La Le Lu

Nur der Mann im Mond schaut zu: Nichts verspricht so viel Freiheit, wie eine Nacht unter freiem Himmel. Ein Test in München, mit Sternen, tollen Aussichten, Wind und unangenehmen Überraschungen.
jetzt-redaktion

Es ist eine Sehnsucht, auch, wenn sie eher unregelmäßig auftaucht. Denn es ist ja so: Wir lieben die Stadt, atmen sie, nutzen sie, formen sie. Eigentlich. Nur manchmal, da wird sie uns zu viel. Dann träumen wir uns weg, ins Grüne, an die Luft, unter die Sterne. Draußen schlafen: Eine Verheißung ist das. Oder? Wir haben München mal auf sein Outdoor-Potenzial getestet – an ein paar gewöhnlichen und ein paar ungewöhnlichen Orten.
   

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Illustration: Julia Schubert



Der Turm
Mit dem Olympiaturm ist es bei mir wie mit einem Lieblingsrestaurant: Alle paar Monate muss ich hin. Und wenn ich dann oben stehe, wünsche ich mir immer, ich könnte ihn nur ein einziges Mal ganz für mich allein haben. Am besten in einer Sommernacht. Ich würde auf der höchsten Dachterrasse der Stadt übernachten und am nächsten Morgen die erste sein, die sieht, wie die Sonne über München wieder aufgeht. Tatsächlich habe ich in 180 Metern Höhe dann aber: wenigstens ein bisschen Angst. Ich will unbedingt ganz oben schlafen, vor der Gästebuchwand. Leider kann ich mich kaum halten, weil der Wind so stark ist.

Vorhin hat hier ein Typ seiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht, auf dem Boden rollt noch die vom Wind zerfledderte Rose hin und her. Unter den letzten Gästen waren auch sonst vor allem Paare – und ein hagerer Junkie-Typ mit starrendem Blick, ganz allein und im Jogginganzug. Kurz hatte ich Angst, er würde sich in der Toilette verstecken, um mir später aufzulauern. Aber jetzt sind sie alle weg, der Aufzugmann hat sie mit hinuntergenommen. Und ohne sie fühlt sich der Turm plötzlich an, als könne er zum Leben erwachen und mich, den ungebetenen Besuch, hinunter schleudern. Immerhin: Der Wind ist so warm wie ein Föhn auf der untersten Stufe. Außerdem gibt es hier oben weder Mücken noch Feuchtigkeit. Nur an den Lärm kann ich mich nicht gewöhnen. Der Sturm dröhnt, die Geländer rattern und klirren, manchmal knallt etwas und von den Leitern, die zur Spitze des Turms führen, geht ein helles Röhren aus. Ich glaube sogar, den Beton ächzen zu hören. Dabei hatte ich mir eine friedliche Stille ausgemalt.

Unter mir jetzt also München, nachts. Manchmal dringt ein Kreischen zu mir herauf oder das Hupen eines Lasters. Der Wind trägt willkürlich Geräuschfetzen aus der Stadt herauf und es klingt dann, als seien sie ganz nah – auf der anderen Seite der Plattform. Genau dort, wo ich nicht hinsehen kann. Zwischen halb drei und halb fünf schlafe ich dann doch, wenn auch unruhig. Irgendwann die Rettung: Ein grünlich rosafarbener Schleier legt sich von Osten aus auf die Stadt, die Lichter erlöschen und aus der schwarzen Fläche werden lauter helle Graustufen. Die Straßen sind sonntagmorgenleer und sehen sehr sauber und trocken aus. Als die Sonne gleißend da ist, beginnt alles zu glänzen. Ich warte nicht auf die ersten Gäste, die gegen neun Uhr kommen, ein sehr freundlicher Herr fährt mich schon vorher mit dem Aufzug hinunter. Zu Hause falle ich in mein Bett, in eine harmlos ebenerdige Stille.  

mercedes-lauenstein
 


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Illustration: Julia Schubert


Der Balkon
Schon klar: Verglichen mit Übernachtungen auf Inseln, Hügeln und an Seen ist der Balkon etwas für Anfänger. Keine Ameisen, keine gefährlichen Tiere, keine Betrunkenen, in deren Weg man sich mit seiner Isomatte gelegt haben könnte. Bad und Kühlschrank sind fußläufig erreichbar, der Morgenkaffee kommt in der gewohnten Tasse daher. Nun jedoch das große Aber: Im Gegensatz zu all den exotischen Plätzen der Einweg-Abenteurer ist der Balkon der einzige Ort, an dem man ein wirklicher Profi im Freiluftschlafen wird – weil man es regelmäßig tun kann. Und das machen wir: Immer, wenn das Thermometer die interessanten Zonen erreicht und ich nicht zu faul bin, schleppe ich die schwere Matratze aus dem Schlafzimmer und hebe sie auf den Balkon.

Dort wartet Madame schon mit einem kalten Bier, das wir dann zum Einschlafen trinken. Unser Balkon ist dafür ideal: Die Matratze passt exakt zwischen Wand und Blumenkästen, am Fußende bleibt ein bisschen Platz für Gießkanne, Gerümpel und Gummibärchen. Wir wohnen im Hinterhaus, es fahren also keine Autos unter uns, ein großer Baum verhindert zu neugierige Blicke. Und weil die Balkone leicht versetzt gebaut sind, steht nichts zwischen uns und dem Sternenhimmel.

Während Madame schon wegschlummert, lausche ich noch ein wenig in den Hinterhof hinein. Im Vorderhaus hat jemand Sex, in der WG im Nachbarhaus rechts hört jemand wie immer Reggae, ganz leise. Im Quergebäude links, ganz oben unter dem Dach, da schnarcht einer. Anscheinend gar nicht leise, aber das macht nichts: Auf dem Weg durch das gekippte Fenster, über die Hofmauer hinweg bis hinauf zu unserem Balkon verliert das Geräusch seine Eindringlichkeit. Es klingt eigentlich ganz gemütlich. 

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Illustration: Julia Schubert


Die Insel
Mit dem Übernachtungsgepäck auf die Insel zwischen Reichenbach- und Wittelsbacherbrücke zu kommen, ist gar nicht so leicht, der Strömung und der Steine wegen. Wir dachten, die Isar sei flacher. Drüben sind wir beide nass bis zum Nabel, dafür ist es auf der Insel umso idyllischer: auf einer Luftmatratze im Sand mit Bier und Keksen, umgeben von Wasser und den Geräuschen der Stadt, die nie ganz schläft. Erst feiern noch Leute am Kulturstrand zwei Brücken weiter, die man tatsächlich bis hier hin hört, dann folgt das Klackern der Pfandflaschensammler und ein paar Gänse rufen. Wir haben sogar Nachbarn, die auf der Insel zelten und einen Hund dabeihaben, der Müll aus dem Gebüsch schleppt. Ansonsten: keine Gesellschaft, nur ein paar Enten. Darum können wir auch ohne Angst vor pöbelnden Isarbiertrinkern unterm klaren Sternenhimmel schlafen.

Kalt ist es eigentlich nicht, nur sehr klamm und überall bleibt nasser Sand kleben, auch zwischen den Zähnen. Nach vier Stunden Schlaf zieht um fünf Uhr die Dämmerung über dem Deutschen Museum auf und das ist sehr, sehr schön. Erste Jogger sind bereits unterwegs, manche führen ihren Hund aus. Danach fahren wir in unseren Schlafsachen mit dem Rad heim. Unsere Klamotten vom Vorabend sind nämlich immer noch nicht trocken, dabei haben wir sie so liebevoll auf einen Baum drapiert. So wie echte Naturmenschen das unserer Vorstellung nach halt tun.

nadja-schlüter, charlotte-haunhorst



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Illustration: Julia Schubert


Die Wetterspitze
Es gibt da diesen Berg. Kreisrund ist er, wahrscheinlich aus Trümmern aufgeschüttet. Er sieht aus wie ein ein großer Kegel, auf dem abgeflachten Gipfel stehen ein paar Bäume, ebenfalls kreisrund angeordnet. Er steht dort, wo die A96 auf den mittleren Ring trifft, und ist umgeben von den Schleifen der Autobahnauf- und Abfahrt, die auch seine Form definieren. Ich bin wahrscheinlich tausend Mal an diesem Hügel vorbeigefahren, und ich fand ihn schon immer faszinierend. Wie er da so steht: ein grünes Idyll im dröhnenden Verkehr, das doch so künstlich wirkt mit seiner exakten Rundung.

Jetzt also werde ich dort übernachten. Ich komme mir sehr hobbitmäßig vor. Seitdem ich als Kind „Herr der Ringe“ gelesen habe, nenne ich ihn „Wetterspitze“, nach dem Berg, auf dem Frodo und seine Gefährten auf ihrem Weg übernachten und zum ersten Mal von den bösen schwarzen Mordor-Ringgeistern angegriffen werden. Ich habe das extra noch mal nachgeschlagen: Auch Tolkiens Wetterspitze ist „kegelförmig und oben etwas abgeflacht“. Ein Hobbit am Mittleren Ring also. Ich habe alles dabei. Schlafsack, Isomatte, Brotzeit, eine Stirnlampe, Kerzen und ein Buch. Muss super werden, Ringgeister gibt es ja hier nicht, meine einzige Sorge ist, dass der Verkehr nachts zu laut ist.
Oben ist es erstaunlich idyllisch, die Sonne geht gerade unter, hohes Gras, sanftes Grün. Ich suche einen geeigneten Platz für meine Isomatte, lege meinen Rucksack beiseite. Und merke, dass weder der Verkehr noch irgendwelche Fantasie-Monster das Problem sind. Nein, es sind, ganz banal: Ameisen. Sehr viele Ameisen. Sehr viele aggressive Todesameisen des Grauens! Überall, wohin ich auch flüchte. Mein Rucksack ist von ihnen übersät. Sie krabbeln mir die Beine hoch, in die Schuhe, irgendwie sind sie auch auf meine Arme und in meinen Nacken gelangt. Hier eine Nacht zu schlafen – daran ist nicht zu denken. So bitter es ist: Ich trete nach fünf Minuten den Rückzug an. Totaler Draußenschlaf-Fehlgriff. Immerhin weiß ich jetzt eines: Dieser Hügel ist kein Schuttberg, kein Maulwurfshügel und keine Wetterspitze. Sondern ein riesiger Ameisenhaufen. 

christian-helten
 


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Illustration: Julia Schubert


Der See
Handtücher, soweit das Auge reicht, lärmende Kinder und Frauen ohne Bikinioberteil, die bei 35 Grad in der Sonne schmoren. An heißen Sommerwochenenden herrschen am Riemer See fast balearische Verhältnisse. Unter der Woche wird der künstliche Badesee allerdings gerade am Abend zu einem Ruhepol: vereinzelte Schwimmer, ein paar Enten, das ein oder andere picknickende Pärchen. Während sich in der Stadt die Hitze staut, kann man sich eigentlich nichts Schöneres vorstellen, als die Nacht direkt am Wasser zu verbringen – bei leichtem Wind und Grillenzirpen.

Leider kippt diese Idylle nach Einbruch der Dunkelheit recht schnell: Anstelle des Mondes beleuchten grelle Laternen den See, und die Temperaturen pendeln sich nicht bei „angenehm kühl“ ein, sondern sinken auf „ziemlich eisig“. Aufgrund einer naiven „Es-ist-doch-Sommer“-Einstellung habe ich nur ein leichtes Baumwolltuch als Decke eingepackt, unter dem ich erbärmlich friere. Weder das mitgebrachte Bier noch die zu einem Schal umfunktionierte Schlafanzughose helfen da groß weiter. Zu späterer Stunde rotten sich dann auch noch Jugendliche zu lautstarken Trinkrunden zusammen. Wahrscheinlich feiern sie den Ferienbeginn. Sie bleiben sehr lange. Wenigstens bleibe ich in dem hohen Ufergras unentdeckt.

Als ich nach ein paar Stunden Schlaf am nächsten Morgen aufwache und steif gefroren meine Sachen packe, liegt der See wieder friedlich im ersten Tageslicht da. Bei Helligkeit gefällt er mir wirklich bedeutend besser.
paulina-hoffmann

Text: jetzt-redaktion - Fotos: juri-gottschall

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