Jägermeister und der Geist der Vielfalt

Die Zukunft des Münchner "Backstage" ist ungewiss. Eine Stimmensammlung zu dem Club, der sich oft wandeln musste und doch irgendwie gleich geblieben ist.
christian-helten
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Illustration: Julia Schubert


Was seine Räumlichkeiten angeht, hat das Backstage eine bewegte Vergangenheit. Nach den Anfängen vor 20 Jahren in Fürstenried zog es an die Donnersberger Brücke, dann neben den Hirschgarten, und 2008 auf die andere Seite der Friedenheimer Brücke in die Reitknechtstraße. Aber auch dort ist seine Zukunft momentan ungewiss. Die eine Hälfte des Geländes hat das Backstage gekauft, aber die restlichen Flächen sind nur gemietet - und müssten eigentlich bis Ende 2011 geräumt werden. Zurzeit laufen die Verhandlungen über Verlängerungen der Verträge mit der Stadt und der Immobilienfirma Aurelis, und es gibt Pläne für einen Neubau auf der östlichen Hälfte des Geländes. Sicher ist also, dass das Backstage sich ein weiteres Mal verändern wird. Zeit, mal nachzufragen, was das Backstage eigentlich ausmacht und was es für München bedeutet.
 
 Tino Heidrich, Barkeeper im Backstage
 „Ich arbeite seit fünf Jahren hier, zuerst als Security-Kraft, dann als Barkeeper, außerdem organisiere ich hier eigene Veranstaltungen. Ich komme eigentlich aus Sachsen. An meinem ersten Tag nach meinem Umzug nach München fiel mir ein Backstage-Flyer in die Hände, und ich bin abends gleich hingegangen. Es war gerade Free & Easy Festival. Das dauerte zwei Wochen, und ich war fast jeden Abend da. Ich höre viel verschiedene Musik. Die findet man hier in einer für München unvergleichlichen Vielfalt.
Bei meinem Job hier an der Bar bekomme ich alles mit: hier kommen die ersten zum Vorglühen hin, später kommen die Leute, die bei mir noch Geld abheben wollen, und zum Schluss die, die total abstürzen. Das Backstage ist übrigens einer der umsatzstärksten Jägermeister-Schuppen der Welt – jedenfalls hat uns das mal ein Außendienstler von Jägermeister erzählt. Beliebt ist auch der „Pfeffi“, das ist ein Pfefferminzlikör aus der ehemaligen DDR, den ich hier quasi eingeführt habe und am ersten Freitag im Monat bei meiner Veranstaltung Pop the Trash verkaufe.“
    
Jennifer Becker, Kulturreferat der Stadt München
„Wir finden das Backstage nach wie vor wichtig für die Stadt München – nicht nur als jugendkulturelle Einrichtung, sondern auch in seiner Rolle für die Nachbarschaft. Das stellt es nicht nur beim Free & Easy Festival unter Beweis, das einen generationenübergreifenden Ansatz hat. Deswegen haben wir es von städtischer Seite auch immer wieder unterstützt. Aber allmählich ist es schwierig, wenn jedes Jahr wieder die Schließung des Backstage kommuniziert wird – seit 15 Jahren. Wir fänden es gut, wenn man inhaltlich diskutieren könnte und nicht immer mit diesen drohenden Schließungen agieren müsste. Denn man muss niemanden mobilisieren, um das Backstage zu erhalten. Alle wollen, dass es bleibt und dass es endlich einen Ort hat, an dem es langfristig sein kann.
 
Leonhard Agerer, Sprecher der Initiative „Backstage erhalten“
„Für die Nachbarschaft und den Stadtteil bedeutet das Backstage sehr viel. Das sieht man beispielsweise daran, dass das Backstage angeboten hat, die nicht gebauten Kindergartenplätze kurzfristig auf dem Gelände unterzubringen. Der Stadtteil profitiert also stark von so einer Kultur- und Stadtteileinrichtung. Zusätzlich ist das Backstage wichtig für die Jugendkultur, da finden über 500 Konzerte pro Jahr statt! Was mich bei der ganzen Geschichte stört, ist, dass der Kulturhaushalt der Landeshauptstadt München im Jahr 160 Millionen Euro umfasst, 130 Millionen davon gehen in die Kulturförderung. Anders als zum Beispiel das Feierwerk oder die Muffathalle bekommt das Backstage aber keinen Cent Zuschuss für diesen großen Teil der Jugendkultur, den es abdeckt. Dass man dem Backstage dann auch noch bei den Baugenehmigungen und Mietverträgen Steine in den Weg legt, das finde ich schon ziemlich störend.“
 



Christoph von Freydorf, Sänger der Band Emil Bulls
„Wenn ich in München ausgehe, ist seit 15 Jahren zu 90 Prozent das Backstage mein Ziel. Früher bin ich mit dem VW-Bus aus Schäftlarn auf den Parkplatz an der Donnersberger Brücke gefahren und habe dort übernachtet. Mittlerweile kann ich zu Fuß durch den Hirschgarten laufen.Wir hatten dort unsere ersten Auftritte in München, nach den Umzügen des Backstage haben wir immer die Eröffnungskonzerte gespielt, und auch unser Jahresabschlusskonzert findet immer da statt. Das Backstage ist eine Oase in dieser eigentlich hässlichen Gegend. Mit den vielen Pflanzen und dem verwinkelten Biergarten merkt man gar nicht, dass man sich mitten in einer Gleiswüste befindet. Mir fällt das schon gar nicht mehr auf, aber wenn ich Leute von außerhalb mitnehme, sind die sofort begeistert von dieser Backstage-Aura.“
  
Sebastian Sievers, Sänger und Bassist der Band Montreal
„Das Backstage ist eine feste Adresse in unserer Tourplanung, wir spielen da eigentlich mindestens einmal im Jahr. Insgesamt waren wir bestimmt schon sechs Mal im Backstage auf der Bühne. Wir kommen aus Hamburg und leben in Berlin, aber selbst in diesen Städten gibt es eigentlich keinen Club, der so viele verschiedene Hallenformate auf einem Gelände vereinigt und damit eine tolle, kleine Ausgehmeile an einem Ort versammelt. Unter den Clubs, die wir kennen, ist das Backstage einer der professionellsten. Als Band erlebt man dort immer einen vollkommen reibungsfreien Ablauf, es hakt nirgends. Deswegen habe ich bei den meisten meiner München-Besuche das Gelände auch gar nicht verlassen.“

Christian Schultze, Leiter Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum München
„Ich finde das Backstage eine gute Einrichtung, weil es die musikalische Kultur in München vorantreibt. Davon trennen muss man diese ganze Sache um den Reggae-Sänger Sizzla, der wegen seiner Hasstexte gegen Schwule umstritten ist. Wir waren dagegen, dass so jemand eingeladen wird. Da hätten wir uns mehr Fingerspitzengefühl gewünscht. Wir haben dann das Unsere versucht, um dieses Konzert zu verhindern. Das hat nicht geklappt, aber Sizzla hat sich zumindest daran gehalten, keine schwulenfeindlichen Texte zu singen. Insgesamt ist das Backstage als kulturelle Einrichtung wichtig, weil sich dort viel Jugend trifft und auch gute Musik gespielt wird. Es werden ja auch gute Bands eingeladen.“
 

Hans-Georg Stocker, Geschäftsführer des Backstage
„Das Backstage war oft gefährdet und ist schon vier Mal umgezogen. Aber der Geist des Backstage ist immer gleich geblieben. Dieser Geist ist schwer in Worte zu fassen, aber ich glaube, er hat was mit Vielfalt zu tun. Wir sind Heimat für ganz unterschiedliche Szenen. Das sieht man schon daran, dass wir im Reggae-Magazin Rhythm in den Top 5 für die besten deutschen Reggae-Clubs gelandet sind, aber auch in den Top 5 in einem Metal-Magazin. Bei uns kommen die Szenen miteinander in Berührung, genauso auch Leute aus ganz unterschiedlichen Ecken. Wir haben kommerzielle Konzerte genauso im Programm wie Veranstaltungen, die sich nicht unbedingt lohnen. Jeder Gast interpretiert etwas anderes ins Backstage hinein: Für die einen sind wir ein linkes Jugendzentrum, für die anderen eine Konzert-Location, für wieder andere das Wohnzimmer.“
 
Dirk Wagner, exzessiver Münchner Konzertgänger und SZ-Kritiker
„Obwohl es im Backstage in den letzten Jahren meiner Meinung nach unrühmliche Kapitel mit Auftritten schwulenfeindlicher Bands gegeben hat, finde ich das Backstage als Konzertort ziemlich gut. Ich mag vor allem das Werk, das ist als Veranstaltungsort in der Größenordnung hervorragend! Mein bestes Konzert habe ich dort erlebt, als die Sportfreunde Stiller ihr Akustikprogramm gespielt haben. Schade war nur, dass den Mädchen in der ersten Reihe ihre Wunderkerzen weggenommen wurden. Wunderbar war auch ein Konzert von John Lennons Sohn, Sean Lennon. Es war total leer, aber direkt vor der Bühne gab es trotzdem ein Riesengedränge. Nach dem Konzert musste er dann Beatles-Platten signieren. Aber er fände das nicht schlimm, sagte er. Schließlich hätten die Beatles ihm seine Ausbildung finanziert.“

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