhause vielleicht gar nicht mal so schlecht ist.

In Hamburg kann ich mit der U-Bahn zum Flughafen fahren. In Windeseile. Auf dem großen Festplatz in St. Pauli findet alle paar Monate ein Volksfest statt – mit original Olympia-Looping. Das Ticket kostet halb so viel wie auf der Theresienwiese. Es gibt in Hamburg Franzbrötchen, die es locker mit den Münchner Schmalznudeln aufnehmen können. Von riesigen Schiffen kann außerdem eine ähnlich beruhigende Wirkung ausgehen wie von hohen Bergen. Und gelbe Regenjacken sind doch eigentlich verdammt schick. Toll sind auch die Straßen. Hier in Hamburg heißen sie „Rutschbahn“, „Schulterblatt“, „Plan“ oder „Milchstraße“. Auch einen „Heimweg“ gibt es. Ich hoffe heimlich, dass er mich eines Tages zurück nach München führt.

Heimweh geht natürlich auch andersum. Hier liest du, warum man sich auch aus München fort sehnen kann.


Text: anna-kistner - Illustration: katharina-bitzl

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