Als ich die Tür öffne, habe ich noch keine Ahnung, dass ich gleich angeschnauzt werde. Ich habe keine Ahnung, dass ich später noch einem nackten Irren begegne, der mich in einem Keller in die dunkelste Ecke drängt. Und ich habe auch keine Ahnung, dass Schüsse fallen werden.

Überhaupt war das Ganze von Anfang an sehr geheimnisvoll. Was ich weiß, ist nur: Ich bin auf der Premiere einer neuen Veranstaltungsreihe namens „Filmtrip“, es ist ein erster Versuch, der zeigen soll, ob die Idee funktioniert und sich in München etablieren lässt. Die Idee besteht darin, „die Grenzen zwischen Kino, Theater und Performance“ zu verwischen. Man schaut sich einen Film nicht nur an, sondern soll ihn vorher erleben. Ihn riechen, mit den Händen greifen, durch ihn hindurch rennen. Auf der Webseite heißt es: „Es bleibt dir selbst überlassen, wie sehr du dich am Spiel beteiligst. Je tiefer du in deine Rolle eintauchst, desto aufregender wird dein Abend.“ Es bleibt vorher geheim, um welchen Film es geht, und an welchem Ort der Trip startet.

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"Das Schweigen der Lämmer" wirklich erfahren: Lukas von der Lühe spielt Buffalo Bill. Sonst ist er an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule und an den Münchner Kammerspielen.

Für mich startet er in der Kreuzstraße, nahe der Favorit Bar. Vor ein paar Tagen habe ich eine Mail bekommen, adressiert an „Special Agent John Thompson“. Ich solle mich im Rahmen meines letzten Ausbildungsjahres an einer Undercovermission beteiligen.

Worin die besteht, erklärt mir und einigen anderen FBI-Frischlingen jetzt ein rauchender Agent in einem Achtzigerjahrebüro in einem Hinterzimmer der Favorit Bar. Dorthin hat mich ein als Penner getarnter Agent mit widerwärtiger Alkoholfahne geschickt, am Eingang wurde ich von einem Mann in dunklem Overall und FBI-Cap angebellt, weil ich auf die Frage, ob ich Thompson sei, nicht mit einem korrekten „Ja, Sir“ geantwortet hatte. An der Wand hängen Fotos und Ermittlungsunterlagen, der Agent raucht ununterbrochen während des Briefings. Wir sollen im Haus einer alten Dame namens Lippman Hinweise auf den Verbleib eines vermisst gemeldeten Mädchens suchen. Wahrscheinlich habe der Serienkiller Buffalo Bill sie entführt.

Ein Ausbilder scheucht uns in einen abgedunkelten Lieferwagen, wir fahren eine Weile, ohne zu wissen, wohin. Dass der Hinterhof, durch den der Agent uns hinab in den Keller jagt – „In AZB-Haltung! Arsch zum Boden!“ – der Hinterhof der Favorit Bar ist, merken wir nicht. Unten im Keller: ein blutbeschmierter Seziertisch, Kästen voller Insekten. Nähmaschinen, Schnittmuster, Frauenperücken. Wir sind mitten in „Das Schweigen der Lämmer“, packen mit der Pinzette Haare in Beweismitteltütchen, fotografieren die Blutflecken. Angespannt, und je weiter wir hinten in die dunklen Ecken des Kellers kommen, auch ängstlich. Zurecht: Wir werden gleich die panische Entführte finden, Buffalo Bill wird wirklich kommen und uns nachstellen, bevor die Schüsse unserer FBI-Kollegen uns vor ihm retten.

 

Überhaupt war das Ganze von Anfang an sehr geheimnisvoll. Was ich weiß, ist nur: Ich bin auf der Premiere einer neuen Veranstaltungsreihe namens „Filmtrip“, es ist ein erster Versuch, der zeigen soll, ob die Idee funktioniert und sich in München etablieren lässt. Die Idee besteht darin, „die Grenzen zwischen Kino, Theater und Performance“ zu verwischen. Man schaut sich einen Film nicht nur an, sondern soll ihn vorher erleben. Ihn riechen, mit den Händen greifen, durch ihn hindurch rennen. Auf der Webseite heißt es: „Es bleibt dir selbst überlassen, wie sehr du dich am Spiel beteiligst. Je tiefer du in deine Rolle eintauchst, desto aufregender wird dein Abend.“ Es bleibt vorher geheim, um welchen Film es geht, und an welchem Ort der Trip startet.

 

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"Das Schweigen der Lämmer" wirklich erfahren: Lukas von der Lühe spielt Buffalo Bill. Sonst ist er an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule und an den Münchner Kammerspielen.

 

Für mich startet er in der Kreuzstraße, nahe der Favorit Bar. Vor ein paar Tagen habe ich eine Mail bekommen, adressiert an „Special Agent John Thompson“. Ich solle mich im Rahmen meines letzten Ausbildungsjahres an einer Undercovermission beteiligen.

 

Worin die besteht, erklärt mir und einigen anderen FBI-Frischlingen jetzt ein rauchender Agent in einem Achtzigerjahrebüro in einem Hinterzimmer der Favorit Bar. Dorthin hat mich ein als Penner getarnter Agent mit widerwärtiger Alkoholfahne geschickt, am Eingang wurde ich von einem Mann in dunklem Overall und FBI-Cap angebellt, weil ich auf die Frage, ob ich Thompson sei, nicht mit einem korrekten „Ja, Sir“ geantwortet hatte. An der Wand hängen Fotos und Ermittlungsunterlagen, der Agent raucht ununterbrochen während des Briefings. Wir sollen im Haus einer alten Dame namens Lippman Hinweise auf den Verbleib eines vermisst gemeldeten Mädchens suchen. Wahrscheinlich habe der Serienkiller Buffalo Bill sie entführt.

 

Ein Ausbilder scheucht uns in einen abgedunkelten Lieferwagen, wir fahren eine Weile, ohne zu wissen, wohin. Dass der Hinterhof, durch den der Agent uns hinab in den Keller jagt – „In AZB-Haltung! Arsch zum Boden!“ – der Hinterhof der Favorit Bar ist, merken wir nicht. Unten im Keller: ein blutbeschmierter Seziertisch, Kästen voller Insekten. Nähmaschinen, Schnittmuster, Frauenperücken. Wir sind mitten in „Das Schweigen der Lämmer“, packen mit der Pinzette Haare in Beweismitteltütchen, fotografieren die Blutflecken. Angespannt, und je weiter wir hinten in die dunklen Ecken des Kellers kommen, auch ängstlich. Zurecht: Wir werden gleich die panische Entführte finden, Buffalo Bill wird wirklich kommen und uns nachstellen, bevor die Schüsse unserer FBI-Kollegen uns vor ihm retten.

Das Konzept des Mitmach-Filmabends stammt von Leuten, die schon mal sehr viel Erfolg darin hatten, die Münchner in andere Welten zu entführen: von Benny Matthias und Patrick Chaudhri, zwei der Macher der Partyreihe „Zombocombo”. Die Partys hatten jedes Mal ein anderes Motto, von Kloster bis KFZ-Werkstatt, die Locations waren entsprechend dekoriert, das Publikum verkleidet und das alles gipfelte in wilden Performances mit selbstgebastelten Requisiten. „Wir wollen die Leute auch jetzt wieder möglichst weit weg von der Realität bringen, sie möglichst weit in eine andere Welt mitnehmen”, sagt Benny. Der Aufwand dafür ist auch jetzt wieder enorm: Sieben professionelle Schauspieler führen die Gäste durch die „Schweigen der Lämmer”-Welt, dazu kommt alles, was auch ein Theaterstück an Aufwand fordert: Regie, Maske, Kostüm, Sounddesign.

 

Trotzdem ist es eben kein Theater. Die Schauspieler sind nur die Eckpunkte in der Filmwelt, stoßen die Handlung an. Die Gäste führen sie mit ihren Reaktionen weiter. In Zukunft soll das noch verstärkt werden: „Wir wollen weniger stringent sein”, sagt Patrick. „Im Idealfall schaffen unsere Kulisse und die Schauspieler nur Optionen, die die Gäste dann auf die eine oder die andere Art nutzen, sodass das genaue Ende auch von uns nicht vorhersehbar ist.”

 

Mehr Optionen bedeuten natürlich mehr Aufwand und Kosten, weshalb die Handlung im „Schweigen der Lämmer”-Keller auch nur einen Strang hat und nach etwa einer Stunde endet – oder enden soll: Zwei Gruppen entschlossen sich nämlich spontan, Buffalo Bill trotz dessen Waffe und der Warnungen ihrer Vorgesetzten einfach zu überwältigen. „Das war überraschend”, sagt Benny. „Aber ich fand’s gut.”

 

Nach der Premiere ist klar, dass die Idee funktioniert. Der nächste Filmtrip ist für den Herbst geplant. Allerdings sind noch mehr Fragen offen als beantwortet. Beim ersten Versuch haben alle Beteiligten umsonst mitgewirkt, wenn sich das ändern und der Rahmen noch größer werden soll, braucht es Sponsoren oder Kulturfördermittel der Stadt. Welcher Film es wird, kann erst entschieden werden, wenn der Spielort feststeht, und die Suche danach ist nicht leicht. „Wir wollen keine Location, an dem sonst auch normale Veranstaltungen sind”, sagt Benny. Erstens wäre das langweilig, zweitens steckt hinter dem Filmtrip auch der Gedanke, Orte zu beleben und aufzuwerten, ihren besonderen Charakter zu betonen oder sie für eine Weile zu verwandeln – so wie aus dem Keller der Favorit Bar ein Verlies wurde.

 

Nach unserer Mission kehren wir noch einmal in dieses Verlies zurück, diesmal ohne FBI-Overall und Auftrag. Auf dem Seziertisch ist jetzt eine Bar aufgebaut, wo vorher noch der Serienkiller halbnackt mit Knarre in der Hand tanzte, stehen jetzt Stühle und Sofas, davor eine Leinwand. Jodie Foster bekommt gerade als Agent Sterling ihre Mission erklärt. Noch weiß sie nicht, dass sie später mit Bill in einem Keller kämpfen wird. Sie tut mir leid. Ich habe diesen Kampf schließlich gerade erlebt.

 

Wenn du vom nächsten Filmtrip erfahren und über das Projekt auf dem Laufenden bleiben möchtest, kannst du dich auf filmtrip.org für den Newsletter registrieren.

 

 

Text: christian-helten - Foto: Gabriela Neeb