Kreuzverhör

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Nächste Woche beginnt in Rio de Janeiro der Weltjugendtag, ein Treffen, bei dem katholische Jugendliche gemeinsam ihren Glauben und den Papst feiern. Auch München ist voll von katholischen Einrichtungen – und den damit verbundenen Klischees: Jungfrau bis zur Ehe? Früh heiraten? Wir haben uns umgehört, wie christlich es wirklich an Mädchenschulen, in Hochschulgemeinden, christlichen Wohnheimen und an der Jesuitenhochschule zugeht.

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Illustration: Julia Schubert


Die katholische Mädchenschule
Wenn es in der Edith-Stein-Schule zur Pause klingelt, setzt innerhalb von Sekunden im Treppenhaus ein helles Rauschen ein. Zahlreiche in Ballerinas oder Sandalen verpackte Füße mit bunt lackierten Zehennägeln trippeln die Treppen hinunter, dazu die Gespräche von mehr als 800 Schülerinnen zwischen zehn und 18 Jahren. Das Edith-Stein-Gymnasium ist eine katholische Mädchenschule. Wer hier rein will, braucht prinzipiell einen Elternteil, der Kirchensteuer zahlt. Und sollte während der Schulzeit besser nicht aus der Kirche austreten. Wer diese Bedingungen erfüllt, den erwartet täglich ein Morgengebet, organisierte Fahrten zur Papstaudienz und zum Weltjugendtag. 

Alles Dinge, die Marina, Teresa und Michaela bei ihrer Entscheidung für die Schule nach der vierten Klasse nicht interessierten: „Ich fand damals toll, dass die Schule ein eigenes Schwimmbad hat“, erinnert sich die 16-jährige Marina, während sie mit ihren gleichaltrigen Mitschülerinnen in der Aula sitzt. Um den Hals trägt sie ein Kreuz mit Jesusfigur, dazu ein schulterfreies Batikkleid. Ihre Eltern arbeiten beide für die Kirche, Marina könnte sich auch selber vorstellen, später katholische Theologie zu studieren. „Das liegt aber nicht an der Schule“, sagt sie. Obgleich es natürlich angenehm sei, wenn man in der Klasse auf Gleichaltrige trifft, die ebenfalls ministrieren und jeden Sonntag in die Kirche gehen. Trotzdem gab für alle drei Schülerinnen am Ende vor allem der Faktor „reine Mädchenschule“ den Ausschlag. „Das gibt einem einfach mehr Struktur, wenn keine Jungs als Störfaktor da sind. Wir sind hier eine richtige Einklassengesellschaft, weil nicht zwischen Geschlechtern differenziert werden muss“, sagt Michaela. Als einzige der drei Mädchen ist sie evangelisch – eine Minderheit an der Schule. So lange sie und die wenigen muslimischen oder jüdischen Schülerinnen den Religionsunterricht besuchen, ist das aber kein Problem.
 
Prinzipiell ist der Schule ihre christlicher Trägerschaft kaum anzusehen: „Es gibt hier nur eine ehemalige Ordensschwester als Lehrerin – eine Nonne in zivil quasi“, erzählt Teresa. Und auch mit den Klamotten seien die Lehrer nicht so streng: „Unser Religionslehrer stichelt immer, wenn ein Mädchen zu knapp angezogen ist, ob sie auf dem Weg zum Strand wäre. Das ist an anderen Schulen aber sicher genauso“, sagt Teresa. Sie selbst glaubt, dass es für männliche Lehrer auch nicht immer leicht mit so vielen Mädels ist: „Manche sind ja auch wirklich knapp angezogen. Und dann nie verdächtigt zu werden, irgendwo hingeguckt zu haben, ist sicher schwierig.“
 
Wenn die Mädchen sich von Außenstehenden Sprüche über die Mädchenschule anhören müssen, geht es übrigens nie um Religion, sondern immer um die fehlenden Jungs: „Entweder denken die Leute, hier tobt ein Zickenkrieg, oder, dass wir alle übel versaut sind“, sagt Michaela. „Beides ist nicht der Fall“, schiebt sie zur Sicherheit noch hinterher. „Wir essen nur mehr, weil keine Jungs dabei zugucken“, sagt Teresa. Und holt sich schnell noch eine Schnitzelsemmel für die Freistunden.
 
Die katholische Hochschulgemeinde
Allein die Cafeteria der katholischen Hochschulgemeinde (KHG) der Münchner Universitäten ist kein besonders spiritueller Ort: typische Mensastühle, nebenan ein Fitnessstudio und Räume für andere Hochschulgruppen wie Amnesty International. Erst die kleine Kapelle im Gebäude lässt auf ein christliches Umfeld schließen. Psychologie- und VWL-Studentin Katharina gefiel es hier trotzdem so gut, dass sie vor einem Jahr in der Kapelle geheiratet hat. Da war sie 20 Jahre alt und im zweiten Semester an der Uni München. Ihre Verlobung noch zu Schulzeiten stieß auch auf Unverständnis: „Natürlich dachten manche, ich wäre schwanger. War ich aber nicht“, sagt Katharina. Das ist ihr aber egal. Sie ist der Überzeugung, dass man sich sowieso nicht vor der Ehe bereits an allen Krisen erprobt haben kann: „Für mich ist die Ehe ein Versprechen, dass einem Verlässlichkeit bietet. Und ich finde es schön, dass wir einander dieses Versprechen geben konnten.“
 
Ihr Mann ist der Gemeindesprecher der KHG, Katharina selbst ist eigentlich evangelisch. „Trotzdem bin ich Teil der katholischen Hochschulgemeinde. Das gemeinsame Ausleben unseres Glaubens in einer Gemeinde ist auch ein bedeutender Teil unserer Beziehung“, sagt Katharina. Konfessionen sind dann für sie zweitrangig. Katharina sagt aber auch: „Ganz so früh hätten wir ohne unseren christlichen Hintergrund wohl nicht geheiratet.“ Prinzipiell ist die KHG natürlich nicht nur fürs Heiraten da. Neben Gottesdiensten und Bibelkreis werden auch Kurse zum Bierbrauen und Improtheater angeboten. „Die Seelsorge und die psychologischen Angebote sind außerdem sehr wichtig“, sagt Jesuitenpater Herbert Rieger. Ihm zufolge sind 60 bis 80 Studenten in der Gemeinde aktiv. Die Zahlen stagnieren. Die Gemeinschaft steht dabei im Vordergrund, nicht die Konfession.

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Das katholische Mädchenwohnheim
Günstig wohnen zwischen Gärtnerplatz und Viktualienmarkt? Dachterrasse inklusive? Was wie eine freundliche Utopie klingt, ist zumindest für Mädchen relativ einfach möglich: im Wohnheim für junge Frauen des Herz-Jesu-Klosters. Weniger als 400 Euro im Monat kosten hier die Einzimmerappartements, inklusive eigenem Bad und Küche. Dafür gibt es von der Gemeinschaftsterrasse aus einen Blick über die Stadt und wer möchte, bekommt auch noch Frühstück und Abendessen. Bewerben dürfen sich alle jungen Frauen zwischen 16 und 23 Jahren, die für eine Ausbildung nach München ziehen mussten oder hier ein Praktikum absolvieren.
 
Das einzige, was hier ein bisschen an ein Kloster erinnert, ist der begrenzte Einlass: Die Nonnen leben direkt nebenan, der Zugang zum Gebäude ist mit einer Pforte gesichert. Eine Nonne oder Bewohnerin regeln dort, dass auch wirklich nur Befugte reinkommen. Besuch über Nacht muss angemeldet werden und im Gästezimmer schlafen. Für die 23-jährige Heimbewohnerin Nina ist das alles ganz normal geworden: „Ich bin schon lange Messdienerin, war auch auf den Weltjugendtagen in Köln, Madrid und Sydney. Da war ich automatisch den Kontakt mit Nonnen gewöhnt“, sagt sie. Mittlerweile studiert Nina katholische Theologie. Für das Leben im Wohnheim ist ein katholischer Glaube aber keinesfalls Pflicht. Die meisten Mädchen hier haben keinen christlichen Hintergrund, sondern einfach nur eine gute Zeit in München.
 
Die Jesuitenhochschule
„Die ist es echt komplett anders, als man denkt“, ist der Satz, der einem reflexartig entgegengeschleudert wird, wenn man nach der Hochschule der Jesuiten in München fragt. 500 Studenten sind hier zwischen LMU und dem Englischen Garten auf die Studiengänge Philosophie und Erwachsenenpädagogik verteilt. Von den zehn Professoren sind sieben Mitglieder des Jesuitenordens. Die Pater haben sich zu Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam verpflichtet. Doch was für die Lehrenden gilt, wird bei den Studenten gänzlich Nebensache: Katholischer Glauben? Oder wenigstens eine Konfirmationsbescheinigung? Sind alles keine Nachweise, die man zum Einschreiben an der Uni braucht. „Die meisten hier wollen einfach nur philosophisches Denken und Argumentieren lernen. Der christliche Hintergrund ist dabei irrelevant“, erklärt Hochschulsprecher Christoph Sachs. Und fügt hinzu: „Manche wollen natürlich auch aus Prinzip in Diskussionen gegen das Christentum halten – das wird aber meistens sehr interessant mit den Professoren. Die sind Argumentieren ja gewöhnt.“
 
Die Studenten bestätigen das. Anton hat an der Hochschule gerade seinen Philosophie-Bachelor abgeschlossen. Er ist nicht getauft, Religionsunterricht gab es für ihn in der Schule nie. Trotzdem wollte er auf die jesuitische Hochschule: „Die hat einfach einen sehr guten Ruf, egal wo man hinkommt. Und hier geht es ja nicht um Glauben, sondern um gute Argumente beim Diskutieren“, sagt der 25-Jährige. Dementsprechend hat er es auch noch nie erlebt, dass Studenten, die stets zum Gottesdienst kommen, oder solche, die Priester werden wollen, irgendwie bevorzugt würden. Auch Kruzifixe hängen in der Hochschule nicht an der Wand. „Das würden die Jesuiten gar nicht wollen, denke ich. Die sind ja sehr auf Kontakt mit ,Laien’, wie sie es nennen, aus.“ Das einzige, wo Anton manchmal der christliche Hintergrund seiner Uni auffällt, ist die Frauenquote: „Es gibt hier keine einzige Professorin. Was bei einer Ordensbruderschaft ja auch logisch ist. Aber die Hochschule bemüht sich gerade sehr, möglichst viele Frauen einzustellen“, sagt Anton. Am Freitag wird er sein Bachelorzeugnis erhalten. Dann gehen seine Kommilitonen und er erstmal in der Hochschulkneipe „Analogie“ feiern. Wie an jeder anderen Hochschule auch.

Text: charlotte-haunhorst - und mariel-mclaughlin, Foto: micjan / photocase.com

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