„Ich konnte nichts“

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Vielleicht haben ihn einige schon mal im Radio gehört oder sogar bei einem seiner Straßenauftritte im Gärtnerplatzviertel gesehen. Wenn nicht, dann ist es höchste Zeit, Münchens Blues-Nachwuchshoffnung Jesper Munk kennenzulernen. Pünktlich zum Recordstore Day am kommenden Samstag ist sein Debütalbum auf Platte gepresst worden – ein Interview über Vinyl, das Plattenaufnehmen und Musik als Familienerbe.

jetzt.de München: Jesper, du bist gerade mal 20 Jahre alt und trotzdem schon fast ein Veteran der Münchner Musikszene. Wie hast du angefangen?
Jesper Munk: Als ich 16 war, kamen in der Pause vier Jungs zu mir, die meinten, ich soll in ihrer Band „Lila’s Riot“ Bass spielen – anscheinend dachten die, weil mein Vater Bassist in der Band „Cat Sun Flower“ ist, müsste ich das Instrument auch beherrschen. In Wahrheit hatte ich noch nie einen Ton gespielt. Ich konnte nichts. Trotzdem habe ich natürlich behauptet, ein bisschen zu spielen, obwohl ich eigentlich keine Lust hatte, da mitzumachen. Die Jungs sind übrigens großartig.

Warum hattest du denn dann keine Lust?
Ich glaube, das war auch ein bisschen Trotz, dass ich nicht genau das Gleiche machen wollte wie mein Papa. Also habe ich sie immer wieder vertröstet, bis ich dann doch mit ihnen mal in den Übungsraum gegangen bin. Und als ich dann in dem winzigen Proberaum im Keller stand, der schon mit einem Schlagzeug fast voll war, habe ich sofort zugesagt. Ich wusste einfach, dass es das ist, was ich machen will.

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Illustration: Julia Schubert

Jesper, 20, Musikveteran.

Aber von dort ist es zur eigenen Platte als Solokünstler noch weit.
Das hat sich alles aus einem Zufall heraus entwickelt. Als ich vor zwei Jahren mit meinem Vater die Straße entlang gegangen bin, wurden wir von einem Freund angesprochen, der ihn gebeten hat, mit ihm bei der „Fish’n Blues“-Reihe in der Glockenbachwerkstatt aufzutreten. Mein Vater konnte aber an dem Abend nicht und meinte, ich soll das machen. Zu dem Zeitpunkt habe ich vielleicht drei Songs beherrscht, aber ich habe trotzdem zugesagt und bin dann mit einem Freund aufgetreten. Wir hatten keine Ahnung, haben nur irgendetwas gespielt. Trotzdem fanden es die Leute anscheinend gut. Daraus hat sich mein Solokünstler-Ding entwickelt: Eineinhalb Jahre lang bin ich jeden Mittwoch dort aufgetreten. Irgendwann habe ich angefangen, selbst Songs zu schreiben. Und nach dem Abi sind wir das mit der Platte angegangen. Da war natürlich auch mein Papa mit seinem Drive ziemlich dahinter. Der meinte einfach: Das machen wir jetzt. Ich selber war zu dem Zeitpunkt noch relativ weit entfernt davon zu sagen, dass ich ein Musiker bin.

Und jetzt wird deine erste Platte in Kürze veröffentlicht. Was ist das für ein Gefühl?
Ein unglaubliches. Wir waren extra im Presswerk und als da die Frage kam, ob sie 140 oder 180 Gramm wiegen soll, da mussten es einfach 180 Gramm sein. Ich war auch viel gespannter auf die Platte als auf die CD, vor allem, was den Sound angeht. Die eigene Vinylplatte aufzulegen – das hätte ich nie gedacht, dass ich so etwas erlebe.

Wie ist die Platte entstanden?
Das meiste ist in Eigenregie passiert: Ich war quasi Aufnahmeleiter, habe Gitarre gespielt, bei einigen Songs auch den Bass. Und dann musste ich die Songs auch noch mischen, was ich noch nie getan hatte. Da braucht man für einen Song schon mal drei Wochen, für den ein Profi vielleicht zwei Tage braucht. Bei der Produktion hat mich mein Vater dann sehr unterstützt. Der Plan war, die Songs so aufzunehmen, dass es schön fertig und nach Proberaum klingt. Das ist aber gar nicht so einfach, das hinzukriegen. Dass das geht, und ohne dass man sich dafür verschulden muss, hat mich total gefreut. Vorher hatte ich immer irgendwelche beängstigenden Phantasiepreise im Kopf und dachte, dass ich am Schluss die Platte für 25 Euro verkaufen müsste.

http://www.youtube.com/watch?v=ps6CiwRR0Jk

Bist du denn eigentlich selbst Plattenkäufer?
Ich kaufe sehr gerne alte Platten, um mich überraschen zu lassen, aber auch, um dazuzulernen, was den Sound und die Produktion angeht. Und ich lasse mich total gerne überraschen. Oft kaufe ich Platten, die ich gar nicht kenne und habe dann so einen Überraschungsei-Effekt, wenn ich sie auflege. Das hat einen sehr eigenen Charme.

Und du kaufst auch, statt zu kopieren?
Klar, so bin ich aufgewachsen, mit einem Vater, der Musiker ist. Und ich fand es immer eigenartig, wenn die Leute ihre fetten MP3-Player randvoll mit Musik hatten, aber keine Ahnung von den Künstlern. Diese Willkür hat mich schon immer genervt.

Aber mit dieser Haltung bist du wahrscheinlich eher in der Minderheit.
Ich glaube wirklich, dass die Platte wieder kommt. Dass die Hipster mit ihrer Begeisterung für alles, was retro ist, Vinyl wieder in den Vordergrund rücken. Und da hätte so ein Trend, der normalerweise nur nervt, doch auch einen positiven Aspekt.

Du bist aber auch in einem Haushalt voller Platten aufgewachsen, oder?
Ja, wobei ich Plattenhören eigentlich erst für mich entdeckt habe, als ich mal sturmfrei hatte. Da bin ich an einem Samstag schwer verkatert aufgewacht und dachte: Geil, du kannst dir jede Platte aus dem Schrank nehmen und sie so laut hören wie du willst – ohne dass dir jemand dazwischen funkt. Das war der Moment, an dem ich den Zauber von Vinyl erkannt habe.

Dein Vater spielt auf deinem Weg zum professionellen Musiker schon eine recht wichtige Rolle, oder?
Er hat mir sehr bei der Label-, Manager- und Verlags-Suche geholfen und auch viele Verbindungen zu Menschen geschaffen, weil er einfach viel mehr Leute kennt als ich. Und er spielt Bass bei den Auftritten.

Wie ist es für dich, mit deinem Vater zusammen Musik zu machen?
Es war sehr interessant, mit ihm zusammen zu arbeiten. Vorher waren wir einfach bloß Vater und Sohn. Aber so ist auf einmal noch ein neuer Aspekt unserer Beziehung hinzugekommen. Ich lerne durch die Zusammenarbeit mit ihm auch viel schneller, als wenn ich mit Gleichaltrigen spielen würde. Er hat einfach 20 Jahre Erfahrung als Musiker und das merkt man. Klar, sagt er auch mal: „Jetzt trink halt nicht so viel“. Aber Clemens, der Schlagzeuger, und ich, wir haben nie das Gefühl, dass wir bei unseren Gigs einen Aufpasser dabei haben.

Du bist eine Zeit lang auch als Straßenmusiker aufgetreten. Wie kam es dazu?
Ich jobbe in der Gastronomie und da sieht es im Sommer mau aus, ich brauchte also eine Idee zum Geldverdienen. Bei einem Urlaub in New York habe ich dann gesehen, dass sich da wirklich jeder auf die Straße stellt und Musik macht, da dachte ich: Das kann nicht so schwierig sein. Ich wusste, dass man eine Lizenz braucht, aber nur für die Fußgängerzone und ein paar Quergassen. Also habe ich das am Gärtnerplatz ausprobiert und es war eine wirklich gute Übung. Weil es eine ganz andere Art ist, Musik zu machen. Du bist nicht der Typ auf der Bühne, von dem alle schon vorher wissen, dass der jetzt gleich Musik macht. Sondern du stehst da rum und musst die Leute dazu bringen, stehen zu bleiben und zuzuhören. Da muss man die Leute viel mehr packen – freut sich aber auch wahnsinnig, wenn dann tatsächlich mal jemand stehen bleibt.

Aber hast du Geld damit verdient?
Schon. Ich hab da so eine kleine Routine entwickelt in den Ferien: Ich bin rausgegangen und habe ein bisschen gespielt. Dann habe ich mich an den Gärtnerplatz gelegt, bin an die Isar gegangen, ein bisschen schwimmen. Und später bin ich noch mal los und dann war der Abend auch wieder finanziert. Oder wenn ich mit Freunden an der Isar war und die Gitarre dabei hatte, bin ich irgendwann aufgestanden, kurz zum Spielen gegangen und habe uns dann die nächste Runde geholt. Das war ein sehr entspannter und lustiger Sommer.

„For In My Way It Lies“ erscheint Mitte Juni bei redwinetunes. Zum Recordstore Day an diesem Samstag gibt es die Platte bei „Optimal“ (Kolosseumstraße 6) aber auch schon exklusiv vorab zu kaufen. Live kann man Jesper Munk am 4.Mai auf der Praterinsel und am 11. Mai im Gasteig in München sehen.

Text: christina-waechter - Foto: Juri Gottschall

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